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Wachsen auf Berggipfeln die gleichen Pflanzen wie vor 100 Jahren?

Feldbuch Heer

Der Forscher Oswald Heer fand 1835 auf dem Piz Linard in Graubünden nur eine Pflanzenart, das Alpen-Mannsschild. Heute wachsen auf diesem Gipfel 16 verschiedene Pflanzenarten. Das Bild zeigt eine Skizze aus seinem Feldbuch. Quelle: Zentralbibliothek Zürich, Nachl. O. Heer 63, S. 55

 
Lenzerhorn

Bei der Feldarbeit im Gebirge müssen die Forschenden genau hinschauen. Foto: Sarah Burg, SLF

Alpen-MannsschildGletscherhahnenfussZottige Gämswurz

Die Berggipfel sind farbiger als man meint: Alpen-Mannsschild (oben links), Gletscherhahnenfuss (oben rechts), Zottige Gämswurz (unten). Fotos: Cajsa Nilsson, Veronika Stöckli, SLF

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Heute wachsen mehr Pflanzenarten auf unseren Gipfeln als noch vor hundert Jahren. Das hat ein Forscherteam des SLF festgestellt. Um herauszufinden, ob der Klimawandel für die bunte Vielfalt verantwortlich ist, untersuchen die Forschenden noch weitere Berggipfel in Europa.

Pflanzen, die auf Berggipfeln wachsen, müssen mit Kälte, Wind und wenig Nährstoffen fertig werden. Schon vor mehr als 100 Jahren waren Forscher und Hobbybotaniker faszinierten von diesen Pflanzen. Sie suchten viele Bergspitzen der Schweiz ab und schrieben auf, wo sie welche Pflanzen gefunden hatten. Ihre Daten sind zum Glück bis heute erhalten geblieben.

Die Botanikerin Sonja Wipf und ihre Kolleginnen und Kollegen vom SLF verglichen diese historischen Verbreitungsdaten mit heutigen Daten. Sie wollten herausfinden, ob heute die gleichen Pflanzen auf den Gipfeln wachsen wie früher. Zuerst mussten sie aber selber die Berggipfel besteigen. Auf über hundert Gipfeln in den Kantonen Graubünden, Glarus und Tessin suchten sie die obersten 10 Meter der Bergspitzen ab und hielten fest, welche Pflanzenarten sie in welcher Höhe fanden.

Mit dem Smartphone auf den Gipfel

Auf den Gipfeln gingen die Forschenden immer gleich vor: Sie starteten auf dem höchsten Punkt und bewegten sich in einer Spirale abwärts. Dabei notierten sie jede neue Pflanzenart, die sie fanden. Steile Stellen suchten sie mit dem Feldstecher ab.

Um die Feldarbeit zu vereinfachen, verwendeten die Botaniker ein elektronisches Feldbuch für Smartphones. Damit konnten sie die gefundenen Pflanzen mit Höhenangabe, genauem Standort und Zeitpunkt sowie vielen weiteren Angaben mit einem einfachen «Klick» auf dem Gipfel festhalten.

Die Bergspitzen sind bunter geworden

Die Pflanzenwelt auf den Berggipfeln hat sich in 100 Jahren stark verändert. Der Vergleich der alten mit den neuen Daten zeigte, dass nur wenige Arten von den Gipfeln verschwunden sind. Dagegen haben Pflanzen, die früher in tieferen, wärmeren Lagen wuchsen, die Gipfel erobert und sich dort oben ausgebreitet. Aber es sind auch Pflanzenarten häufiger geworden, die schon früher auf den Gipfeln wuchsen. Berggipfel in den Alpen sind wohl die einzigen Lebensräume in der Schweiz, in denen die Biodiversität nicht abnimmt. Einzelne Pflanzenarten sind aber seltener geworden oder ganz verschwunden.

Die Forschenden vermuten, dass die Klimaerwärmung die Lebensbedingungen auf den Gipfeln verändert hat. Mit den höheren Temperaturen können jetzt Pflanzen überleben, die früher nur in tieferen Lagen wachsen konnten. Dazu bleibt der Schnee weniger lang liegen, die Pflanzen haben länger Zeit, sich zu vermehren. Es könnte aber auch sein, dass sich die Pflanzen mithilfe von Wildtieren oder Wanderern in die Höhe ausgebreitet haben.

Neben den Berggipfeln in der Schweiz haben Sonja Wipf und ihr Team auch Berggipfel in Europa besucht, zum Beispiel in Spanien, Schweden oder Rumänien. Mit ihrer Arbeit wollen sie herausfinden, was mit den Gipfelpflanzen passiert, wenn die Temperaturen steigen.

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Choerbschhorn

Auf den obersten 10 Metern des Chörbschhorn bei Davos wachsen 118 Pflanzenarten. Foto: Veronika Stöckli, SLF

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