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In Sandalen nach Sibirien

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23.09.2019 | Logbuch

  

Auf dem Weg zur sibirischen Forschungsstation Samoylov muss SLF-Botaniker Christian Rixen einige Hindernisse überwinden: Sein Gepäck geht verloren, er schlägt sich tagelang mit Formularen in kyrillischer Schrift herum und besteigt schliesslich ein kleines Schiff in die Arktis – in Sandalen.

 

Hoch im Nordosten der sibirischen Arktis liegt die Forschungsstation Samoylov, auf der ich zwei Wochen lang für ein Forschungsprojekt über arktische und alpine Pflanzen arbeiten durfte. Ein EU-Programm zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen arktisch-alpinen Forschungsstationen ermöglichte meinen Aufenthalt hier, und ich nutzte die Zeit für Vegetationsuntersuchungen an Klimastationen.

 

An dieses Ende der Welt zu gelangen, ist nicht ganz unaufwändig. Der erste Teil ist einfach: Lange Flüge bringen einen von Zürich über Moskau nach Jakutsk (schon mal weit im Osten). Schwieriger wird es dann, wenn die russische Fluggesellschaft Aeroflot es fertigbringt, über 1500 Gepäckstücke nicht oder falsch weiterzuschicken (der Vorfall schaffte es sogar ins russische Fernsehen). Vier von sechs Forschenden – darunter ich – suchten in Jakutsk vergeblich nach Gepäck und Expeditionsausrüstung. Englisch spricht hier niemand, entsprechend mühen wir uns lange durch viele kyrillische Formulare. Nach einigen Stunden erfolgloser Suche nach Informationen geht es eben ohne Gepäck weiter in die Arktis.

Nächster Stop ist Tiksi. Die Stadt war zu Sowjetzeiten glorreicher nördlicher Vorposten bei der Erschliessung der russischen Arktis. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Tiksi wirtschaftlich «fallengelassen». Seitdem haben die Häuserblöcke aus der kommunistischen Zeit wohl keine frische Farbe mehr gesehen.

 

Formularschlacht im Militärgebiet

In dieser tristen Siedlung verbringen wir die nächsten Tage viel Zeit bei der Grenzpolizei. Da wir uns am arktischen Ozean quasi an der Grenze zu den USA befinden, sind wir hier im Militärgebiet. Das AWI hat viele Jahre Erfahrung mit dem Organisieren der Forschungsgenehmigungen, aber wenn ein neuer Militärverantwortlicher sich entscheidet, ein Zeichen zu setzen, gelten neue Regeln. Die frühere Gruppengenehmigung gilt nicht mehr, und entsprechend muss jeder einzelne von uns zur Grenzpolizei für die Formalitäten. Für jeden werden viele Seiten Formulare geschrieben und von uns unterschrieben: Schuldeingeständnis, dass wir uns in russischen Militärgebiet befinden, Schuldeingeständnis, dass wir kein Russisch können, Schuldeingeständnis, dass wir Übersetzer brauchen etc. Nach circa zwei Stunden sind wir vorläufig frei, sollen uns aber am nächsten Tag wieder bei der Polizei einfinden. Es passiert dort sonst nicht viel und man freut sich über Besuch.

Am nächsten Tag erfahren wir, dass es einen Fehler in den Protokollen gab. Also müssen die Protokolle neu geschrieben und von uns signiert werden, während wir wieder stundenlang auf der Station sitzen. Am dritten Tag müssen wir natürlich noch ein abschliessendes Formular bei der Polizei unterzeichnen. Inzwischen geht die Druckerpatrone gefährlich zur Neige und wird vor jedem Druckvorgang vom Polizeibeamten nervös geschüttelt. Nach weiteren zweieinhalb Stunden sind wir dann tatsächlich frei.

