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Ein Leben im Zeichen der Jahrringforschung

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14.1.2020  | Reinhard Lässig und Ulf Büntgen | News WSL 

 

Am 7. Januar 2020 verstarb Prof. Dr. Fritz Hans Schweingruber nach geduldig ertragener Krankheit kurz vor Vollendung seines 84. Lebensjahres. Als einer der weltweit bekanntesten Jahrringforscher trug er mit seinen zahlreichen Arbeiten seit den 1970er Jahren zum nationalen und internationalen Erfolg der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf bei.

 

Fritz Schweingruber etablierte die heute weltweit durchgeführte Jahrringforschung zusammen mit Wissenschaftlern aus vielen Ländern als international anerkanntes Forschungsthema. An der WSL baute er ein dendrochronologisches Netzwerk auf, das seit Jahrzehnten entscheidende Beiträge zur langfristigen Klimaforschung und zum globalen Klimaverständnis liefert. Einen Grossteil der Daten sammelte der Biologe selber während unzähliger Expeditionen auf allen Kontinenten. Besondere Verdienste hatte er am wissenschaftlichen Aufbau im post-sowjetischen Russland. Seine Grundlagenbücher zur Dendrochronologie und Holzanatomie sind in allen Bibliotheken der Welt vertreten. 

Jahrringdaten als eine Basis der globalen Klimaforschung

Schweingruber prägte mehrere Generationen von Forschenden massgeblich mit. Aus seiner dynamischen Arbeitsgruppe gingen Wissenschaftler hervor, die derzeit in den USA, England, Deutschland, Russland und der Schweiz wichtige Forschungsinstitute leiten und, wie er, an zahlreichen Hochschulen unterrichten. Dank ihm ist die Jahrringforschung heute nicht nur in zahlreichen Umweltwissenschaften, sondern auch in der Archäologie tief verankert. Disziplinäre Grenzen hat Schweingruber konsequent überschritten und somit neue Arbeitsfelder erschlossen.

Der ursprüngliche Primarlehrer baute nach seinen Studien der Botanik, Zoologie, Geologie, der Ur- und Frühgeschichte, sowie der Holzbiologie an der WSL das europaweit grösste Jahrringlabor auf. Seit den 1970er Jahren bildete er unzählige wissenschaftlich tätige Fachleute an der WSL aus. Seine Verdienste für die Jahrringforschung und Holzanatomie lassen sich unter anderem in mehr als 160 Fachartikeln, 35 Büchern, zahlreichen betreuten Doktorarbeiten sowie zahlreichen Projekten, Reisen, Expeditionen, Vorträgen und Seminaren messen. Eine sehr spezielle Leistung Fritz Schweingrubers ist die weltweit einzigarte Sammlung mikroskopisch dünner Querschnitte von 5000 Baum-, Strauch- und Krautarten sowie Gräsern. Diese ermöglicht die eindeutige Bestimmung von Pflanzenarten und wird auch für Ausbildungszwecke verwendet. Schweingrubers internationales Ansehen ist überwältigend und öffnete auch vielen jüngeren Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz die Türen. Es ist gewiss keine Übertreibung: Seine wissenschaftlichen Leistungen waren bis zum letzten Tag seines intensiven Lebens herausragend und für viele Kolleginnen und Kollegen stimulierend.

 
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Fritz Schweingruber in Ost-Grönland, wo er viele Proben von Sträuchern gesammelt hat. Im Bild hält er eine arktische Birke (Salix arctica) (Bild: W. Tegel)
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Fritz Schweingruber als Exkursionsleiter bei der Europäischen Dendroökologischen Feldwoche 2011 in Engelberg. Diesen internationalen Kurs für Jahrringwissenschaftler/-innen hat er in den 1980ger Jahren gegründet. (Bild: Kerstin Treydte)
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Fritz Schweingruber als Exkursionsleiter bei der Europäischen Dendroökologischen Feldwoche 2011 in Engelberg. Diesen internationalen Kurs für Jahrringwissenschaftler/-innen hat er in den 1980ger Jahren gegründet. (Bild: Kerstin Treydte)
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Fritz Schweingruber begutachtet zusammen mit Daniel Nievergelt dessen Fund von Baumstrünken aus dem Spätglazial (14000-12000 vor heute) (Bild: Gottardo Pestalozzi)
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Fritz Schweingruber erklärt anlässlich des Nationalen Zukunftstages an der WSL Schülerinnen und Schülern, wie ein Baum wächst und Jahrringforschende Holzproben nehmen (Bild: Michèle Kaennel Dobbertin)
 

