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Waldforschung: Frauen in einer Männerdomäne

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10.02.2020  | Beate Kittl  | News WSL

 

Im Forschungsbereich Waldressourcen und Waldmanagement der Eidg. Forschunganstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL – einer bis vor wenigen Jahren klassischen Männerdomäne – sind drei von fünf Gruppenleitenden weiblich. Anlässlich des Internationalen Tags der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft erzählen sie, wie das funktioniert.

 
 
 
 

Habt ihr in eurer Wissenschaftskarriere Situationen erlebt, die ein Mann so nicht erlebt hätte?

Esther Thürig: Ja, schon. Zum Beispiel an einem Treffen mit Fachleuten aus der Wald- und Holzindustrie, als ich nach meiner Dissertation am BAFU gearbeitet habe. Ein älterer Mann sagte: «Ah, die Dame macht das Protokoll?» Zum Glück hat sich mein Vorgesetzter sofort voll hinter mich gestellt und klar und deutlich meine Rolle als Fachperson betont.

Janine Schweier: In einer Fachkommission bin ich die einzige Frau. Es kommt vor, dass die – meist älteren – Männer sehr betont fragen, was ich als Frau über eine Sache denke. Das ist bestimmt total gut gemeint, aber ich bin dort als Fachperson und wenn ich aus der Perspektive etwas zu sagen habe, sage ich es auch.

Martina Hobi: Ich erinnere mich nur an einen einzigen Fall. Das war am Rande eines Führungsseminars für Bundesangestellte. Der Gastredner – ein Mann über 50 – sagte völlig überzeugt, dass eine Führungsposition sowieso nicht in Teilzeitarbeit machbar ist. Das hat mich brüskiert, und ich frage mich, ob er das nur zu mir gesagt hat, weil ich eine Frau bin.

Leitungspersonen mit Teilzeitpensum

Wie ist es, als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten?

Hobi: Wir Frauen in Führungspositionen sind so etwas wie Aushängeschilder und werden immer wieder um Mithilfe bei Genderthemen gebeten – so wie jetzt. Ein Zusatzaufwand, den Männer wohl so nicht haben.

Schweier: Ja, ich wurde auch schon angefragt, um zum Beispiel bei Doktorandinnen-Treffen zu referieren. Dort werde ich so gut wie nie etwas Fachliches gefragt, sondern meistens über Dinge wie die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie.

Thürig: Ich war lange die einzige Frau an den Sitzungen unserer Forschungseinheit. Ich habe den Unterschied deutlich bemerkt, als dann zusätzlich noch eine weitere Frau dazu kam. Zu zweit kamen wir auf 30 Prozent Frauenanteil, das war so etwas wie die kritische Masse.

Schweier: Mir war wichtig, dass ich Teilzeit arbeiten kann, weil ich zwei Kinder habe. Ich habe mich vor der Bewerbung an der WSL genau informiert, wer schon da ist und ob es auch Leute in Leitungsfunktionen mit Teilzeitpensum gibt. Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt. 

Wieso habt ihr genau dieses Forschungsgebiet ausgesucht?

Schweier: Ich war schon als Kind total gern im Wald. Als ich mich dann für einen Beruf entscheiden sollte, zeigte es sich, dass die Forstwissenschaften genau die Themen enthalten, die mich begeistern. Da war für mich der Fall klar. Als ich meine Dissertation gemacht habe, waren Frauen deutlich in der Minderheit, aber alle pflegten einen kollegialen Umgang, unabhängig vom Geschlecht.

Thürig: Ich habe Biologie studiert und mich nicht so früh auf eine Richtung festgelegt. Die Diplomarbeit habe ich an der WSL gemacht und bin so in den Waldbereich gekommen. Im Studium und bis zur Doktorarbeit war das Verhältnis von Frauen zu Männern noch ausgeglichen, ab diesem Level sank der Frauenanteil dann deutlich.

Hobi: Ich fand Urwalddynamik und Waldreservate schon immer enorm spannend. Ich habe Umweltnaturwissenschaften studiert, da war das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, mehr als in anderen Fächern an der ETH. Ich wollte eigentlich nie eine Dissertation machen – aber als die WSL einen PhD in Naturwaldforschung in der Ukraine anbot, fand ich das eine super Gelegenheit, um ins Ausland zu gehen und etwas Abenteuerliches zu erleben.

Schweier: Lustig, ich hatte ursprünglich auch nicht vor, eine Dissertation machen. Mein Chef hat mich damals dazu motiviert, ich würde die Arbeit ja sowieso machen, auch ohne Doktorarbeit. Dieser Zuspruch und die Unterstützung waren sehr wichtig. Und auch als ich später Kinder hatte, sagte mein damaliger Chef «bring sie einfach mit ins Büro». Auch erlaubte er mir, die Arbeit zu den Uhrzeiten zu erledigen, die sich mit unserem Familienleben vereinbaren lassen.

Zu jung für Gruppenleitung?

Was hat es gebraucht, um in deine heutige Leitungsfunktion zu kommen?

