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Wie sah der Schweizer Wald vor hundert Jahren aus?


Laubsäcke
An föhnigen Herbsttagen zogen vor allem Frauen und Kinder in den Wald, um mit speziellen Holzrechen abge­fallene Nadeln und trockenes Laub zu sammeln.
Quelle: Schweizerisches Institut für Volkskunde, Basel
Laub rechen
Frauen kratzen Nadel- und Krautstreu mit sogenannten Adlerrechen zusammen.
Laubtag
Oft wurde das Bettlauben zu einem Fest für die ganze Gemeinde.
Quelle: Brockmann-Jerosch, 1929, Schweizer Volksleben, I, Abb. 43
Laubkörbe
Frau und Knabe mit gefüllten Laubkörben ("Chris-Tschifferen")
Verbiss durch Vieh
"Geissen- oder Weidbuchli" in Sonvico (TI) 1914: die kleinen Büsche sind Buchen, die jahrelang von Ziege und Grossvieh abgefressen wurden
Foto H. Burger, Bildarchiv WSL)
 
Hueterbueb-DVD
Hüeterbueb und Heitisträhl: Buch und Film über die traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz (Trailer)

Denkst du, dass es vor 100 Jahren dem Wald besser ging, weil es noch keine Luftverunreinigung und Klimawandel gab? Vielleicht stellst du ihn den Wald wie einen märchenhaften, bunten und lebendigen Ort vor? Was sagen Geschichtsfachleute dazu?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fing der Schweizer Wald gerade an, sich zu erholen. Fast wäre es um ihn geschehen gewesen: 1840 gab es in unserem Land schätzungsweise etwa 0,7 Millionen Hektaren, also nur gut die Hälfte der heutigen Waldfläche. Und dort, wo noch Wälder standen, war der Baumwuchs eher spärlich. Wie konnte es dazu kommen?

Im Wald gibt es nicht nur Bäume

Heutzutage schützt uns der Wald vor Naturgefahren, bietet uns Freizeit- und Erholungsraum und versorgt uns vor allem mit Holz. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren nicht nur Brenn- und Bauholz begehrt, sondern viele andere Produkte aus dem Wald, so zum Beispiel:

  • Beeren, die meistens von Kindern gesammelt wurden,
  • Heilpflanzen für die Hausapotheke,
  • Tannen- und Kiefernzapfen zum Feuer machen,
  • Rinden von Eichen und Fichten zum Gerben von Leder,
  • Harz von Kiefern, Lärchen, Fichten und Arven, die für Küfer zum Abdichten der Fässer und für Gerber zur Lederbearbeitung unentbehrlich waren und auch zur Fertigung von Salben für Menschen, Tiere und sogar Obstbäume dienten.

Eine Speisekammer für das Vieh

Vor hundert Jahren, war der Wald hauptsächlich der Ort, an den die Bauern ihr Vieh trieben – eine Arbeit die oft von den Kindern ausgeübt wurde, wie beispielsweise dem Geissen-Peter. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fand die Schweinemast ausschliesslich im Wald statt, wo sich die Schweine an Wurzeln, Pilzen, Larven und Eicheln gütlich taten. Im 19. Jahrhundert kamen dann immer öfter Kartoffeln auf den Tisch und in die Schweineställe. Somit mussten die Schweine nicht mehr in den Wald getrieben werden.

Im Mittelland trieben die Armen und Landlosen ihre Schafe und Ziegen bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Wälder. Im Wallis, im Tessin und in Graubünden waren Schaf- und Ziegenweide im Wald sogar bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet.

Im Wald blieb nichts liegen

Die Bauern mähten das Gras in den Lichtungen, nutzten das Laub bestimmter Bäume als Viehfutter und sammelten die welken Blätter ein. Das Zusammenrechen von Laub war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sogar eine der häufigsten Waldnutzungsarten der Bauern. Laub wurde als Einstreu in den Ställen und als Füllung für Leinensäcke gebraucht, die als Matratzen dienten. In manchen Gegenden in den Alpen wurde bis in die 1940er-Jahre, im St. Galler Rheintal bis in die 1960er-Jahre, Bettlaub gesammelt.

All diese traditionellen Nutzungsarten verändert das Gesicht des Waldes. Beim Zusammenrechen von Laub und Sammeln von Brennholz wurden dem Wald viele Nährstoffe entzogen. Dadurch wurden an vielen Orten Baumarten bevorzugt, die auf ärmeren Böden wachsen können, z.B. die Föhre im Wallis. Im Mittelland wurden sehr viele Eichen gefällt, vor allem für Eisenbahnschwellen.

Wiederaufforsten und pflanzen

Da im Verlauf des 19. Jahrhunderts die schweizerische Bevölkerung zunahm, wurde immer mehr Holz zum Heizen, Kochen, Bauen und für Handwerk und Industrie gebraucht. Nach der Eröffnung der ersten Bahnlinien im Jahr 1848 wurde noch mehr Holz benötigt für die Herstellung der Schwellen (im Allgemeinen aus Eiche), den Bau von Bahnhöfen und Lagerschuppen und auf einigen Linien sogar als Brennstoff für die Lokomotiven. Kahlschläge - so sagt man, wenn alle Bäume auf einer Fläche einmal gefällt werden - waren damals gang und gäbe.

Das ist der Grund, warum der Schweizer Wald bis 1850 in einen desolaten Zustand geraten war. Zum Glück wurden sich Wissenschafter und Politiker bewusst, dass es höchste Zeit war, Rettungsmassnahmen für den Wald zu ergreifen. Ausserdem war es nötig, Bergwälder aufzuforsten, um die neuen Eisenbahnstrecken gegen Hangrutschungen und Steinschläge zu schützen. Deshalb begann man Ende 19. Jahrhundert mit der Wiederaufforstung. Um die gleiche Zeit wurde Kohle zunehmend als Energiequelle benutzt, so dass Menschen nicht mehr so stark auf das Holz angewiesen waren und weniger Bäume gefällt wurden.

Also, wie sah der Wald vor hundert Jahren aus?

Wenn Du so gegen 1900 im Wald spazieren gegangen wärest, so wärest Du höchstwahrscheinlich in einem dichten jungen Fichtenwald unterwegs gewesen, oder in einem vom Förster angepflanzten Jungwald mit fast nur gleichaltrigen Bäumen. Du hättest wenig Chancen gehabt, dort Hirschen, Rehen oder Wildschweinen zu begegnen. Diese kehrten nämlich zu jener Zeit erst nach und nach wieder zurück, nachdem sie 50 Jahre früher fast ausgerottet worden waren. Hingegen hättest Du in den Alpenwäldern sicher junge Viehhirten mit ihren kleinen Herden angetroffen, oder Kinder, die Heidelbeeren, Laub oder Tannenzapfen sammelten.

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