Mit Kompetenz und Beharrlichkeit zum Erfolg

Fritz Schweingruber war nicht nur ein Mensch von hohem wissenschaftlichem Glanz, sondern auch mit einer grossen persönlichen Strahlkraft. Mit seinem nahezu perfekten Gedächtnis und Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Kreativität und Innovationsgespür beeindruckte er viele Kollegen und Freunde. Er überzeugte stets mit Kompetenz, persönlichem Einsatz, aber auch durch Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen.

Nach seiner Pensionierung 2001 forschte Schweingruber an der WSL weiter und widmete sich vor allem der taxonomischen, anatomischen und dendrochronologischen Analyse von Kräutern und Zwergsträuchern auf der ganzen Welt. Ein zentrales Anliegen war ihm dabei die vergleichende Studie anatomischer Merkmale von Hochgebirgspflanzen in den Alpen und dem Himalaya. In den letzten Jahren seines Schaffens beschrieb er mit viel Kreativität und grosser Neugierde die Funktion und Ästhetik von Hölzern. Probenbearbeitung und Mikroskopie waren seine Art, neue Welten zu entdecken und bestehendes Wissen kritisch zu hinterfragen.

 
 
 
 

Komplexe Sachverhalte verständlich vermittelt

Neben der Arbeit als Forscher besass Schweingruber ein ausgeprägtes didaktisches Talent, das ebenso faszinierend wie ansteckend war. So bildete er Studierende aus vielen Ländern aus und rief die «Internationalen dendro-ökologischen Feldwochen» (ab 1986) und die «Internationalen dendro-anatomischen Wochen» (ab 2001) ins Leben. Auf oftmals unkonventionelle Art und Weise gelang es ihm scheinbar mühelos, sich auf unterschiedlichste Zielgruppen einzulassen, um diesen komplexe Sachverhalte greifbar und nachvollziehbar zu vermitteln. Seine Unkompliziertheit und Bescheidenheit ermöglichten ihm oft auch unter widrigen Umständen, wissenschaftlich fokussiert zu agieren.

Pragmatisch, innovativ und menschlich

Die WSL verliert mit Fritz Schweingruber nicht nur einen der erfolgreichsten und weltweit anerkanntesten Jahrringforscher, einen Grenzgänger an der Schnittstelle zwischen Dendrochronologie, Holzanatomie und Waldökologie. Sie verliert auch eine Persönlichkeit, die stets durch ihr zielstrebiges Suchen nach pragmatischen Wegen und durch ihre Menschlichkeit auffiel. Die WSL ist Fritz Schweingruber zu höchstem Dank für sein Lebenswerk verpflichtet. Seine wissenschaftlichen und didaktischen Errungenschaften sind nur schwer in Zahlen zu fassen.

Die nationale wie internationale Jahrringforschung wird Fritz Schweingruber schmerzlich vermissen. Auch wenn sein Tod eine intellektuelle Lücke hinterlässt, wird uns sein Erbe in Form von Millionen Jahrringdaten, (populär-)wissenschaftlichen Büchern und Fachartikeln, sowie eigens entwickelten Messmethoden und -geräten für immer erhalten bleiben. Seine menschlichen Qualitäten, die einen beseelten Wissenschaftler erst zu einem begeisternden Forscher machen, werden wir in angenehmer Erinnerung behalten.

Die Mitarbeitenden der WSL sprechen der Trauerfamilie ihre tiefe Anteilnahme aus.

  

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