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Projektdauer: 2009 - 2015

Schneemetamorphose neu gesehen

Temperaturunterschiede in der Schneedecke sind in der Natur praktisch immer der Grund dafür, dass trockener Schnee sich umwandelt. Die sogenannte Schneemetamorphose verändert Neuschnee innerhalb von wenigen Tagen. Sie kann zur Bildung von schwachen Schichten führen und ist somit auch für die Entstehung von Lawinen entscheidend. Seit einigen Jahren untersucht das SLF die Schneestruktur und ihre Metamorphose mit Mikro-Computertomographie im Kältelabor (in-situ).

Beispiel Tiefenreif

Bei der Schneemetamorphose wandelt sich ein Kristall in einen neuen um. Tiefenreif ist die auffälligste Schneeform, die sich dadurch am Boden bildet. Sie ist charakterisiert durch ihre ausgeprägten becherförmigen Kristalle. Bis vor kurzem gingen die Schneeforscher davon aus, dass die grössten Kristalle auf Kosten der kleinen wachsen und dabei ihren Kern, die umgewandelte Schneeflocke, behalten.

Tiefenreifkristall

Abb. 1: Ein typischer, aus seinem Verbund gelöster, Tiefenreifkristall (ca. 2.5 mm hoch). Die kantige Fläche unten ist die Wachstumszone, der obere rundliche Teil ist zum Teil am sublimieren.

Schneemetamorphose erstmals sichtbar gemacht

Mit vier-dimensionaler Mikro-Computertomographie konnten nun B. Pinzer, M. Schneebeli und T. Kämpfer die Bildung von Tienfreif erstmals direkt beobachten (s. Film).

Film: Der Temperaturgradient beträgt während dreier Wochen konstant 50°C pro Meter - Bedingungen, wie sie während kurzer Winterperioden auch in freier Natur vorkommen können. Die Kristalle wachsen an ihrer Unterseite, da diese in der Regel kälter ist als die Oberseite des darunterliegenden Kristalls. Die scheinbare Bewegung gegen unten wird durch das kontinuierliche Sublimieren an der Oberseite und das stetige Anwachsen an der Unterseite verursacht, nicht durch mechanische Setzung. © The Cryosphere


Dabei fanden sie überraschenderweise einen völlig anderen Mechanismus als bisher vermutet: Alle Kristalle wurden mehrfach vollständig sublimiert („abgebaut“) und an anderer Stelle wieder „aufgebaut“. Während des dreiwöchigen Experiments wandelten sich die Kristalle sechs- bis siebenmal vollständig um. Die Lebensdauer eines Schneekristalls betrug somit 2-3 Tage.

Lebensdauer der Kristalle
Abb. 2: Die Lebensdauer der Kristalle während eines Experiments nach 9, 18 und 27 Tagen (von oben nach unten). Nur ganz wenig Eis ist älter als 8 Tage, so der oberste Teil des Tiefenreifkristalls im untersten Bild. 60% des Eises erneuert sich innerhalb von 2-3 Tagen.

Dampffluss bleibt konstant

Die Wissenschaftler konnten während der Metamorphose auch den Dampffluss erstmals direkt messen. Obwohl sich die Form der Kristalle sehr stark änderte, wurde immer gleich viel Wasserdampf transportiert, d. h. der Dampffluss blieb während des ganzen Experimentes konstant. Diese Art von Transport wird als „Hand-zu-Hand“ Transport bezeichnet, Z. Yosida und Kollegen konnten ihn erstmals in den 1950er Jahren beobachten. Ihre indirekten Messungen des Dampfflusses waren allerdings zu hoch, was zu der bis heute andauernden Kontroverse führte, ob die Wasserdampf-Diffusion im Schnee grösser ist als in der Luft. In diesem neuen Experiment konnten die SLF-Wissenschaftler diese Frage nun klären: Die Diffusion im Schnee ist eine physikalische Konstante und damit gleich wie zwischen zwei Eisplatten.

Schneemetamorphose nahe der Oberfläche

Die Schneeschichten nahe der Oberfläche spielen eine entscheidende Rolle sowohl bei der späteren Bildung von Schwachschichten als auch für fotochemische Prozesse innerhalb der Schneedecke. An der Schneeoberfläche kann sich nicht nur der Temperaturgradient ändern, sondern auch dessen Richtung. Mit anderen Worten: Manchmal ist es an der Oberfläche wärmer als in der Schneedecke und wenige Stunden später kann es umgekehrt sein. Mit hochauflösender Computertomographie analysierten SLF- Wissenschaftler im Labor in weltweit einzigartigen Experimenten, wie ein Temperaturgradient, der die Richtung wechselt, die Schneemetamorphose beeinflusst.

60% des Schnees wandelt sich um

Dabei wurde Neuschnee einem zyklischen Temperaturgradienten von ± 90 Grad pro Meter ausgesetzt, so wie er an klaren Wintertagen in ca. 10 cm Tiefe auftritt. Innerhalb von 12 Stunden wandelte sich 60% des gesamten Schnees um. Diese Umkristallisation führte zu grösseren und weniger verbundenen Schneestrukturen. Die Schneekristalle wurden dabei in ärmchenförmige, abgerundete Kristalle umgeformt, nicht jedoch in kantige Formen (Abb. 3).

Schneemetamorphose Schneemetamorphose  
Abb. 3: Schneekristall zu Beginn und am Ende des Experimentes nach 14 Tagen im gleichen Massstab. Während dieser Zeit betrug die Amplitude des sinusförmigen Temperaturgradienten konstant 90 Grad pro Meter.

Bei einer Umwandlung in eher längliche Strukturen bleibt der Schnee weich wie Neuschnee, obwohl seine Struktur nun eine ganz andere ist. So erscheint der Schnee dem Skifahrer fast wie Neuschnee. Würde der Schnee zu kugeligen Formen abgebaut, würde er sich viel stärker setzen und dabei härter werden. Die länglichen, im Vergleich zu Neuschnee weniger verbundenen Strukturen sind aber auch eine brüchige Unterlage und können später, wenn Schnee darauf fällt, zu einer Schwachschicht werden, auf der sich Lawinen bilden können.

Das Projekt wurde vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt.

Film

© AGU

Publikationen

Pinzer, B. R., Schneebeli, M., and Kaempfer, T. U. (2012) Vapor flux and recrystallization during dry snow metamorphism under a steady temperature gradient as observed by time-lapse micro-tomography, The Cryosphere, 6, 1141-1155, doi:10.5194/tc-6-1141-2012. >>

Pinzer, B. R., and M. Schneebeli (2009), Snow metamorphism under alternating temperature gradients: Morphology and recrystallization in surface snow, Geophys. Res. Lett., 36, L23503, doi:10.1029/2009GL039618. >>

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Stichworte Schneemetamorphose