Häufig gestellte Fragen zum Buchdrucker (Ips typographus), der bedeutendsten einheimischen Borkenkäferart.


Fragen zur Biologie:

Fragen zur Überwachung und Bekämpfung:

siehe auch:

A: Biologie

• Wieviele Nachkommen hat ein Borkenkäfer?
Ein Weibchen legt durchschnittlich 60 Eier. Bei einem Geschlechterverhältnis von 1:1 verdreissigfacht sich somit die Population theoretisch innerhalb einer Generation. In der Praxis überleben aber nie alle Nachkommen. Bei günstigen Bedingungen zu Beginn einer Massenvermehrung kann die Vermehrungsrate 10 bis 15 betragen. Durch den Einfluss von natürlichen Gegenspielern, abiotischen Faktoren und gegenseitiger Konkurrenz sinkt diese Rate aber rasch wieder ab.
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• Wie lange dauert die Entwicklung einer Buchdrucker-Generation?
Die Entwicklungsdauer ist sehr unterschiedlich und hängt massgeblich von der Temperatur ab. Die Jahreszeiten und das Mikroklima (Besonnung der Rinde) spielen eine grosse Rolle, was zur Folge hat, dass sich die Generationenfolge im Laufe des Jahres stark verzettelt.
In Tieflagen findet der Flug der überwinterten Käfer und der Neubefall im April und anfangs Mai statt. Ende Juni und im Juli fliegt die erste Generation nach ca. 10 Wochen aus. Die zweite Generation braucht für die Entwicklung nur ca. 8 Wochen und fliegt anfangs bis Mitte September aus oder überwintert in den Frassbildern.
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• Wieviele Buchdrucker-Generationen pro Jahr gibt es?
In der Schweiz werden in Tieflagen (unterhalb ca. 1300 müM.) normalerweise zwei Generationen gebildet, in Hochlagen eine. Nur in ganz ausserordentlich warmen Vegetationsperioden kann es in milden Lagen zur Entwicklung einer dritten oder angefangenen dritten Generation kommen (1947, 2000). Daneben werden auch noch Geschwisterbruten angelegt; deren Reproduktionsrate ist jedoch geringer. Die Unterscheidung von Geschwisterbruten und neuen Generationen ist oft schwierig.
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• Wie lange lebt ein Borkenkäfer?
Borkenkäfer überwintern nur einmal. Nach dem Schlüpfen aus der Puppe lebt ein erwachsener Käfer maximal ein Jahr. Bei der Ausbildung von mehr als einer Generation pro Jahr leben die Käfer nur einige Monate.
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• Ertragen die Käfer kalte Wintertemperaturen?
Fertig ausgebildete Käfer sind sehr robust und können Wintertemperaturen bis unter –30oC ertragen. Eier, Larven und Puppen, sogenannte weisse Stadien, sind viel empfindlicher und überwintern in der Regel nur in liegenden Stämmen unter einer isolierenden Schneedecke erfolgreich. Deshalb tendieren die Käfer dazu, im Herbst nicht mehr zu brüten, so dass vor allem fertig ausgebildete (Jung-)Käfer überwintern.
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• Wie gross ist der Einfluss der natürlichen Feinde?
In den Latenzphasen zwischen Massenvermehrungen tragen die natürlichen Borkenkäferfeinde (räuberische Fliegen, Schlupfwespen, Ameisenbuntkäfer, Spechte, Pilze usw.) zum natürlichen Gleichgewicht bei und halten die Käferpopulationen unter Kontrolle. Werden die Bedingungen für eine Borkenkäfer-Massenvermehrung aber günstig (viel attraktives Brutmaterial, trocken-warme Witterung während der Vegetationsperiode), so können die natürlichen Feinde einen Ausbruch einer Borkenkäfer-Massenvermehrung nicht verhindern. Einer uneingeschränkten Weitervermehrung wird zwar entgegengewirkt, doch gelingt es den Nützlingen allein oft nicht, die Käferpopulationen regional innert weniger Jahre wieder zu senken. Erst wenn die Witterung und das Brutangebot für die Käfer wieder ungünstiger werden, nimmt der Einfluss der natürlichen Feinde zu. Innerhalb einzelner, mehrjähriger Käfernester ist die Wirkung der natürlichen Feinde grösser.
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• Wie weit fliegt ein Borkenkäfer?
Borkenkäfer sind Überlebenskünstler. Ein Teil einer Population reagiert nach dem Schlüpfen oder Überwintern sofort auf Duftstoffe und fliegt nur bis zum nächsten Baum. Der andere Teil fliegt weg (Migration) und reagiert erst später auf attraktive Bäume. Experimente zeigen, dass die Mehrheit der migrierenden Käfer innerhalb von wenigen 100 Metern wiedergefangen werden. Es ist aber durchaus denkbar, dass einzelne Käfer auch bis 1 oder 2 km weit aktiv fliegen können.
Normalerweise fliegen die Käfer nur bei schwachem Wind, da sie so gegen den Wind eine Duftquelle gezielt ansteuern können. Geraten die Käfer hingegen ungewollt in stärkere Luftströmungen, können sie über grössere Strecken (mehrere km) verfrachtet werden; wo sie dann landen, ist weitgehend vom Zufall bestimmt.
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• Welche Waldbestände sind besonders anfällig auf Borkenkäferbefall?
Der Buchdrucker befällt fast nur Fichten (Rottannen). Besonders geeignet sind ca. 60 bis 150-jährige Bäume. Sehr anfällig sind gleichalterige, wenig strukturierte Reinbestände, welche eine schockartige Schädigung erlitten haben (Sturm, Trockenheit, Kahlfrass usw.).
In Sturmschadengebieten sind neben frisch geworfenem Holz vor allem auch instabile, plötzlich freigestellte Bäume an Bestandesrändern attraktiv für die Käfer.
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B: Überwachung und Bekämpfung

