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Remoteness im Südalpenraum – Chance für den Wandertourismus

Der Wandertourismus in den remoten Gebieten des Sopraceneri und Moesano

Diplomarbeit von Florian Boller

Val Camasopra
Das Val Cama (GR) – remotes Wandergebiet in der Südschweiz.
Foto: Florian Boller
Downloads (pdf):

- Artikel im Informationsblatt Landschaft der WSL (70/2008).
- L’escursionismo in Val di Lodrino – Risultati dell’inchiesta ‘La remotezza nelle valli sudalpine, un'opportunità per il turismo escursionistico’. Presentazione a Lodrino, 16 novembre 2007 (2.6 MB)
- Zusammenfassung Deutsch
- Abstract (English)
- Riassunto (Italiano)
- Diplomarbeit mit Anhang (101 MB)
- Diplomarbeit ohne Anhang (12 MB)
- Poster

Remoteness als Qualität

Remoteness wird in der vorliegenden Arbeit definiert als Eigenschaft von Landschaftsräumen (grösseren Ausschnitten der Erdoberfläche), die nur zu Fuss durchquerbar sind und in räumlich-zeitlicher, wirtschaftlich-gesellschaftlicher und visueller Hinsicht eine grosse Entferntheit zum urbanen Wirtschafts- und Lebensraum aufweisen. Aus verschiedenen Gründen gibt es Menschen, für welche unerschlossene, unbekannte und naturnahe Räume attraktive Reiseziele sind. Remoteness wird in dieser Arbeit als eine Qualität betrachtet, die insbesondere für den Wandertourismus genutzt werden kann. Diese Betrachtungsweise ist in Kanada, Skandinavien oder Neuseeland bereits seit längerer Zeit verbreitet. Remote Gebiete sind in den Alpen aufgrund der zunehmenden touristischen Erschliessung rar geworden. Im Sopraceneri (Nordtessin) und im Misox (südwestlichster Teil Graubündens), können aber immerhin 34% der Gesamtfläche zu den remoten Gebieten gezählt werden.

67 remote Gebiete im Sopraceneri und Moesano lokalisiert und charakterisiert

Im "Inventar der remoten Gebiete" wurden alle 67 remoten Gebiete des Sopraceneri (nördlicher Kanton Tessin) und Moesano (südwestlicher Kanton Graubünden), die grösser als 5 km2 sind, aufgenommen und auf Basis geographischer Informationssysteme (GIS) charakterisiert. Das Inventar zeigt unter anderem, dass es in 38% der remoten Gebiete keine Übernachtungsgelegenheiten und in 30% der Gebiete keine markierten Wanderwege gibt. Aus dem Inventar geht hervor, dass es im Allgemeinen auch in den remoten Gebieten ein recht dichtes und variiertes Netz an Wegen und Hütten gibt. Die remoten Gebiete sind aber oft sehr unbekannt und können nur unter grossem zeitlichen Aufwand durchquert werden. Anhand von 15 quantitativen Faktoren wurden die Gebiete in extrem, mittel und moderat remote Gebiete aufgeteilt.

Befragung von 230 Wanderern in den remoten Gebieten Val Cama (GR) und Val di Lodrino (TI)

Im moderat remoten Val Cama (Kt. Graubünden) und im extrem remoten Val di Lodrino (Kt. Tessin) wurde im Sommer 2006 eine Befragung von Wanderern mit schriftlichen Fragebögen (deutsch/italienisch) durchgeführt. Aus dem Val Cama konnten 160 ausgefüllte Fragebögen ausgewertet werden, aus dem Val di Lodrino 70. Jeder Fragebogen beinhaltete 120 Variablen. Die Analyse der Antworten zeigt, dass 67% der Remoteness-Besucher Männer sind, dass die Hälfte im Tessin/Moesano, ein Drittel in der Deutschschweiz und jeder Zehnte in Italien wohnt, dass die Hälfte Mitglied einer Natur- oder Umweltschutzorganisation ist und dass zwei Drittel einen Abschluss auf Tertiärstufe besitzen.