 
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Zur Befestigung eines kleinen Mastes mit automatischer Kamera wird ein Loch ins Eis und den gefrorenen Boden gebohrt. Der Mast wird hineingesteckt und friert einfach fest. Foto: Birgit Heim
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Aufnahme eines Vegetationsplots, auf dem sämtliche Pflanzenarten und ihre Deckung erfasst werden. Foto: Birgit Heim
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Küstenseeschwalben nisten zahlreich auf Samoylov. Foto: Christian Rixen, SLF
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Vor den spitzen Schnäbeln der Küstenseeschwalben muss man aufpassen. In Nestnähe attackieren sie im Sturzflug den Kopf von Eindringlingen in ihr Revier! Foto: Christian Rixen, SLF
 

Langes Warten – dann plötzlich Hektik

Abends soll es mit dem Schiff weitergehen auf die Insel Samoylov im Lena-Delta. Leider haben wir noch keine Neuigkeiten von unserem verlorenen Gepäck. Oder besser gesagt: Wir erhalten sehr viele unterschiedliche Informationen. Das ist vielleicht das Merkwürdigste an unser Situation. Wenn wir schlicht erfahren würden, dass das Gepäck nicht rechtzeitig ankommt, könnten wir uns darauf einstellen und entsprechend vor der Weiterreise in Tiksi einkaufen. Aber man erhält immer wieder Häppchen von (Des-) Information, die einen glauben lassen, die Organisation des Gepäcks sei unter (ein bisschen) Kontrolle. Fünf Minuten vor Abreise mit dem Schiff heisst es dann: Das Gepäck ist nicht da, nun aber schnell los aufs Schiff. Auch dies ist nicht ganz untypisch: lange Wartezeiten gefolgt von plötzlicher panischer Hektik.

Es folgt also eine 12-stündige Fahrt über Nacht auf einem kleinen Schiff durch die Arktis. In Sandalen. Die Wanderschuhe hat Aeroflot. In der kleinen gemütlichen Kajüte kann man sitzen, aber nicht schlafen. Aber dunkel wird es ja eh erst wieder im September. Entsprechend k.o. kommen wir am nächsten Morgen schliesslich auf der Insel Samoylov an.

 

Aber wieso geht es eigentlich auf eine Insel – ist die Reise nicht schon weit genug? Der grosse Fluss Lena hat an seiner Mündung ein riesiges Delta von der Grösse Belgiens erschaffen, das aus unzähligen Inseln, Inselchen und Sandbänken besteht. In dieser Region gibt es faszinierende Permafrost-Muster, welche man auf dem Festland in der Form nicht unbedingt findet. Um sie zu erforschen, muss man Schiffe zum Transport benutzen, und Forschungsstationen im Lena-Delta liegen am Flussufer und auf Inseln.

Putin macht’s möglich

Ursprünglich war die russisch-deutsche Station eine kleine Holzhütte mit Plumpsklo, aber natürlich auch mit einer Banya (Sauna). Die Expeditionsteilnehmer waren sehr in der Zahl begrenzt und konnten nur während der Sommermonate dort arbeiten, manche mussten vor der Hütte zelten. Dann kam 2010 Putin, der zur Eröffnung einer neuen Klimastation in Tiksi war, auch ins Lena-Delta zu Besuch und war gar nicht begeistert von der kleinen Station. Darauf waren plötzlich Mittel da, eine riesige moderne Forschungsstation zu bauen mit grossen Kühlräumen, Labors, Grossküche, entsprechenden Unterkünften etc. Heute ist die Station ein Forschungsparadies mit toller Ausrüstung, vielen Forschungsmöglichkeiten und dreimal täglich warmem Essen, die das ganze Jahr über besetzt ist. Viel grössere Forschungsteams und internationale Gäste arbeiten dort jetzt vom April bis Ende September.

Meine eigentliche Forschungsarbeit lief erfolgreich und reibungslos (von ein paar tausend Mücken abgesehen). Sie war eine Fortsetzung eines Schweizer Nationalfondsprojektes, bei dem wir den Zusammenhang zwischen Vegetation, Pflanzenwachstum und Klima (speziell Schnee und Temperaturen) an über 100 Klimastationen untersuchten. Im jetzigen Folgeprojekt beziehen wir weitere Klimastationen in anderen kalten Regionen der Welt ein. Zu dem Zweck machte ich auf Samoylov Vegetationsaufnahmen an Klimastationen, mass Pflanzeneigenschaften wie Blattflächen etc. und erfasste Daten an der Bodenoberfläche, die zusammen mit Drohnen- und Satellitendaten analysiert werden können.

Irgendwann kam auch mein Gepäck. Zum Glück hatte ich mir auf der Station ein paar Gummistiefel und ein paar andere Sachen leihen könne, sodass ich nicht in Sandalen durch die Tundra stapfen musste. Auf der Rückreise war ich an jedem Flughafen überrascht und überglücklich, dass mein Gepäck dabei war.