• Nützt eine Borkenkäferbekämpfung überhaupt etwas?
200-jährige Erfahrungen lehren, dass Waldschutzmassnahmen Wirkung zeigen. Grossflächiger und andauernder Käferbefall tritt im In- und Ausland vor allem dort auf, wo keine Massnahmen getroffen oder diese nur punktuell oder zu spät an die Hand genommen wurden. Bekämpfungsmassnahmen zeigen aber nicht immer und überall den gewünschten Erfolg. Bei hohem Käferdruck kann es an freigestellten Bäumen zu weiterem Käferbefall kommen. In der Schweiz werden vor allem mechanische Massnahmen getroffen, indem man attraktives Brutmaterial wegräumt oder befallene Stämme noch vor dem Ausflug einer neuen Käfergeneration nutzt und abführt oder entrindet.
Nach Katastrophenereignissen (Sturm, Lawinen usw.) und Trockenperioden steigt das Risiko für Borkenkäferbefall stark an. Durch vorbeugende und bekämpfende Massnahmen kann eine Massenvermehrung der Käfer oft nicht verhindert werden, doch kann das räumliche und zeitliche Ausmass des Käferbefalls deutlich reduziert werden. Dank rechtzeitigem Eingreifen kann der Befallsdruck gesenkt und der Folgebefall um rund die Hälfte verkleinert werden.
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• Zu welcher Jahreszeit ist die Borkenkäferbekämpfung am wirksamsten?
Im Frühling und Frühsommer ist die Bekämpfung am wirkungsvollsten. Liegende oder stehende, frisch befallene Stämme werden entrindet oder abgeführt, noch bevor die erste Käfergeneration ausfliegt und sich weiter vermehrt.
Sobald Befall auftritt, erhalten neu besiedelte Stämme erste Priorität. Vorbeugendes Abführen oder Entrinden von unbefallenem Sturmholz kommt zu diesem Zeitpunkt erst an zweiter Stelle.
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• Kann man Borkenkäfer auch im Winter sinnvoll bekämpfen?
Ja, indem man Bäume nutzt, in denen Borkenkäfer im Jungkäferstadium unter der Rinde überwintern. Bis im April müssen die genutzten Stämme allerdings entrindet oder aus dem Wald abgeführt sein.
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• Darf befallene Rinde verbrannt werden?
Befindet sich die Borkenkäferbrut erst in einem "weissen Stadium" (Larven oder Puppen) so ist ein Verbrennen nicht nötig, da die Bruten in der abgeschälten Rinde vertrocknen und sich nicht weiter entwickeln können. Mit Jungkäfern besiedelte Rinde kann jedoch zum Abtöten der Käfer verbrannt oder gehäckselt werden.
Die Eidgenössische Luftreinhalteverordnung verbietet zwar das Verbrennen von frischen Wald- und Gartenabfällen. Im vorliegenden Fall dient die Massnahme jedoch der Käferbekämpfung und nicht der Abfallbeseitigung. Einzelne Kantone oder Gemeinden schränken das Feuern im Wald weiter ein.
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• Warum sollen Streuschäden vor Flächenschäden geräumt werden?
Nach grossen Sturmereignissen müssen bei den Massnahmen Prioritäten gesetzt werden. Aus Sicht der vorbeugenden Käferbekämpfung hat das rechtzeitige Räumen der Streuschäden einen grösseren Effekt als ein Eingriff in Totalschadenflächen.
