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Naturwaldreservate: Dank Totholz hohe Artenvielfalt von Insekten und Pilzen

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Stirbt ein Baum ab, beginnt es in ihm zu leben. Denn was von aussen tot wirkt, ist ein wertvoller Lebensraum für hunderte von Insekten-, Pilz- und Bakterienarten. Einige dieser Organismen, beispielsweise Larven von Bockkäfern oder des seltenen Kopfhornschröters, nutzen totes Holz nur als Wohnort. Andere reissen quasi die tragenden Wände ihrer Wohnung ein, indem sie Lignin oder Zellulose abbauen. Dabei fördern die Insekten nicht nur die Zersetzung des Totholzes, sondern erschliessen sich auch Nährstoffe.

 

Totes Holz gibt es zwar in jedem Wald, besonders viel jedoch in den 724 Naturwaldreservaten der Schweiz. In diesen regiert nur die Natur, der Mensch greift nicht ein. Solche Wälder gelten allgemein als artenreich. Doch sind diese Schutzgebiete wirklich vielfältiger als Wälder, in denen der Mensch den Wald pflegt und nutzt? Bisher gibt es dazu in der Schweiz kaum verlässliche Daten. Darum gehen Forschende der WSL und der HAFL Bern seit 2017 am Beispiel von Totholz besiedelnden Pilzen und Insekten dieser Frage nach.

In einem auf vier Jahre ausgelegten Projekt untersuchten sie bisher vier Buchenwaldreservate und verglichen diese mit bewirtschafteten Buchenwäldern. In jedem Wald konzentrierten sie sich auf 11 Probeflächen mit je zwei 500 m2 grossen Teilflächen, auf denen sich mindestens ein grosses Stück eines stehenden oder liegenden toten Stammes oder ein Wurzelstock befand. Auf jeder Probefläche sammelten sie Pilz-Fruchtkörper und entnahmen dem sich zersetzenden Holz Proben, in denen sie die Pilzflora mittels DNA-Analysen bestimmten. Neben dem jeweils grössten toten Holzstück stellten sie eine Insektenfalle auf, die sie sechsmal pro Jahr leerten.

 

Seltene Arten gefangen

Die Buchenwälder des Naturwaldreservats Josenwald oberhalb von Walenstadt SG sind mit fast hundert Kubikmeter abgestorbenem Holz pro Hektare ein Paradebeispiel für Tot­holzreichtum. Die dort gefangenen Insekten sind zwar noch nicht alle bestimmt, doch Insektenkundler Beat Wermelinger meldet bereits aussergewöhnliche Funde: «Wir fanden eine sehr seltene Rindenwanze, die erst zweimal in der Schweiz festgestellt wurde». Auch ein Hirschkäfer und ein Alpenbock wurden dort beobachtet, beides seltene Insekten.

Pilzforscher Stefan Blaser wies in den Buchenwaldreservaten Sihlwald ZH, Combe Biosse NE, Tariche JU und Josenwald SG bisher 304 Pilzarten nach, auf den Stichprobeflächen der nahe gelegenen bewirtschafteten Buchenwälder nur 267. «In den Reservaten fanden wir sechs stark gefährdete und 23 gefährdete Arten, im Wirtschaftswald nur halb so viele.» Das Ergebnis bestätigt, dass Totholzpilze in Naturwaldreservaten bessere Lebensbedingungen vorfinden als in Wirtschaftswäldern.
Die Forscher sind gespannt auf die kommenden beiden Jahre, in denen sie der Artenvielfalt in acht weiteren Wäldern auf den Grund gehen. «Die gewonnenen Daten zeigen, dass Waldreservate mit viel Totholz ein wichtiger Hort für die Artenvielfalt sind», freut sich Stefan Blaser. (Reinhard Lässig, Diagonal 1/19)