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Riesige Bäume, winzige Flechten – und Tomatensaft

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23.09.2019 | Logbuch

  

In der Ukraine organisierte Peter Brang eine internationale Konferenz über Urwälder. Bei einer mehrtägigen Exkursion in die Urwälder begegneten ihm nicht nur Baumriesen, sondern auch allerlei menschliche Eigenheiten. Im Logbuch berichtet er von seinen Erlebnissen mit der Natur und der Kultur des Landes.

 
 

An einem sommerlichen Morgen stehen unsere Transportmittel an der Hauptstrasse in Rakhiv bereit: umgebaute Kleinlastwagen in Blau und Gelb, den Nationalfarben der Ukraine. Zusammen mit gut 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt besteige ich eines der Fahrzeuge, um vier Tage lang Urwälder verschiedener Waldtypen besichtigen, von denen es in der Südwest-Ukraine noch viele gibt. Wir fahren auf einer Kiesstrasse entlang der Schwarzen Theiss, einem Gebirgsfluss. Jedes Haus in den kleinen Dörfern hat einen grossen Gemüsegarten – hier ist Selbstversorgung wichtig.

Bald halten wir an einer rotweissen Schranke, dem Eingang zum Karpatischen Biosphärenreservat KBR. Hier erwarten wir die Ranger, doch zunächst nähert sich eine Wandergruppe. Redet da nicht jemand Schweizerdeutsch? Es sind gut 20 Studierende des Master-Studienganges in Wald- und Landschaftsmanagement der ETH Zürich auf einer Studienreise. Das gibt ein Hallo!

Wir fahren in ein tief eingeschnittenes Tal, bald wird die Strasse ruppig. Ansonsten könnte das Tal auch in den Alpen liegen - die meisten Pflanzen sind mir vertraut. Wir steigen aus dem Bus und wandern auf einem schmalen Pfad bergauf in den Urwald. Immer wieder bleiben wir vor eindrücklichen Baumveteranen stehen. Ein Flechtenspezialist aus den Niederlanden klebt bald an den Bäumen, fast ohne Abstand zwischen Auge, Lupe und Rinde.

 
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An den Exkursionen wird viel diskutiert. Wie soll man Monitoringflächen in Urwäldern und Waldreservaten anlegen: eher wenige grosse oder lieber viele kleine? Wie können wir die Flächen so dokumentieren, dass Folgeinventuren in 10, 50 oder 100 Jahren an den heutigen Baumdaten anknüpfen können und statistisch aussagefähige Ergebnisse liefern? (Foto: Peter Brang, WSL)
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Vom Wind geworfene oder gebrochene Bäume hinterlassen einen Lichtschacht im Wald, in dem sich junge Bäumchen gut entwickeln können. (Foto: Peter Brang, WSL)
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Der Petros ist der höchste bewaldete Berg der Ukraine (1780 m). (Foto: Peter Brang, WSL)
 

Myroslav Kabal, Leiter der Waldabteilung im Labor des KBR, erläutert die Urwaldentwicklung der letzten 40 Jahre anhand der Daten aus den vier Dauerbeobachtungsflächen. Wie in Schweizer Waldreservaten dieses Waldtyps liegen auch hier nur einzelne alte Bäume am Boden, von Stürmen gefällt. Was wir hier sehen, bestätigt die Ergebnisse unserer Forschung in der Schweiz, aber auf viel grösserer Skala.

Zwei Stunden später erreichen wir den höchsten Berg der Ukraine, den Howerla. Rundum erstreckt sich Wald, soweit das Auge reicht, nur von einzelnen hohen Gipfeln unterbrochen. Eine junge Frau kommt auf mich zu. Es ist eine Studentin der ETH, die sich per E-Mail für eine Masterarbeit in einem Schweizer Naturwaldreservat interessiert hat. Sie erklärt mir, dass sie nun doch ein anderes Thema wählt. Kein Problem – aber ich hätte nicht erwartet, mit ihr an diesem Ort darüber zu sprechen!

 

Fichtenurwälder und Schlaglöcher

Am nächsten Tag wechseln wir von gemischten zu reinen Fichtenurwäldern. Die Strasse zum Marmarosh-Gebirge nahe der rumänischen Grenze dient ganz offensichtlich zeitweise auch als Flussbett. Daher sitzen wir auf noch robusteren Fahrzeugen: alten Armeelastwagen mit offener Ladebrücke und Holzbänken, an denen wir uns festklammern. «Branches!» (Äste!) – heisst es in regelmässigen Abständen, und wir ziehen die Köpfe ein. Unser Fahrer füllt ein tiefes Loch in der Piste mit Steinen, und statt über die wenig vertrauenserweckenden Brücken fahren wir durch Furten.

Nach über zwei Stunden Fahrt stehen wir auf 1500 Metern über Meer in einem beeindruckenden Fichtenurwald. Hier kartierte der tschechische Waldökologe Alois Zlatnik 1932 die Vegetation in einem Streifen vom Tal bis an die Waldgrenze und mass die Stammdurchmesser aller Bäume. Heute liegt das Gebiet nicht mehr in der Tschechischen Republik, sondern auf ukrainischem Territorium. Nachfolger von Zlatnik konnten die Transekte 1997 rekonstruieren. Stark hat sich der Fichtenurwald nicht verändert - 65 Jahre sind für ihn eine kurze Zeit!

Am Ende nehmen wir Landschaftsbilder im Kopf und in digitaler Form in der Kamera mit, und dazu wertvolle Urwaldeindrücke. Unsere Reisen in die Ukraine tragen auch zum Schutz der Urwälder bei, da sie den Behörden zeigen, welchen Schatz sie hüten. Demnächst kann das KBR um 18‘000 Hektaren Wald erweitert werden, davon sind 4‘000 Hektaren neu geschützte Urwälder. In der Schweiz gibt es insgesamt nur etwa 30 Hektaren!

Als Dank für ein Trinkgeld besteht ein Ranger darauf, mich in seine eigene Gaststätte einzuladen. Wie komme ich aus dieser Situation nur raus, ich trinke doch nie Alkohol! Doch er findet eine pragmatische Lösung: Die Freundschaft wird mit Tomatensaft begossen. Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte der Ukraine.