Hobi: Als die Stelle für Naturwaldforschung an der WSL ausgeschrieben war, zögerte ich, weil ich fand, ich bin zu jung für eine Gruppenleiterin. Gleichzeitig war mein Wunsch nach einer eigenen Familie gross. Aber eigentlich konnte ich mir eine Teamleitung gut vorstellen und beschloss, die Chance zu ergreifen und später zu schauen, wie sich das mit einer Familie kombinieren lässt. Und ich hatte schon eine Vorreiterin in der Forschungseinheit, nämlich Esther.

Thürig: Ich wollte in der Forschung meine eigene Richtung finden.  Als ich nach der Diplomarbeit Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WSL war, habe ich gemerkt, dass ich dazu mehr können muss, und habe mich weitergebildet, etwa in Statistik.

Schweier: Man muss hart arbeiten, wie in jeder Leitungsfunktion. Der Gender-Aspekt bedeutet jedoch, nicht nur Frauen zu Chefinnen zu befördern, sondern das ganze Konstrukt auch mit Teilzeitstellen für Männer zu unterstützen.

Hast du je das Gefühl gehabt, «Quotenfrau» zu sein?

Hobi: Ich hatte nie das Gefühl, in ein Gremium gewählt zu werden, einfach nur, weil ich eine Frau bin. Es ging immer um die Sache. Ich sehe bei Kommissionen mit festgeschriebener Frauenzahl eine Gefahr darin, dass dort Frauen dabei sein müssen, die inhaltlich gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Das ist vor allem in Bereichen mit (noch) tiefem Frauenanteil ein Problem.

Schweier: Ich bin skeptisch, was Quotenregelungen betrifft. Wenn es genug Frauen mit Fachkompetenz gibt, kommen auch die Gelegenheiten. Heute ist es an wissenschaftlichen Konferenzen völlig normal, dass eine Frau auch für die prestigeträchtige Keynote-Ansprache angefragt wird. Das geht aber ohne Fachkompetenz gar nicht.

Mehr Empathie in die Wissenschaft

Glaubst du, dass du etwas anders machst als ein Mann in deiner Position?

Hobi: Ich glaube schon, dass Frauen mehr Empathie in die Wissenschaft bringen. Ich persönlich lege Wert auf einen guten Umgang in meiner Gruppe und ich möchte ein offenes Ohr für meine Mitarbeitenden und ihre Probleme haben. Es soll um mehr als Fakten und Resultate gehen, sondern auch um einen guten Weg dorthin.

Thürig: Ich versuche, es allen Teammitgliedern zu ermöglichen, das zu machen, was sie möchten. Und ich fördere auf jeden Fall die Teilzeitarbeit, gerade auch bei Männern. Denn wenn mein Mann nicht auch ein reduziertes Pensum hätte, würde mein Modell nicht aufgehen.

Schweier: Das gilt auch für mich.

Wie glaubt ihr, wird es in Zukunft weitergehen?

Schweier: Wenn ich irgendwo als Frau anders behandelt werde als die Männer, dann ist das eher eine Generationenfrage. Bei den jüngeren Männern ist es heute völlig normal, dass Frauen die gleichen Rollen wie sie haben.

Thürig: An der WSL ist schon heute Teilzeitarbeit in vielen Gruppen möglich, auch für Männer. Das ermöglicht erst die flexiblen Arbeits- und Familienmodelle und es macht die WSL als Arbeitgeberin attraktiv. Ausserdem habe ich das Gefühl, wer mit hohem Teilzeitpensum – also 70 oder 80 Prozent – arbeitet, ist sehr effizient. Ich muss mir genau überlegen, was in meinen Tag passt, und die Arbeitsintensität ist höher.

Hobi: Diversität ist klar ein Vorteil bei der Zusammenarbeit. Durchmischte Teams – nicht nur beim Geschlecht, sondern auch beim Alter und der Herkunft – funktionieren besser, weil sie Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.

Was empfehlt ihr anderen Frauen in der Wissenschaft?

Hobi: Man soll die Chancen packen, wenn sie sich anbieten, und sich nicht erst lange Gedanken machen, ob es funktionieren wird.

Schweier: Vor allen Dingen nach der Doktorarbeit nicht den Mut verlieren und dranbleiben. Diese Zeit war bei mir und ist bei vielen Wissenschaftlerinnen besonders herausfordernd, weil man sich Gedanken dazu macht, wie man Arbeit und Familienplanung unter einen Hut bekommen kann.

 

Esther Thürig (links) ist Biologin. Sie leitet die Gruppe Ressourcenanalyse, die den aktuellen Zustand sowie die zukünftige Entwicklung der Wälder und deren Leistungen untersucht. Sie hat einen Sohn (10) und eine Tochter (9).

Janine Schweier hat in Freiburg Forstwissenschaften studiert. Ihre Gruppe Nachhaltige Forstwirtschaft unterstützt die Waldwirtschaft darin, auch künftig sämtliche Ökosystemdienstleistungen erbringen zu können. Sie hat zwei Söhne im Krippenalter.

 

Martina Hobi ist Umweltnaturwissenschafterin. Ihre Gruppe Bestandesdynamik und Waldbau untersucht die Waldentwicklung und deren Lenkung durch den Menschen. Sie hat eine Tochter im Kleinkindalter.

 

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