Beschattete Streuschäden trocknen langsamer aus als besonnte Flächenwürfe und bleiben für die Borkenkäfer länger attraktiv. Flächenschäden tragen im ersten Jahr zwar auch zu einem Aufbau der Käferpopulationen bei, zahlreiche Stämme trocknen jedoch aus, bevor sie überhaupt befallen werden. Streuschäden wirken wie Fangbäume und bieten für die Ausgangspopulationen im noch intakten Waldbestand weiträumig günstiges Brutmaterial an. Streuschäden tragen verhältnismässig stärker und länger zum Populationsaufbau der Käfer bei und sollten deshalb prioritär entrindet oder abgeführt werden.
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• Wieso stellt man Lockstofffallen?
Lockstofffallen dienen sowohl der Überwachung als auch der lokalen Bekämpfung von Borkenkäfern. Die Entwicklung der Fangzahlen gibt Hinweise auf die Schwärmzeitpunkte und den Befallsdruck durch die Käfer. Überwachungsmassnahmen wie Kontrollgänge können so der Käferaktivität angepasst werden.
Die Käferpopulationen und der Befallsdruck innerhalb einer ganzen Region können mit Lockstofffallen nicht massgebend reduziert werden. Hingegen helfen die Fallen, das Befallsrisiko an instabilen Bestandesrändern zu senken und schöpfen in ausgeräumten Käfernestern im Boden überwinterte und zufliegende Käfer ab. Das Fallenstellen ist aber nur eine ergänzende Massnahme zum Räumen von befallenem Brutmaterial. Der gewünschte Bekämpfungseffekt tritt nur ein, wenn es mit den kombinierten Massnahmen gelingt, den lokalen Befallsdruck zu senken.
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• Können Borkenkäfer auch mit Insektiziden bekämpft werden?
Stehende Bäume dürfen im Wald nicht mit Insektiziden behandelt werden. Insektizidbehandlungen sind auch teuer, arbeitsintensiv und umweltbelastend. Zudem wirken ausgebrachte Insektizide nur wenige Wochen. Borkenkäfer unter der Rinde werden durch Besprühen der Stämme nicht erreicht. Für die weitaus meisten Fälle gibt es alternative mechanische Bekämpfungsmassnahmen.
Gelagerte Nutzholzpolter können zum Schutz vor Borkenkäferbefall vorbeugend mit zugelassenen Insektiziden behandelt werden. Dazu ist eine kantonale Bewilligung notwendig.
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• Ab wann können alte Käferbäume stehengelassen werden?
Sobald die Käfer ausgeflogen sind, trägt eine Nutzung nichts mehr zur Käferbekämpfung bei. Zahlreiche natürliche Feinde verlassen einen Käferbaum sogar einige Wochen nach den Käfern, so dass eine Nutzung auch kontraproduktiv sein könnte.
Solange ein Grossteil der Rinde noch am Stamm haftet, und die Krone noch benadelt ist, muss kontrolliert werden, ob noch Borkenkäfer vorhanden sind (ev. auch Geschwisterbruten oder eine neue Generation im unteren Stammteil). Rote Kronen sind kein sicherer Hinweis, dass die Bäume schon verlassen sind. Im Zweifelsfall sind einige Probefällungen vorzunehmen.
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