Bündnerwald 2/01 (2001): 75-76.

Thomas Wohlgemuth

E2 - Waldentwicklung auf Windwurfflächen

Im Rahmen des WSL-Forschungsprogramms ´Walddynamikª werden wichtige Einflussgrössen auf die langfristige Waldentwicklung untersucht. Unter den verschiedenen gesellschaftlich relevanten Kernthemen mit überregionaler Bedeutung wird als Beispiel das Kernthema ´Windwurf und Waldentwicklungª vorgestellt. Die bisher von der WSL durchgeführten Dauerbeobachtungen auf Windwurfflächen werden mit einem Waldentwicklungsmodell auf der Windwurffläche Uaul Cavorgia, Disentis, ergänzt.

Walddynamik-ein neues WSL-Forschungsprogramm

Vor rund drei Jahren wurde an der WSL die Idee der Forschungsprogramme lanciert: WSL-Forschungsprogramme greifen komplexe Fragen auf, die nur durch mehrere Disziplinen bearbeitet werden können. Sie bilden eine Art Gesamtpaket für die verschiedenen Projekte, die einem Forschungsprogramm zugeordnet sind. Forschungsprogramme sind auf ein relevantes aktuelles Thema oder Problem ausgerichtet. Mögliche Zielgruppen bzw. Kunden sind bei der Formulierung der Fragen zu berücksichtigen.

Unter diesen und weiteren Rahmenbedingungen wurde das Forschungsprogramm "Walddynamik - Welchen Wald wollen wir und was sind seine Werte?" ausgearbeitet und im Winter 1999 zur öffentlichen Ausschreibung gebracht. Ausgehend von der Struktur, der Artenzusammensetzung und der Natürlichkeit heutiger Waldbestände sollen ökonomisch und ökologisch nachhaltige, den lokalen Bedürfnissen angepasste Waldnutzungen vorgeschlagen werden.

Dominanzminderung - ein Effekt der disturbance

Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL 1999) fordert mehr Dynamik im Wald, um den Holzvorrat abzubauen und um besondere Waldtypen zu erhalten. Angesichts der Vielfalt der natürlichen und menschbedingten Einflüsse auf unsere Wälder suchen wir deshalb sowohl nach den einschneidendsten Einflüssen als auch nach allgemeingültigen Prinzipien zur Erklärung der verschiedenen Waldformen. Das englische Wort ´disturbanceª vereint die allgemeine Vielfalt der Einflüsse am besten. Als ´disturbanceª werden Störungen jeder Art des Ökosystems verstanden, seien diese exogener bzw. äusserer Natur (z. B. Stürme, Rutschungen, Lawinen), endogener bzw. innerer Natur (z. B. Insektenkalamitäten, Alterung) oder anthropogen bzw. durch den Menschen verursacht (z. B. Holznutzung, Waldplege). Wir richten unseren Fokus im Forschungsprogramm auf einen speziellen Effekt solcher Störungen, auf die sogenannte Dominanzminderung (Schiess und Schiess-Bühler, 1997). Durch einen Windwurf wird z. B. mit einem kurzzeitigen Ereignis (Störung als Prozess) ein ganzer Waldbestand geworfen, d.h., die ursprüngliche Dominanz der bestandesbildenden Arten wird abrupt vermindert und lässt Raum für die Etablierung neuer Arten.

Kernthemen - Beispiele von Dominanzminderung

In einer ersten Programmphase wurden die eingereichten Projektskizzen nach wissenschaftlichen Kriterien evaluiert, wobei 59 Projektskizzen zur Durchführung vorgeschlagen wurden. In einer zweiten Programmphase wird nun versucht, Mittel zur Finanzierung der Projekte zu finden. Zu diesem Zweck sind die Projektskizzen in Kernthemen und Kernregionen eingeteilt. Die Kernthemen entsprechen Beispielen von ausgeprägter Walddynamik mit gesellschaftlicher Relevanz und überregionalem Charakter. Folgende Kernthemen stehen zur Diskussion:

Weitere, nicht regional gebundene Projektideen sind als Querschnitt-Projekte zusammengefasst und werden je nach Finanzierungsmöglichkeiten Beiträge zu verschiedenen Kernthemen leisten.