Heterogene Bedürfnisse: Puristen, Pragmatiker und Strukturisten

Die Befragten unterscheiden sich stark in ihrer Meinung zum erwünschten Ausmass anthropogener Aktivitäten in abgelegenen Tälern. Deshalb wurde auf Basis der in Nordamerika, Skandinavien und Neuseeland entwickelten "Purismus-Skala" eine Typologie der Remoteness-Wanderer erstellt. Je nach Antwort zu 18 verschiedenen Fragen wurden diese in drei Gruppen unterteilt:

  1. Puristen, die gegenüber anthropogenen Interventionen in die Natur sehr sensibel sind, möglichst wenig andere Touristen antreffen möchten und nur primitive touristische Einrichtungen benötigen.
  2. Pragmatiker, die von Fall zu Fall abwägen, ob es in bestimmten Situationen bessere Angebote oder weniger anthropogene Eingriffe braucht und vielen Faktoren neutral gegenüberstehen.
  3. Strukturisten, die sich auch in abgelegenen Gebieten ein gutes Angebot (Sicherheit, Komfort und Infrastruktur) wünschen und ordnende Eingriffe des Menschen in die Natur schätzen.

Die Analyse ergibt, dass im moderat remoten Val Cama 24% der Wanderer zu den Puristen zählen, 42% zu den Pragmatikern und 34% zu den Stukturisten. Im Vergleich dazu gehören im extrem remoten Val di Lodrino mit 45% der Befragten deutlich
mehr Wanderer zu den Puristen, lediglich 23% hingegen zu den Pragmatikern und etwa gleich viele, nämlich 32%, zu den Strukturisten. Die Puristen unterscheiden sich u.a. in sozialstatistischer Hinsicht von den anderen Besuchertypen: vor allem bei Personen zwischen 20-39 Jahren, bei nicht lokal und in städtischen Gebieten wohnhaften Personen sowie bei Mitgliedern von Umweltorganisationen ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie zur Gruppe der Puristen gehören.

Erhalt der Infrastrukturen und sanfte Promotion befürwortet – Ausbau der Infrastrukturen umstritten

Aus Sicht des Managements remoter Gebiete ist es wichtig, die Akzeptanz von Massnahmen zur Förderung des Wandertourismus zu kennen. Von allen Wanderertypen positiv beurteilt werden der Erhalt der bestehenden Infrastrukturen, die Verbesserung der Signalisation, der Verpflegungsmöglichkeiten, des Informationsmaterials und des öffentlichen Verkehrs, die Realisierung von Weitwanderwegen und die sanfte Vermarktung des Wandertourismus. Von Puristen abgelehnt, von Strukturisten befürwortet werden der Ausbau des Hütten- und Wegnetzes, die Realisierung von geführten Touren, der Bau von
Passagier-Seilbahnen und die Verbesserung des Handyempfangs. Von Puristen befürwortet, von Strukturisten abgelehnt wird das freie Zelten an bestimmten Orten. Von allen 3 Typen negativ beurteilt werden die Erschliessung mit Fahrstrassen, Helikopterflüge, der Bau von Gebäuden moderner Bauart sowie die Zulassung von freiem Zelten überall.
Die Elemente der traditionellen Kulturlandschaft werden von den Befragten sehr positiv bewertet. Die brachebedingte Wiederbewaldung wird von einer deutlichen Mehrheit der Befragten als Verlust für das Landschaftsbild und die landwirtschaftliche Kultur empfunden.

Schlussfolgerung: Nachhaltige Förderung des Wandertourismus sinnvoll

Schlussfolgerung der Arbeit ist, dass eine nachhaltige, sanfte Förderung des Wandertourismus in remoten Gebieten Sinn macht, da die Gefahr der Übernutzung eher gering und lösbar scheint und vieles darauf hindeutet, dass die Nachfrage nach remoten Gebieten in den nächsten Jahren zunehmen wird. Die Förderung muss allerdings ziel- und zielgruppengerecht gestaltet werden. Auf Neuerschliessungen und störende menschliche Eingriffen (Helikopterflüge, Lärm) soll wenn möglich verzichtet werden. Breit angelegte Förderungen, welche die Vermarktung mit einschliessen, sind vor allem in moderat
remoten Gebieten und in Verbindung mit wirtschaftlichen Aktivitäten in den Dörfern sinnvoll. Auch in extrem remoten Gebiete soll die Zugänglichkeit wenn möglich mit minimalen Eingriffen (Zurückschneiden von Büschen, Unterhalt von Schutzhütten) aufrecht erhalten werden, für die finanzielle und personelle Mithilfe beim Unterhalt könnte vermehrt auch auf die Nutzer zurückgegriffen werden.

Beteiligte

Kontakt:  Florian Boller
Betreuung: Patrik Krebs, WSL

Marcel Hunziker, WSL

Hans Elsasser, Geogr. Inst., Universität Zürich

 

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