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Waldbrandfläche in Leuk: hohe Artenvielfalt

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Nach einem der grössten Schweizer Waldbrände der letzten 30 Jahre in Leuk begann sich die Vegetation schnell wieder auszubreiten: Bereits kurze Zeit nach dem Brand entfaltete sich eine eindrückliche Artenvielfalt. Wir erforschen, wie Fauna und Flora auf diese Waldbrandfläche zurückkehren.

 

Der Waldbrand vom 13. August 2003 brach in der Nähe von Leuk aus. Innert kürzester Zeit steht der ganze Berg in Flammen. Das Feuer bedrohte Leuk, die Gemeinden Guttet, Feschel, Albinen, und zahlreiche benachbarte Weiler. 260 Personen müssen zeitweilig evakuiert werden. In nur einer Nacht zerstört das Feuer über 300 Hektaren Wald mit etwa 200'000 Bäumen und verursachte einen Sachschaden von insgesamt 7.6 Millionen Franken.

Brandstifter legte Feuer

Das Feuer geriet dank dem grossen Einsatz von Feuerwehr, Zivilschutz, Polizei, Bergrettung, Forstleuten und Militär schnell unter Kontrolle, doch erst einen Monat erlosch es vollständig. Da ein Fünftel des praktisch vollständig zerstörten Waldes als Schutzwald für die Stadt Leuk und für die Strasse nach Leukerbad galt, leiteten die Verantwortlichen frühzeitig erste Schutzmassnahmen gegen Steinschlag und Lawinen ein.

Ermittler finden ein Jahr später Brandbeschleuniger und vermuten Brandstiftung. Kurze Zeit später wird ein 32-jähriger Oberwalliser festgenommen, der gesteht, nicht nur das Leuker Feuer, sondern 36 weitere Brände gelegt zu haben. Das Gericht verurteilt ihn zu einer psychiatrischen Therapie und zu vier Jahren Zuchthaus.

 

Hohe Artenvielfalt nach dem Brand

Unsere Forschung auf der Waldbrandfläche von Leuk zeigt, dass in den ersten Jahren nach dem Brand auf die zahlreichen Krautpflanzen in den unteren Lagen eine Versteppung folgte. Unter den Erstbesiedlern waren Pionierbäume wie Pappel, Weide und Birke, die heute bereits Höhen von über 5 Metern erreichen. Auch nach 10 Jahren nach dem Extremereignis war die Artenvielfalt noch deutlich grösser ist als im benachbarten Nadelmischwald.

Weil die Besiedlung von Brandflächen im trockeneren Wallis länger dauert als beispielsweise im Tessin, kann sich eine artenreiche Zwischenvegetation entwickeln. So kommen auf der Brandfläche neunmal mehr vom Aussterben bedrohte Insektenarten vor als im benachbarten Wald, etwa Wildbienen, Pflanzenfresser wie Heuschrecken und wichtige Totholzbesiedler wie Bockkäfer.

Unter den seltenen Pflanzen fällt vor allem der als verschollen gegoltene Erdbeerspinat (Blitum virgatum) auf, dessen Samen Jahrzehnte im Boden überdauert haben. Im Hinblick auf Naturschutz kann ein Waldbrand für die grössere Region durchaus positive sein – für Siedlungen und Verkehrswege hingegen ist er überwiegend eine Bedrohung.

Wann wird es wieder Schutz- und Erholungswald geben?

Vor allem die Bevölkerung von Leuk, aber auch viele Fachleute fragten sich 2003: Wann wird es oberhalb von Leuk wieder einen Wald wie vor dem Brand geben, einen Wald, der gleichzeitig vor allem vor Steinschlag schützt und zur Erholung einlädt? Unsere Untersuchungen zeigen: Nach 10 Jahren kam fast überall Buschwald auf, wenn auch in den untersten, sehr trockenen Lagen etwas später als in höheren. An den Rändern der Waldbrandfläche wird der Nadelwald in einigen Jahrzehnten den Buschwald überwachsen. Das zeigen heute schon die knapp kniehohen Lärchen und Fichten, die sich dort angesamt haben.

Weit vom Waldrand entfernt wird man unter 1500 m noch rund 30 - 50 Jahre auf langlebigen Nadelwald warten müssen. Und in den tiefsten Lagen scheint die Flaumeiche die Waldföhre abzulösen. Die Narbe des Waldbrands wird also für lange Zeit sichtbar bleiben.

 

Monitoring und Modelle: Wie wir forschen

Um die Wiederbesiedlung von Pflanzen und Tieren auf der Waldbrandfläche in Leuk zu dokumentieren, wenden wir verschiedene Methoden an:

  • Vegetationsmonitoring

Wir untersuchen seit 2004 jährlich 154 Stichprobenflächen, die je etwa 200 Quadratmeter gross sind.  Dabei bestimmen wir, welche Arten und wie viele Individuen von jeder Art vorkommen. Auf einem Viertel jeder Stichprobenfläche untersuchen wir, wie sich der Wald natürlich verjüngt. Zusätzlich zur Vegetationsaufnahme nahmen wir pro Stichprobenfläche einmalig je acht Bodenmessungen wie Bodentiefe oder Ascheauflage vor.

  • Vegetation vor und nach dem Waldbrand

Anlässlich einer Doktorarbeit fanden bereits 1996 Vegetationserhebungen im Gebiet statt (Gödickmeier, 1998). An diesen Orten erfassen auch wir die Vegetation regelmässig wieder.

  • Biodiversität von Insekten

Wir untersuchen, wie schnell Insekten die Waldbrandfläche in verschiedenen Höhenlagen wiederbesiedeln und welche Präferenzen die holzbewohnenden Insekten bei der Besiedlung der abgestorbenen Bäume haben.

  • Bodenuntersuchungen

Auf der Grundlage der Waldvegetationskarte des Kantons Wallis (Werlen, 1995) wurden sechs horizontale Transekte durch die wichtigsten Waldtypen gelegt. Entlang der Transekte untersuchten wir 25 Bodenprofile innerhalb und als Referenz ausserhalb des Waldbrandgebiets. Anhand von Vegetationsbedeckung, von Tiefen der verbrannten Fein- und Grobwurzeln und Höhen der Brandspuren an den Baumstämmen unterschieden wir drei Brandintensitäten: von leicht (1) bis stark verbrannt (3). Von allen mineralischen Horizonten entnahmen wir Proben, um den pH-Wert, Karbonat-, Kohlenstoff- und Stickstoffgehalt-Gehalt,  Kationenaustauschkapazität und Korngrössenverteilung zu bestimmen.

  • Lokales Klimamodell

Im zerstörten Waldgebiet zeichnen wir mit automatischen Messgeräten die Temperatur an zwölf Standorten auf. Die Messgeräte dokumentieren die Temperatur stündlich unter (-10 cm), auf (0 cm) und über (2 m) dem verbrannten Boden. Eine im selben Gebiet installierte Standard-Meteostation liefert genaue Werte, welche zur Kontrolle der automatischen Messungen dienen. Wir benutzen die regelmässigen Messungen, um sie in lokale Klimamodelle einzuspeisen.

  • Luftbildüberwachung

Um die Wiederbegrünung zu quantifizieren, erstellen wir jeweils im Sommer Luftbilder, sowohl Falschfarben-Infrarotbilder als auch Echtfarbenbilder in den Massstäben 1:5‘000 und 1:15‘000.

 

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