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21.08.2012

Verlängert der Klimawandel die Pilzsaison?

Hexenröhrling
Der Flockenstielige Hexenröhrling (Boletus erythropus) ist essbar und wächst in Nadel- und Laubwäldern auf sauren Böden (Foto: François Ayer/WSL)
Laccaria lacata
Der Lacktrichterling (Laccaria laccata) ist essbar und sehr verbreitet in Laub- und Nadelwäldern (Foto: Simon Egli/WSL)
Boletus edulis
Der Steinpilz (Boletus edulis) ist einer der weltweit verbreitetsten und beliebtesten Speisepilze (Foto: Simon Egli/WSL)
Cortinarius varius
Der Ziegelgelbe Schleimkopf (Cortinarius varius) wächst ausschliesslich unter Fichte auf kalkhaltigen Böden (Foto: Simon Egli/WSL)
 
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Zum ersten Mal haben Forscher das Wachstumsverhalten von Pilzen über einen Zeitraum von rund 40 Jahren analysiert. Daraus zeigt sich, dass die Pilzsaison in einigen europäischen Ländern länger geworden ist. Die Studie wurde in Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS publiziert.
Einer internationalen Forschergruppe unter der Leitung der Universität Oslo, an der auch drei Wissenschaftler der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL beteiligt waren, gelang es erstmals, das Wachstumsverhalten von Pilzen seit den 1970er Jahren zu beschreiben. Sie taten dies anhand phänologischer Auswertungen von 750‘000 Pilzdaten aus der Schweiz, Grossbritannien, Norwegen und Österreich. Die Daten zeigen, dass sich die Pilzsaison in allen vier Ländern nicht nur kontinuierlich verlängert, sondern auch chronologisch nach hinten verschoben hat. Diesen Trend konnte das Team mit wärmeren Temperaturen und generell längeren Vegetationsphasen erklären.

Pilze interessieren nicht nur wegen ihres kulinarischen Wertes, sie übernehmen als Streuabbauer (sogenannte  Saprophyten, siehe Glossar) und Symbionten von Waldbäumen (Mykorrhizapilze) in unseren Wäldern wichtige Funktionen. Die Pilzforscher legen dar, dass sich langfristige Änderungen im Pilzwachstum und deren Phänologie nachhaltig auf ganze Waldökosysteme und damit auf den globalen Kohlenstoffhaushalt auswirken können.

Dass man Pilze heute in allen Regionen bis später im Jahr sammeln kann, erklären die Forscher mit dem allgemein feststellbaren Trend eines späteren Eintreffens von Schnee und Frostereignissen. In Grossbritannien dauert die Pilzsaison nicht nur länger, sie beginnt auch früher, was mit dem ozeanischen Klima und milderen Wintern erklärt werden kann. Auch wenn sich einzelne Pilzarten unterschiedlich verhalten, die Trends sind innerhalb von Pilzgattungen über alle Regionen sehr ähnlich, das gilt sowohl für die Mykorrhizapilze wie für die Saprophyten. 

Studie bestätigt Daten des WSL-Pilzreservats

Die aktuelle Studie stimmt in ihren Kernaussagen mit den Auswertungen einer 32-jährigen Beobachtungsreihe aus dem Pilzreservat La Chanéaz in der Westschweiz überein (Büntgen et al. 2012; Frontiers in Ecology and the Environment). Weiterhin ergänzen die neuen, europaweiten Ergebnisse jüngste Beobachtungen von vermehrtem Trüffelwachstum in Süddeutschland durch Forscher der Universität Freiburg und der WSL (Stobbe et al 2012; Fungal Ecology).

Von der Eidg. Forschungsanstalt WSL haben Ulf Büntgen, Simon Egli und Beatrice Senn-Irlet an der Studie mitgearbeitet.

Kontakt

Publikation

Kauserud H, Heegaard E, Büntgen U, Halvorsen R, Egli S, Senn-Irlet B, Greilhuber I, Dämon W, Sparks T, Nordén J, Høiland K, Kirk P, Semenov M, Boddy L, Stenseth NC (2012) Warming-induced shift in European mushroom fruiting phenology. Proceedings of the National Academy of Science USA.

Weitere Literatur
  • Büntgen U, Kauserud H, Egli S (2012) Linking mushroom productivity and phenology to climate variability (PDF) -  Frontiers in Ecology and the Environment 10: 14-19
  • Stobbe U, Büntgen U, Sproll L, Tegel W, Egli S, Fink S (2012) Spatial distribution and ecological variation of re-discovered German truffle habitats (PDF). Fungal Ecology 5: 591-599

Glossar

  • Saprophyten / Streuabbauer bauen totes organisches Material ab, wie Laub, Nadeln und Holz und sind zusammen mit anderen Mikroorganismen und Bodentieren massgeblich an der Nährstoffumsetzung beteiligt.
  • Mykorrhizapilze leben in einer Lebensgemeinschaft (Symbiose) mit Waldbäumen. Sie ernähren sich von Kohlenhydraten, welche die Bäume produzieren und ihnen über die Wurzeln zur Verfügung stellen. Ihrerseits verbessern sie die Wasser- und Nährstoffversorgung der Bäume und schützen die Wurzeln vor Krankheitserregern. In Schweizer Wäldern sind rund 1600 Mykorrhizapilze bekannt.

 

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