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Von der Eiszeit in den Genen der Alpenpflanzen

Die Verbreitung europäischer Alpenpflanzen hängt eng mit der Erd- und Klimageschichte zusammen. Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL zeigen dies in einer neuen Studie, in der sie die Verbreitung von 239 alpinen Pflanzenarten und die genetischen Fingerabdrücke von 12 dieser Arten im Alpenbogen analysierten. Das Ergebnis erstaunt: an drei Stellen im Alpenraum erschwerten Gebirgsmassive die Ausbreitung der Arten.

Geum reptans
Die kriechende Berg-Nelkenwurz (Geum reptans) bevorzugt saure Standorte. Sie ist eine der 12 Arten von Alpenpflanzen, die untersucht wurden. Foto: Felix Gugerli.
Trifolium alpinum
Der Alpen-Klee (Trifolium alpinum) kommt bevorzugt auf sauren Standorten vor. Foto: Felix Gugerli.

Eine internationale Forschungsgruppe unter der Leitung der WSL hat herausgefunden, dass diese historischen Prozesse heute noch in den Verbreitungsmustern der Arten und in ihren genetischen Linien abgebildet sind. Die Forscherinnen und Forscher haben die Verbreitungsmuster von 239 alpiner Pflanzenarten und die genetischen Fingerabdrücke von 12 dieser Arten im ganzen Alpenraum untersucht und mehrere so genannte Kontaktzonen gefunden. Kontaktzonen sind Gebiete, in denen entweder Arten oder genetische Linien aus verschiedenen Refugien aufeinander gestossen sind. Diese Gebiete erschwerten die weitere Ausbreitung von Arten und Genen.

Die Verbreitungsmuster der Arten zeigen drei Kontaktzonen: Die Aosta-Zone in den westlichen Alpen, die zentralalpine Brenner-Zone zwischen Innsbruck und Gardasee sowie die Tauern-Zone zwischen Salzburg und Triest in den Ostalpen. Die genetischen Fingerabdrücke hingegen zeigen nur zwei Kontaktzonen und diese stimmen mit den zwei stärksten Kontaktzonen der Arten-Verbreitungsmustern überein: die Aosta- und die Brenner-Zone. Die Übereinstimmung der zwei Kontaktzonen ist erstaunlich, weil sich Arten und Gene unterschiedlich ausbreiten: Arten nur über Samen und Gene zusätzlich über Pollen. Da Pollen durch den Wind oder durch Insekten über weite Strecken transportiert werden können, ist ihre Ausbreitung - und damit jene der Gene - effektiver als jene von Samen. Somit wurde die weniger hohe Tauern-Zone durch grossräumige Pollenausbreitung verwischt und ist in den Mustern der genetischen Fingerabdrücke nur noch schwach erkennbar.

Die Resultate zeigen, dass Arten und Gene während und nach der Eiszeit denselben Prozessen unterworfen waren und dass die Wiederbesiedlung der eisfreien Gebiete ähnlichen Einwanderungsrouten folgte. Ein wichtiger Grund für die übereinstimmende Lage der Kontaktzonen ist, dass diese ausgeprägte Höhenunterschiede aufweisen: In der Aosta-Zone liegen zwischen Gipfeln und Tälern mehr als 4000 m Höhenunterschied, in der Brenner-Zone über 3000 m. Diese Höhenunterschiede stellten Hindernisse dar, welche die weitere Ausbreitung stark behinderten. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass Arten und Gene, die aus verschiedenen Refugien wieder einwanderten, gerade dort in Kontakt kamen. Die Tauern-Zone hingegen zeigt eine weniger stark ausgeprägte Topographie, die im Verlauf der nacheiszeitlichen Wiederbesiedlung zwar von Pollen aber nicht von Samen überwunden werden konnte. Die Studie zeigt auch, dass die Kontaktzonen von Arten über längere Zeit erhalten bleiben als jene von Genen.

Diese Prozesse fanden über mehrere tausend Jahre statt, prägen aber heute noch die Verbreitung von Alpenpflanzen und ihrer genetischen Linien. Alpenpflanzen haben sich während den letzten Eiszeiten in eisfreie Refugien zurückgezogen, weil ihre Lebensräume von Gletschern bedeckt waren. Diese Refugien lagen meist in den Randregionen der Alpen. Nach dem Ende der letzten Eiszeit – vor etwa 18000 Jahren – haben die Alpenpflanzen von den Refugien aus die eisfrei gewordenen Lebensräume neu besiedelt.

Thiel-Egenter C. et al. (2011). Break zones in the distributions of alleles and species in alpine plants. Journal of Biogeography, 38, 772–782.

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