Urwaldmessungen in den Karpaten abgeschlossen



Überblick Urwälder
Blick auf einen Teil der mehr als 10'000 ha umfassenden Buchen-Urwälder in den ukrainischen Karpaten.
Foto: I. Schelewer
 
Urwald mit viel Totholz
Meistens werfen Windstösse Bäume zu Boden. In solchen Bestandeslücken samen sich junge Buchen an, der Wald verjüngt sich.
 
Projektleiterin B. Commarmot
Projektleiterin Brigitte Commarmot, WSL, zeigt auf die zuletzt bearbeiteten Stichprobenpunkte. Von den 354 überprüften Punkten konnten letztlich auf 314 Probeflächen Daten erhoben werden.
 
Doktorandin M. Hobi
Doktorandin Martina Hobi misst Entfernung und Winkel eines Baumes, damit dieser später auf einer Karte erfasst werden kann. Die genauen Messungen ermöglichen, den Baum nach Jahrzenhnten wieder aufzufinden und zu messen.

Fotos: R. Lässig

Im Sommer 2010 führte die Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zusammen mit ukrainischen Partnern im grössten Buchen-Urwald Europas erstmals eine Stichprobeninventur durch. Die Forschenden fanden in den Waldkarpaten bis zu 53 m hohe und 140 cm dicke Buchen und mehr Totholz als in bewirtschafteten Wäldern vor.

In den ukrainischen Karpaten gibt es noch grossflächig zusammenhängende Buchen-Urwälder. Der weitläufigste umfasst etwa 10'000 ha und gilt als grösster Buchenurwald Europas. Im Sommer 2010 fand die erste Stichprobeninventur dieses von mächtigen Buchen dominierten Waldes statt. Unter der Leitung der Forstwissenschafterin Brigitte Commarmot, WSL, und mit Unterstützung der Universität Lviv (Lemberg) und des Karpaten-Biosphärenreservats in Rachiv nahm ein über zwanzigköpfiges Team von Forschenden und Studierenden beider Länder an insgesamt 314 Punkten den Urwald unter die Lupe.

Es braucht repräsentative Daten

Auf 500 m2 grossen Probeflächen massen sechs Aufnahmeteams unter anderem die Baumhöhe und den Durchmesser aller über 6 cm dicken Stämme und zählten auf einer Teilfläche die jungen Bäumchen. Um später Aussagen über den Aufbau, die Dynamik und die Biodiversität dieser Wälder machen zu können, erfassten sie auch das liegende und stehende Totholz sowie Baumhöhlen, Borkenrisse und ähnliche kleine Lebensräume z.B. für Insekten, Vögel oder Fledermäuse. Ziel der detaillierten Erhebungen war, erstmals repräsentative Daten über den Zustand eines Urwaldes dieser Grösse zu erhalten, die statistisch abgesicherte Aussagen erlauben. Zudem sind mit derart qualitativ hochwertigen Daten Vergleiche mit Ergebnissen aus anderen Untersuchungen möglich, die beispielsweise in kleineren Urwäldern der Slowakei oder Rumäniens durchgeführt wurden.

"Wir haben in den vergangenen Jahren schon viel über die Strukturen und die Dynamik solcher Buchen-Urwälder gelernt, zum Beispiel über das Absterben alter Buchen und das räumliche Nebeneinander von alten und jungen Bäumen", sagt Brigitte Commarmot. Die Projektleiterin erwartet, dass die Ergebnisse der Untersuchungen für die Ukraine wie auch für die Schweiz wichtige Impulse für den Naturschutz im Wald sowie für die Forstwirtschaft bringen werden. Die WSL führt beispielsweise im Sihlwald bei Zürich, in dem seit mehr als einem Jahrzehnt überhaupt kein Holz mehr genutzt wird, eine ähnliche Studie wie in der Ukraine durch. Für den nicht mehr bewirtschafteten Sihlwald sind die ukrainischen Urwälder quasi ein Fernziel, dem er sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter annähert. Urwälder sind für eine nachhaltig ausgerichtete Forstwirtschaft ein wichtiger Vergleichsmassstab bezüglich Struktur- und Artenvielfalt, natürlichen Verjüngungsprozessen oder auch der Resistenz von Wäldern gegenüber natürlichen Störungen wie Stürmen. Wer das Extrem, sprich: den Urwald, kennt, kann die Auswirkungen verschiedener Nutzungs- und Bewirtschaftungsformen besser beurteilen.

Breit abgestützte Zusammenarbeit

Das Projekt, das neben der eigentlichen Waldinventur auch Teilprojekte zu einzelnen Organismengruppen wie Flechten und Insekten umfasst, lässt sich dank der Unterstützung durch das Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF) in Bern realisieren. 2011 und 2012 werden die Daten ausgewertet und 2013 sollen die Ergebnisse an einer Tagung in der Ukraine internationalen Fachleuten sowie den Medien präsentiert werden.

Die WSL arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt mit Partnern in der Ukraine zusammen. In mehreren Projekten kamen sie seitdem einigen Geheimnissen der letzten grossflächigen Buchen-Urwälder, ihrer Entwicklungsdynamik und der Vielfalt einzelner Artengruppen auf die Spur. Vor allem dank der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds und der Velux-Stiftung entstanden tragfähige Beziehungen zu verschiedenen Forschungsinstitutionen in der Westukraine, die für ein internationales Projekt unerlässlich sind. Die Urwälder in der Ukraine wurden 2007 zusammen mit kleineren Urwaldresten in der Slowakischen Republik zu einem Unesco-Weltnaturerbe erklärt.

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© 2011 WSL | http://www.wsl.ch/medien/news/110114_Ukraine_DE | Last Update: 17.01.2011