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Eine Eisscholle als neues Zuhause

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Aufbruch ins Polarmeer: SLF-Forscher David Wagner ist auf der ersten Etappe der MOSAiC-Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff „Polarstern“ unterwegs. Die Suche nach einer geeigneten Eisscholle ist die erste Herausforderung, die das Expeditionsteam meistern muss.

 

Nach Monaten der Vorbereitung, Aufregung, unzähligen Meetings und Diskussionen ging es am 14. September endlich nach Tromsø im Norden von Norwegen. Von dort sollte wenige Tage später, am 20.09., die grosse MOSAiC-Expedition mit dem Eisbrecher «Polarstern» starten. Es stand nun noch eine Woche mit Sicherheitsbriefings und Beladen des Schiffes bevor. Dies war bereits eine sehr aufregende Woche, denn nun wurde es immer klarer, dass es demnächst ernst werden würde.  Das Schiff dann im Hafen zu sehen, wie es beladen wird, sorgte dann schon fast für weiche Knie. Diese Woche empfand ich aber ebenso als wichtig, denn man konnte sich schon mal an den «MOSAiC-Spirit» gewöhnen und andere Expeditionsteilnehmer kennenlernen. Wir installierten in dieser Woche auch unser Messgerät, den Mikro-Computertomographen, mit dem wir unsere Messungen des arktischen Schnees durchführen werden. Die Installation lief relativ holprig, aber am Ende doch zufriedenstellend.

 

Hektik vor dem Ablegen

Die letzten drei Tage vor Abfahrt war der Medienandrang auf der „Polarstern“ sehr gross und ich hatte die Gelegenheit, Interviews für Zeitungen und Radios zu geben. Am Tag der Abfahrt gab es noch einen Abschieds-Event, an dem auch einige Minister aus Norwegen und Deutschland teilnahmen. Nach zwei Drinks im warmen Zelt im Hafen ging es aufs Schiff, das schliesslich gegen 21 Uhr Ortszeit mit grossem Gepolter ablegte. Dies war auch der Moment, in dem die Anspannung etwas abfiel. Endlich Ruhe. Erstes Abendessen in der Messe.

 

Das Schiff fuhr nun erst einmal durch die Barentssee Richtung Nordspitze der sibirischen Insel Novaya Zemlya. Auf der Fahrt gab es tagelang starken bis stürmischen Wind und bis zu 7 Meter hohe Wellen. Mit Tabletten gegen Seekrankheit habe ich direkt erfolgreich vorgebeugt. Leider wurden nämlich in Bremerhaven in der Werft die Schiffsstabilisatoren ausgebaut, die einem Rollen des Schiffes entgegenwirken - vermutlich zum Schutz vor dem Eisdruck. Der starke Seegang über mehrere Tage kann einem schon etwas zusetzen.

Nach etwa fünf Tagen erreichten wir die Eiskante nördlich von Severnaya Zemlya. Kein Seegang mehr. Und es war interessant, das erste Mal das arktische Meereis zu sehen. Für mich waren das Bilder, die ich bisher nur aus Dokumentarfilmen kannte. Aber in dieser Gegend war auch viel Nebel und schlechtes Wetter. Und prompt wurden die ersten Eisbärenspuren und schliesslich der erste Bär gesichtet. Auch ein Walross brachte sich vor der „Polarstern“ in Sicherheit, indem es von einer Scholle glitt und abtauchte.

Die Suche nach der passenden Scholle

Nun ging es weiter ins dichter werdende Eis Richtung Norden, um eine passende Scholle zu suchen, an der wir uns verankern würden. Die Suche war nicht ganz so einfach, denn aufgrund des Klimawandels scheint es nur noch wenig mehrjähriges Eis in dieser Gegend zu geben. Wir blieben schliesslich länger an einer Scholle, einer der wenigen die passend erschien für unsere Bedürfnisse, mit einer gesamten horizontalen Ausdehnung von circa 3,5 mal 2,5 Kilometern. In der Mitte befindet sich eine starke „Festung“  aus mehrjährigem, dickem Eis mit vereinzelten Presseisrücken von bis zu 5 m Dicke und einer Ausdehnung von etwa 1 × 2 Kilometern. Rundherum befindet sich mehrheitlich flaches, circa 30 Zentimeter dünnes Eis bestehend aus gefrorenen Schmelztümpeln. Die Bedingungen der Scholle sind zwar nicht ganz ideal, denn an vielen Stellen ist das Eis dann doch etwas dünn und damit nicht überall so stabil, dass zu erwarten wäre, dass die Scholle überall den Kräften standhalten würde, die auf sie immer mal wieder wirken würden. Allerdings ist diese Scholle nun bisher die beste, die wir gefunden haben.

 
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Nordlicht über der "Polarstern" (Foto: AWI / Stefan Hendricks, CC-BY 4.0)
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Im Meereis eingefroren (AWI / Sebastian Grote, CC-BY 4.0)
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Links die "Polarstern", rechts die "Akademik Fedorov" (AWI / Esther Horvath, CC-BY 4.0)
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Im Meereis hat sich ein Riss gebildet (AWI / Matthew Shupe, CC-BY 4.0)
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Eisbären in der Nähe des Schiffs (AWI / Esther Horvath, CC-BY 4.0)
 

Nach einigen Tagen der Erkundung trafen wir das russische Forschungsschiff „Akademik Fedorov“, das ebenfalls an der Expedition beteiligt ist.  Es war in den folgenden Wochen für den Aufbau des „Distributed Network“ zuständig: Eines Netzwerks von Messstationen in einem Radius von bis zu 50 km um die „Polarstern“ als zentralen Punkt herum.  Zudem hielt die „Akademik Fedorov“ Ladung und Treibstoff für die „Polarstern“ an Bord bereit.

Nach einigen Diskussionen mit Leuten des russischen Schiffes wurde entschieden, dass an der Scholle festgemacht werden sollte, welche wir mehrere Tage lang ausgiebig untersucht hatten. Die „Polarstern“ wurde daran mit Stahlseilen verankert. Wir haben also nun unser «Zuhause» für die nächsten Monate gefunden! Dort hatten wir bereits den ersten sehr nahen Besuch von einer Eisbären-Mutter und ihrem Jungen. Die beiden, aber auch die Dynamik des Eises sollten uns später noch einige Probleme bescheren.