WSL Forschungsbereich Landschaftsökologie 2. Vortrag am Workshop IZW Berlin: |
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| Huftiere und Vegetation im Schweizerischen Nationalpark von 1917 bis 1997: Einfluss auf das Wald-Freilandverhältnis | |
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Bertil O. Krüsi, Martin Schütz, Christof Bigler, Helena Grämiger, G. Achermann | |
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Wiederbewaldung der Weiden nicht gestoppt durch Rothirsche!
Expansion of forest into pastures not halted by grazing red deer! |
Bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurden die Wälder im Bereich des heutigen Schweizerischen Nationalparks intensiv genutzt. Noch heute dominiert im subalpinen Bereich des Parks (ca. 1850 bis 2300 m ü. M.) daher die Bergföhre (Pinus montana). Im Unterwuchs sind relativ häufig die Arve (Pinus cembra), seltener die Lärche (Larix decidua) und vereinzelt die Fichte (Picea abies) anzutreffen. Unterhalb von 1850 m ü.M. nimmt die Bedeutung der Fichte auch in der Baumschicht rasch zu. Ohne den jahrhundertelangen Einfluss des Menschen wäre die Bergföhre hingegen nur auf Pionier- und Regenerationsflächen sowie an Extremstandorten aspektbestimmend; im Bereich zwischen ca. 1850 m ü. M. und der Waldgrenze wären vermutlich hauptsächlich Arvenwälder anzutreffen mit der Lärche als wichtigstem Begleiter.
Die starke Zunahme der sommerlichen Rothirschpopulation (Cervus elaphus) nach der Gründung des Parks im Jahre 1914 von praktisch 0 um 1920 auf ca. 2200 im Jahre 1985 führte unter anderem auch zur Befürchtung, dass die Verjüngung in den Wälder gefährdet sei und dass die bewaldete Fläche im Laufe der Zeit abnehmen werde (Abb. 1).
| aktuell benutzte Wildwechsel | nicht mehr benutzte Wechsel | ausserhalb von Wechseln |
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| Fläche m2 (Anteil) | 13.2 m2 (20%) | 6.2 m2 (9%) | 48.1 m2 (71%) |
| Bäume bis10 cm Dichte pro m2 (Anzahl) |
18.8 pro m2 (249) |
2.4 pro m2 (15) |
0.6 pro m2 (28) |
| Bäume 11-149 cm Dichte pro m2 (Anzahl) |
0.0 pro m2 (0) |
0.0 pro m2 (0) |
1.4 pro m2 (66) |
| Bäume 150-300 cm Dichte pro m2 (Anzahl) |
0.0 pro m2 (0) |
0.0 pro m2 (0) |
0.3 pro m2 (13) |
| Jungbäume total Dichte pro m2 (Anzahl) |
18.8 pro m2 (249) |
2.4 pro m2 (15) |
2.2 pro m2 (107) |
In der Zerfallsphase kommt dieses Potential dann zum tragen (Abb. 4, Tabelle 1): Mit abnehmendem Kronenschluss kommt mehr Licht auf den Waldboden und die zahlreichen umgestürzten Baumstämme begrenzen die negativen Einflüsse des Wildes wirkungsvoll bis die Jungbäume über die Verbissgrenze hinausgewachsen sind.
Diese Beispiele zeigen, dass sich Huftieren nicht zwangsläufig und ausschliesslich negativ auf die Verjüngung und Ausbreitung des Waldes auswirken müssen. Eindeutig positiv ist z.B. die Förderung der Etablierung von Baumkeimlingen durch das Schaffen von geeigneten Keimstellen. Und selbst der Verbiss wirkt sich - bis zu einer gewissen Intensität - nicht zwangsläufig und ausschliesslich negativ aus. Oft sind ausserdem andere Faktoren als der Verbiss ökologisch entscheidender; dies gilt sowohl für die Konkurrenzkraft der Individuen als auch für die Entwicklung der Bestände als Ganzes. Insgesamt lassen sich die Interaktionen zwischen Huftieren und Vegetation am besten mit Optimierungsmodellen beschreiben: Bis zu einer bestimmten - jeweils parameterspezifischen - Nutzungsintensität überwiegen die positiven Auswirkungen, danach die negativen (Abb. 3).
