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Herleitung von Merkmalen zur Beurteilung des Wildeinflusses auf die Waldverjüngung

 

Hintergrund

Wilddichte (basierend auf Abschuss und Fallwild je Jagdrevier) und Verbissintensität durch Reh, Hirsch und Gams an der Waldverjüngung sind positiv korreliert. Der Zusammenhang zwischen der Verbissintensität und der Verjüngungsstruktur ist hingegen sehr viel komplexer. Auswertungen aus 49 Verbiss-Erhebungen (Verbissinventuren in Indikatorflächen mit systematisch angeordneten Stichproben) in den Kantonen St.Gallen und Thurgau haben gezeigt, dass es Standorte gibt, in welchen <9% Verbissintensität bei der Tanne bereits zu einem Ausfall der Tanne führen, hingegen aber auch solche Standorte, bei denen die Tanne mit >30% Verbissintensität noch aufkommt und im Lauf der Zeit durch die Höhenklassen aufwachsen kann. Auch im Gebiet Calanda wird seit Jahren der Einfluss des Wildes auf die Waldverjüngung mittels Erhebungen in Stichproben untersucht.

Nun hat sich in der Region Calanda (Kantone Graubünden und St. Gallen) das erste Wolfsrudel der Schweiz der Neuzeit entwickelt. Es ist damit zu rechnen, dass sich bald weitere Rudel bilden und dass auch der Einfluss von einzelnen Wölfen auf Schalenwildpopulationen zunimmt. Wölfe fressen Wild und damit sinkt dessen Bestand („numerischer Effekt“); dies dürfte zu vermindertem Verbiss führen und deshalb höchst wahrscheinlich positive Auswirkungen auf die Waldverjüngung haben. Wölfe haben aber auch einen Effekt auf das Verhalten des Wildes. Das Wild kann z.B. räumlich auf Habitatstypen ausweichen, in denen das Prädationsrisiko geringer ist. Ob und inwieweit solche Effekte in der kleinräumigen Schweiz mit intensiv bejagten Schalenwildbeständen auftreten, ist aber bisher unklar.

Bevor ein allfälliger Kaskadeneffekt von Wolf auf die Waldverjüngung nachgewiesen werden kann, muss genauer bekannt sein, wie Verbiss und Verjüngungsstruktur effektiv zusammenhängen.

 

Projektziel

Das Projekt hat zum Ziel, i) die Öffentlichkeit über die komplexen direkten und indirekten Zusammenhänge zwischen Wolf und Waldverjüngung zu informieren, ii) allfällige Lücken in den Merkmalen zur Beurteilung des Wildeinflusses auf die Waldverjüngung zu erkennen, iii) darauf basierend ein Monitoring-Instrument zu entwickeln und iv) kleinräumig im Gebiet Calanda und 3 weiteren Flächen im Kanton St. Gallen zu testen.

Hauptziel ist, sich einem wissenschaftlich fundierten und gleichzeitig in der Forstpraxis umsetzbarem Monitoring des Wildeinflusses auf die Waldverjüngung zu nähern.

Forschungsfragen

  1. Welches sind die potentiellen Effekte von Wölfen auf den Schweizer Wald?
  2. Wie beeinflusst die Verbissintensität die Verjüngungsstruktur? D.h., inwiefern unterscheiden sich Standorte, in welchen <9% Verbissintensität bei der Tanne bereits zu einem Ausfall der Tanne führen, von solchen, bei denen die Tanne auch mit >20% bis sogar >30% Verbissintensität noch aufkommt und im Lauf der Zeit durch die Höhenklassen aufwachsen kann?
  3. Mit welchen zusätzlichen einfachen Merkmalen können in Verbissinventuren diese Unterschiede im Einfluss der Verbissintensität nachgewiesen werden?
  4. Wie gross ist heute der Einfluss des Wildes auf die Waldverjüngung im Gebiet Calanda?

Methode

In eine international angelegten Literaturrecherche wurden mögliche Effekte des Wolfes im Schweizer Wald aufgelisted und ihre Wichtigkeit in den verschiedenen Phasen der Wolfsbesiedlung abgeschätzt.

Im Hauptteil des Projektes wurden mit zusätzlichen Erhebungen, z.B. zu Verbissstärke, Baumwachstum und Samenbäumen, in 12 bereits relativ gut untersuchten Indikatorflächen im Kanton St. Gallen die Prozesse ergründet, die zu kontrastierenden Verjüngungsdichten bei gleichen Verbissintensitäten und umgekehrt führen. Das verbesserte Verständnis der Zusammenhänge diente dazu, die Merkmale zu überprüfen, die in Verbisserhebungsverfahren aufgenommen werden, respektive sie zu ergänzen mit Endtrieb-Verbissstärke, Höhenzuwachs etc.

Des weiteren wurden Einflüsse des Standortes wie Zuwachsrate, Verbiss bedingte Mortalität und verzögerte Reaktion nach Verbiss, mittels Simulationen des Aufwuchses unter verschiedener Verbissintensitäten überprüft.

Die gefundenen Merkmale mit Differenzierungscharakter wurden anschliessend mit Förstern auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Dieser Test wurde in den Jahren 2015 - 2017 durchgeführt in:

  • 3 Indikatorflächen auf der St. Galler Seite des Calanda-Gebietes,
  • 3 weiteren Indikatorflächen im Kanton St. Gallen,
  • 4 Verjüngungskontrollen mit Stichproben auf der Bündner Seite des Calanda und
  • 3 Verjüngungskontrollen mit Stichproben im Prättigau.

Diese Daten wurden einerseits ausgewertet um einen möglichen Kaskadeneffekt vom Calanda-Wolfsrudel über das Wild zur Baumverjüngung nachzuweisen  und andererseits konkrete Empfehlungen für das Monitoring des Verbisseinflusses an den Kanton St. Gallen zu geben.

 

Bisherige Resultate

Publikationen zum Kaskadeneffekt Wolf - Wild - Wald

Kupferschmid, A.D.& Bollmann, K. 2016. Direkte, indirekte und kombinierte Effekte von Wölfen auf die Waldverjüngung. Schweiz. Z. Forstwes. 167:3–12.

Kupferschmid, A.D. & . Bollmann, K. 2017. Effekte von Wölfen auf die Waldverjügnung in der Schweiz. www.waldwissen.net.

Kupferschmid, A.D., Beeli, F.& Thormann, J.-J. 2018. Effekte des Wolfrudels am Calanda auf die lokale Waldverjüngung. Bünder Wald 71:37-44.

Kupferschmid, A.D. Local trophic cascading impact of wolves on tree regeneration in summer and winter areas of ungulates. In: 6th symposium for research in protected areas (2017) Salzburg. 353-356.

Publikationen zur Erhebungen des Verbisseinflusses

Kupferschmid, A.D. (submitted). Selective behaviour of ungulates influences the growth of Abies alba differently depending on forest type. For. Ecol. Manage.

Kupferschmid, A.D. Einfluss des Verbisses: Empfehlungen zur Merkmalserhebung an den Kanton St. Gallen (2017) Birmensdorf: Eidg. Forschungsanstalt WSL. 44.

Kupferschmid, A.D., Wunder, J.& Gmür, P. VEKO - Verjüngungskontrolle St. Gallen Pilotphase 2018 (2018) Birmensdorf, Eidg. Forschungsanstalt WSL & Kantonsforstamt St. Gallen. 24.