Windwurf und Waldentwicklung: Fallbeispiel Windwurfflüchen Disentis

Im Kernthema Windwurf und Waldentwicklung sind die bisher im Rahmenprojekt ´Vivian-Forschungª durchgeführten Arbeiten und ein neues Projekt zur Ausbreitung der Borkenkäfer nach Lothar zusammengefasst. Ein weiteres, durch Programmmittel finanziertes Syntheseprojekt hat zum Ziel, die Waldentwicklung anhand der bisher gefundenen Sukzessionsresultate zu modellieren. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit der WSL und der Professur Gebirgswaldökologie der ETH Zürich. Es wird dieses Jahr beginnen und auf den Resultaten aus der Versuchsfläche Uaul Cavorgia, Disentis, aufbauen (Nr. 6 auf Karte in Heftmitte). In grösseren Windwurfflächen wird das Samenangebot einerseits, der Verjüngungsvorrat andererseits langfristig limitierend sein für die Etablierung der Schlussbaumarten. Auf der Versuchsfläche Uaul Cavorgia ist lokal unterschiedlich viel Verjüngungsvorrat, zur Hauptsache Fichte, vorhanden. Die Verjüngung durch Samen war während der letzten 10 Jahre durch Arten wie Vogelbeere, Weidenarten und Birke geprägt, deren Samen durch Tiere oder über Windverfrachtung verbreitet werden (Schönenberger und Wasem, 1999). Fichtensämlinge waren seit dem Sturmereignis selten, da potentielle Samenbäume hunderte von Metern weit entfernt stehen.

Folgerungen für die Forstpraxis

Mit verschiedenen Modellansätzen wird nun versucht, die Waldentwicklung auf der Versuchsfläche Uaul Cavorgia räumlich zu modellieren. Die Resultate, sogenannte Szenarien unter verschiedenen Voraussetzungen, sollen Antworten geben auf die Frage, wie sich die Schutzwirkung gegen Steinschlag und Lawinen auf Windwurfflächen in Abhängigkeit von der Wiederbewaldungsdauer verändert. Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass vom Windwurf geworfene, ineinander verkeilte Baumstämme einige Jahre Schutz gegen Steinschlag und Lawinen bieten. Mit zunehmendem Alter der ungeräumten Schadenflächen nimmt die Schutzwirkung aber ab und kann erst wieder durch die aufkommende Verjüngung gewährleistet werden. Es liegt auf der Hand, dass bei der Abschätzung der Waldentwicklung über mehrere Jahrzehnte - aus Disentis liegen Daten der letzten 10 Jahre vor - die Voraussagen für die nahe Zukunft genauer sind als für längerfristige Zeithorizonte. Trotzdem werden die Modelle verschiedene Entwicklungswege aufzeigen, anhand derer die Tragweite der einschneidenden Windwurfschäden quantifizierbar werden.

Literatur

BUWAL; 1999: Der Schweizer Wold - eine Bilonz. Woldpolitische lnterpretofion zum zweiten Landesforsfinventor. Hsgr: Bundesamt für Umwelt, Wold und Landschaft (BUWAL). 72 S.

SCHIESS, H. und SCHIESS-BÜHLER, C.; 1997: Dominonzminderung ols ökologisches Prinzip: eine Neubewertung der ursprünglichen Woldnutzungen für den Arten- und Biotopschutz am Beispiel der Togfalterfauna eines Auenwaldes in der Nordschweiz. Mitt. Eidg. Forschungsonstolt Wald, Schnee und Londschoft 72, 3 -127.

SCHÖNENBERGER, W. und WASEM, U.; 1999: Der Beginn der Wiederbewaldung von Sturmwurfflüchen im Gebirge. Ein Zwischenbericht. -Forstl. Forsch.ber. Münch. 176:102-110

Dr. Thomas Wohlgemuth

Eidg. Forschungsanstalt WSL

Zürcherstr. 111, 8903 Birmensdorf

 

E2.1 (S. 54) Windwurf-Versuchsfläche Uaul Cavorgia, Disentis, 10 Jahre nach Vivian. Welcher Wald entsteht hier und wie lange dauert es, bis er seine einstmalige Schutzfunktion wieder erfüllt? Die Fragen werden im Rahmen des WSL-Forschungsprogramms ´Walddynamikª gestellt. (Foto T. Wohlgemuth, WSL)