Dieser Zusammenhang gilt auch für die Etablierung von Jungbäumen in den waldrandnahen Bereichen der ehemaligen Alpweiden. Durch Regulieren der Huftierpopulation sollte sich also die Entwicklung der Waldfläche im Park beeinflussen lassen. Kurz und mittelfristig sind die Auswirkungen solcher Regulierungsmassnahmen allerdings gering. Bei einer für die Wiederbewaldung der ehemaligen Alpweiden optimalen sommerlichen Rothirschdichte im Park von etwa 6 bis 9 Tieren pro vegetationsbedeckten Quadratkilometer (wie um 1950) würden sich im ersten, unmittelbar an den Waldrand angrenzenden, 25 m tiefen Weidestreifen im Zeitraum von 100 Jahren etwa 11'500 10-jährige Norm-Föhren pro Hektar etablieren (Abb. 3). Rein rechnerisch entspricht dies etwa 700 100-jährigen Berg-föhren oder etwa 0.55 ha Wald (Schütz et al. einger.). Auf den untersuchten 25 m tiefen, waldrandnahen Weidestreifen bezogen, bedeutet dies, dass der Waldrand im Durchschnitt in 100 Jahren etwa 14 m in die Weide hinaus vorrücken würde. Dies gegenüber etwa 3.5 m bei einer sommerlichen Rothirschdichte von praktisch Null (wie um 1920) oder etwa 24 (um 1985). Je nach Hirschdichte würde es also zwischen 200 und 800 Jahre dauern bis die heute noch 11 ha umfassende Alpweide "Stabelchod" um ein Drittel kleiner wäre und zwischen 300 und 1200 Jahre bis sie etwa zur Hälfte zugewachsen wäre (Abb.5). Solange die sommerliche Rothirschdichte nicht deutlich über das im Park bisher beobachtete Maximum von ca. 24 Tieren pro vegetationsbedeckten Quadratkilometer steigt, nimmt der subalpine Freilandanteil langfristig aber auf jeden Fall ab.
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Krüsi B.O., Schütz M., Wildi O., Grämiger H., 1995: Huftiere, Vegetationsdynamik und botanische Vielfalt im Nationalpark. CRATSCHLA 3 (2), 14-25. CH-7530 Zernez.
Krüsi B.O., Schütz M., Grämiger H., Achermann G.,1996: Was bedeuten Huftiere für den Lebensraum Nationalpark. Eine Studie zu Nahrungsangebot und Waldverjüngung. CRATSCHLA 4 (2), 51-64. Nationalparkhaus, CH-7530 Zernez.
Näscher F.A., 1979: Zur waldbaulichen Bedeutung des Rothirschverbisses in der Wald-gesellschaft des subalpinen Fichtenwaldes in der Umgebung des Schweizerischen Nationalparks. Diss. ETH, Zürich. 120 S.
Schütz M., Krüsi B.O., Achermann, G, Grämiger H. (einger.): Zeitreihenanalyse in der Vegetationskunde: Analyse und Interpretation von Einzelflaechen am Beispiel von Daten aus dem Schweizerischen Nationalpark. Botanica Helvetica 108/1 (1998).
Schütz M., Krüsi B.O., Bigler C., Achermann, G, Grämiger H., (einger.): Auswirkungen von Huftieren auf die Vegetation im Schweizerischen Nationalpark: Ergebnisse von Untersuchungen auf Alp Stabelchod von 1917 bis 1997. Zeitschrift für Ökologie und Naturschutz, Gustav Fischer, Jena.
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Dieser Artikel ist erschienen in: R. Cornelius (CORNELIUS@izw-berlin.de)(Hsg.): Extensive Haltung robuster Haustierrassen, Wildtiermanangement, Multi-Spezies-Projekte. Neue Wege in Naturschutz und Landschaftspflege. Ergebnisse eines Workshops im Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Berlin, am 25./26. 3. 98 |