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Projektdauer: 2004 -

Wie wirken Lawinen auf die Natur?

Lawinenzug im Winter
Lawinenzug im Sommer
Lawinenzug im Winter und im Sommer. Durch Lawinen werden die
Umweltbedingung verändert, wodurch verschiedenste Pflanzengesellschaften
einen Platz zum Überleben finden.

Es ist Winter. Nach einem starken Schneefall donnern Lawinen zu Tale. Mit ihrer unheimlichen Kraft brechen sie Bäume wie Streichhölzer; was im Weg steht, wird mitgerissen. Einige Monate später schmelzen die letzten Schneereste, Blumen und Gräser blühen in der Lawinenbahn. Da drängt sich die Frage auf: Wie wirken Lawinen auf die Natur?

Obwohl Lawinenbahnen nur einen relativ kleinen Anteil an der Landschaft haben, beeinflussen sie die Vielfalt und Dynamik von Gebirgslandschaften. Weil die Zahl der Lawinenverbauungen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat, ist zu befürchten, dass das Unterdrücken von Lawinen die Strukturen von Gebirgslandschaften in den Europäischen Alpen stark verändern kann. In einem Projekt der Eidg. Forschungsanstalt WSL wurde über mehrere Jahre die Wirkung von Lawinen auf beziehungsweise die Bedeutung ausbleibender Lawinen für die Biodiversität, die Waldstrukturen und die Landschaftsmuster untersucht.

Lawinen erhöhen die Vielfalt im subalpinen Fichtenwald

Die Zerstörungskraft der Lawinen weist für die Natur auch positive Aspekte auf. Sie schafft Standortbedingungen, die einer ganzen Reihe von Pflanzen überhaupt erst das Überleben ermöglichen. Grosse, dominierende Bäume werden von Lawinen umgeknickt. Als Folge erreicht in Lawinenzügen viel mehr Licht den Boden als im angrenzenden Wald. Auch Wasser und Nährstoffe sind reichlicher vorhanden. Und die mechanische Belastung durch die Lawinen ist für kleine Pflanzen gering: Die Schneedecke schützt sie, oder sie sind (noch) elastisch genug, um sich den Schneemassen zu beugen.

Je häufiger in einem Lawinenzug die Lawinen niedergehen, desto artenreicher und diverser ist die Vegetation. Lawinenzüge, in denen jährlich Lawinen zu Tale stürzen, beherbergen rund dreimal mehr Arten als der angrenzende Wald. Erstaunlicherweise profitieren nicht nur Pionierpflanzen. Diese sind nur dann stark vertreten, wenn in den letzten Jahren Wald zerstört wurde. In den anderen Lawinenzügen fühlen sich konkurrenzstarke, mehrjährige Pflanzen wohl. Das zeigt, dass trotz häufiger Störungen relativ stabile Verhältnisse herrschen. Da die mechanische Belastung im Zentrum der Lawinenzüge grösser ist, da kleinere Niedergänge nicht den ganzen Lawinenzug betreffen und da an den einen Stellen Schnee mitgerissen, an anderen abgelagert wird, herrschen auf engem Raum unterschiedlichste Umweltbedingungen. Die bio logische Vielfalt ist entsprechend gross. Viele verschiedene Arten und Gesellschaften finden passende Lebensbedingungen: die "typische Lawinenpflanze" gibt es nicht.  

Die Anzahl Pflanzenarten in verbauten und unverbauten Lawinenzügen ist zwar gleich gross, hingegen unterscheidet sich deren Artenzusammensetzung: In verbauten Lawinenzügen deuten die ökologischen Zeigerwerte der Pflanzen auf eine geringere Vielfalt von Kleinlebensräumen hin. Zudem ist die Anzahl alpiner Arten dort kleiner als in unverbauten Lawinenzügen. Die Unterdrückung von Lawinen beeinflusst zudem die Landschaftsstruktur. Ein Vergleich zwischen den Jahren 1950 und 2000 in der Landschaft Davos zeigt, dass der Wald ohne Lawinen zunimmt und die Waldstruktur homogener wird. Dies dürfte einerseits auf die veränderte Landnutzung, andererseits auch auf die veränderte Lawinenaktivität zurückzuführen sein.
In Zukunft werden offene Waldhabitate in Bergregionen durch Klimaerwärmung und Nutzungswandel vermutlich weiter zurückgehen. Die Erwärmung kann zu einem Anstieg der Waldgrenze und die Nutzungsaufgabe zu einer Ausdehnung der Waldfläche führen. Dem Lebensraum Lawinenzug kommt dann eine um so grössere Bedeutung als Rückzugsgebiet für Wiesenblumen aus intensiv genutzten Tieflagen und für alpine Arten zu. "Störungen" durch Lawinen erscheinen so gesehen in einem neuen, unerwartet positiven Blickwinkel für die Erhaltung einer möglichst grossen Pflanzenvielfalt.

Waldstruktur in Davos im Jahr 1950Waldstruktur in Davos im Jahr 2000
Abb. 2: Waldstruktur in Davos im Jahr 1950 (links) und 2000 (rechts). Flächen unterschiedlicher Grautöne zeigen unterschiedliche Walddichten (hellgrau: geringe Dichte, dunkelgrau: hohe Dichte). 

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Stichworte Artenvielfalt, Lawinen