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Entstehung von Nassschneelawinen

Nassschneelawinen am Dorfberg, Davos
Abb. 1: Nassschneelawinen am Dorfberg oberhalb von Davos (Foto: W. Steinkogler/SLF).
 
Entstehung von Nassschneelawinen
Abb. 2: Regen und oberflächliche Schmelze erzeugen Wasser in der Schneedecke. Wasser kann sich stauen, die Festigkeit des Schnees nimmt drastisch ab und es kann zu Lawinen kommen.
 
Saugkraft von Wasser bei Schneekristallen
Abb. 3: Wasser kann Verbindungen von Schneekristallen verstärken (Saugkraft), wie hier im Bild. Es kann die Verbindungen aber auch auflösen und somit schwächen (Foto: C. Fierz/SLF).
 
Tracer-Experimente
Abb. 4: Tracer-Experimente zeigt komplexe Fliesswege von Wasser in der Schneedecke (Foto: F. Techel/SLF)

Entstehung von Nassschneelawinen

Der Frühling ist Nassschneelawinensaison. Nassschneelawinen folgen typischerweise einer Periode hoher Lufttemperatur (über Null Grad) und starker Strahlung im Frühling oder lösen sich während Regenfällen (auch im Hochwinter). Sie können Infrastruktur und Siedlungsraum in den Bergen gefährden. Ungefähr jeder zehnte tödliche Lawinenunfall in den Schweizer Alpen wird durch eine Nassschneelawine verursacht. Im Unterschied zu Lawinen aus trockenem Schnee sind künstliche Auslösungen eher selten und Lawinensprengungen generell weniger erfolgversprechend.

Nassschneelawinen bisher kaum erforscht

Die Mechanismen, die zur Entstehung von Nassschneelawinen führen, sind bis heute kaum erforscht. Klar ist, dass das Eindringen von Schmelz- bzw. Regenwasser und seine Wechselwirkung mit der umgebenden Schneedecke deren Stabilität bestimmen. Um den Abgangszeitpunkt und die Grösse von Nassschneelawinen abschätzen zu können, müssen sowohl die meteorologischen Bedingungen als auch der Schneedeckenzustand berücksichtigt werden. Lufttemperatur und Strahlung genügen nicht für eine zuverlässige Lawinenprognose – zu häufig ist es warm, ohne dass eine Lawine abgeht. Messungen zur Schneedecke sind schwierig, da sich die Schneedeckeneigenschaften beim Eindringen von Wasser schnell verändern. Die resultierenden instabilen Verhältnisse dauern oft nur kurz an, und es kann je nach Exposition, Neigung und Höhenlage markante Unterschiede geben.

Um dem Geheimnis der Nassschneelawinen auf den Grund zu gehen, hat das SLF in den letzten Jahren verschiedene Projekte initiiert. Zum einen möchten die Forschenden die Prozesse besser verstehen, die zur Instabilität in der Schneedecke führen, zum anderen aber auch der Praxis Hinweise und Regeln im Umgang mit Nassschneelawinen vermitteln. Bisher haben die Wissenschafter und Wissenschafterinnen in diesen Projekten v.a. verschiedene Methoden getestet.

Radar ermöglicht neue Messungen

Die Stabilität der nassen Schneedecke hängt von der Menge an Wasser im Schnee ab. Ist nur wenig Wasser vorhanden, wirkt dies sogar stabilisierend, da durch kapillare Kräfte die Schneekristalle aneinander gebunden werden. Gelangt viel Wasser in die Schneedecke und wird es an einer Schichtgrenze gestaut, zerstört es die Bindungen zwischen den Schneekristallen und die Schicht wird somit instabiler. Wasser wird dabei nicht nur oberhalb von Krusten gestaut, sondern auch beim Übergang von feinkörnigem zu grobkörnigem Schnee (kapillare Barriere).

Es ist also wichtig, die Menge an Wasser und seine Bewegung in der Schneedecke genau zu kennen. Wasser kann gleichmässig, aber auch ganz unregelmässig in der Schneedecke abfliessen. Dieses komplexe Stau- und Abflussverhalten erschwert die Platzierung von Messinstrumenten und verkompliziert die numerische Simulation von Wasserbewegungen im Schnee. Sensoren, die direkt im Schnee stecken, können ausserdem die Messung des Wassergehaltes beeinflussen und somit ein falsches Bild erzeugen. Deshalb vergruben die Wissenschafter am Versuchsfeld Weissfluhjoch (2540 m), oberhalb von Davos, vor dem ersten Einschneien ein aufwärtsschauendes Bodenradar. Mit dem Radar können sie den Wassergehalt und die Infiltrationsgeschwindigkeit bestimmen, ohne die Schneedecke zu beeinflussen oder zu zerstören. Bisher ist es allerdings noch nicht gelungen die Menge an Wasser in den einzelnen Schneeschichten exakt zu berechnen.

Das Schneeprofil – auch für nassen Schnee eine Quelle an Information

Genau wie im trockenen Schnee, ist auch im nassen Schnee das Schneeprofil eine wichtige Untersuchungsmethode. Auswertungen von Profilen aus eher instabilen Schneedecken und solchen aus Anrissen von nassen Schneebrettlawinen, haben gezeigt, dass häufig eine isotherme (vollständig auf Null Grad aufgewärmte) Schneedecke sowie weiche, oft noch kantige Schichten und ein hoher Wassergehalt anzutreffen sind. Wichtige Grössen wie die Menge an Wasser in einer Schneeschicht sind ohne quantitative Messinstrumente aber schwierig zu bestimmen. Verglichen mit objektiven Messmethoden wird der Wassergehalt in der Schneedecke auch von erfahrenen „Schneeschmöckern“ gerne überschätzt. Deshalb möchten die Forschenden einfache Messgeräte entwickeln], die den Wassergehalt genau ermitteln und in jeden Rucksack passen – ähnlich einem Schneethermometer.

Noch zu früh für konkrete Aussagen

Nach einer zweijährigen systematischen Testphase von Methoden für Nassschneeforschung im Feld und Modellierungen des Wassergehaltes in der Schneedecke konnten die Wissenschafter daraus erste Daten und Erkenntnisse gewinnen. Allgemein gültige Schlüsse, welche meteorologischen Bedingungen und Schneedeckeneigenschaften zu Nassschneelawinen führen, können sie derzeit aber noch nicht ziehen und sind erst am Ende der nächsten Wintersaison zu erwarten.

Film: W. Steinkogler, SLF

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