Die digitale Transformation der Planung (DISCLOSE)

Entwicklung eines theoretischen Modells dazu, wie Technologien und Daten die Praxis der Raumplanung verändern.

Projektvorstellung

Der Bereich der Raumplanung durchläuft derzeit einen tiefgreifenden Wandel, der durch technologische Fortschritte vorangetrieben und als digitale Transformation der Planung bezeichnet wird. Dieser Transformationsprozess hat das Potenzial, das Wesen der Planungspraxis und ihre grundlegenden Werte – darunter Gleichheit und soziale Gerechtigkeit, Transparenz und Effizienz – grundlegend neu zu gestalten. 

Planung war schon immer auf bestimmte Formen des Erkennens und der Organisation von Raum angewiesen: Karten, Pläne, Modelle, Vorschriften, Kategorien, Prognosen, Szenarien und Formen der Expertenbeurteilung. Was sich heute verändert, ist die Infrastruktur, über die diese Wissensformen erzeugt, verbreitet, kombiniert und umgesetzt werden. Geoportale, digitale Kataster, Planungsunterstützungssysteme, dreidimensionale Stadtmodelle, Beteiligungsplattformen, Algorithmen und Software-Ökosysteme leisten mehr, als etablierte Aufgaben zu beschleunigen. Sie gestalten die Beziehungen zwischen Planern, Öffentlichkeit, Beratern, Bauträgern, Behörden, Datensätzen und Technologien neu. 

DISCLOSE untersucht diesen Wandel in der Flächennutzungsplanung und -regulierung. Anstatt die Digitalisierung als linearen Prozess der Technologieeinführung zu betrachten, untersuchen wir sie als soziotechnische Neuordnung der Planungspraxis. Durch vergleichende empirische Forschung in Europa und die Auseinandersetzung mit internationalen Standorten digitaler Planungsinnovationen untersucht das Projekt Technologien über ihre gesamte Entwicklung, Förderung, Umsetzung, Wartung und alltägliche Nutzung hinweg. 

Das Projekt bringt die Raumplanungsforschung in einen Dialog mit der Praxisforschung, den Wissenschafts- und Technikstudien sowie den kritischen Datenstudien. Trotz des nachweislichen Bewusstseins für den digitalen Wandel in der Planungsgemeinschaft wurde bislang keine Theorie entwickelt, die Forschern als Leitfaden für die Analyse der Digitalisierung der Planung dient und Praktiker dabei unterstützt, diesen Transformationsprozess zu bewältigen. Das langfristige Ziel von DISCLOSE ist es, ein solches empirisch fundiertes theoretisches Modell zu entwickeln und zu testen, das erklärt, wie Technologien und Daten die Planungspraxis verändern, und so eine wissenschaftliche Grundlage für die kritische und konstruktive Bewältigung dieses Wandels zu schaffen. 

Die Flächennutzungsplanung spielt eine zentrale Rolle dabei, wie städtische Räume auf Wachstum, Klimawandel, Wohnungsnot, den Verlust der Artenvielfalt und die Forderung nach gerechteren und lebenswerteren Umgebungen reagieren. Die Digitalisierung kann zwar eine transparentere, integriertere und effektivere Planung unterstützen, sie kann aber auch den Blickwinkel verengen und verschleiern, wo folgenreiche Entscheidungen getroffen werden, und die Abhängigkeit von bestimmten Daten- und Technologieanbietern vertiefen. Da der politische Druck zur Einführung digitaler Technologien zunimmt, stellen sich drängende Fragen zur Natur der digitalen Planung, darunter auch, inwieweit der Berufsstand computergestützt kodifiziert und automatisiert werden sollte oder wird – mit einer Verlagerung hin zu einer postpolitischen Form der Planung. 

Durch die empirische Untersuchung dieser Spannungsfelder will DISCLOSE weder eine unkritische Befürwortung noch eine Ablehnung der digitalen Planung fördern. Der Beitrag des Projekts besteht darin, den Wandel einer fundierten öffentlichen und fachlichen Auseinandersetzung zugänglich zu machen: zu klären, was sich verändert, für wen, durch welche Infrastrukturen und mit welchen Auswirkungen auf Planungswissen, Autorität und Werte. 

 

Vier miteinander verknüpfte Dimensionen des Wandels

DISCLOSE nähert sich der Digitalisierung über vier miteinander verknüpfte Dimensionen der Planungspraxis. Dabei handelt es sich nicht um separate Themen oder aufeinanderfolgende Phasen. Sie bilden einen gemeinsamen analytischen Ansatz, der sich durch alle drei Forschungsschwerpunkte des Projekts zieht und es ermöglicht, zu vergleichen, wie unterschiedliche Technologien, Organisationen und Datenkonstellationen die Planung neugestalten. 

1. Interaktionen

Planung findet durch Begegnungen statt: zwischen Planern und der Öffentlichkeit, Antragstellern und Behörden, Beratern und Auftraggebern sowie Experten aus verschiedenen Institutionen. Digitale Portale und Beteiligungsplattformen können den Zugang erweitern und neue Formen der Interaktion schaffen, aber sie legen auch fest, wer in welcher Form und mit welchen Auswirkungen teilnehmen kann. Schnittstellen vermitteln daher nicht nur Begegnungen; sie tragen dazu bei, die Öffentlichkeiten, Rollen und Beziehungen zu schaffen, die die Planung erkennen kann. 

Leitfrage: Inwiefern ermöglichen, ersetzen, verteilen oder gestalten digitale Systeme Begegnungen neu – und wessen Stimmen lassen sich dadurch leichter oder schwerer Gehör verschaffen? 

2. Ermessensspielraum 

Planung erfordert situationsbezogenes Urteilsvermögen. Regeln müssen ausgelegt, Varianten und Alternativen abgewogen, Konflikte ausgehandelt und Ausnahmen berücksichtigt werden. Digitale Werkzeuge beseitigen den Ermessensspielraum nicht zwangsläufig. Sie können ihn in Klassifizierungen, Schwellenwerte, Software-Standardeinstellungen, automatisierte Empfehlungen, Standards und organisatorische Arbeitsabläufe verlagern – oder ihn unter Planern, Entwicklern, Anbietern und Datenspezialisten neu verteilen. 

Leitfrage: Wohin verlagert sich die Beurteilungsfähigkeit, wenn Planung digital vermittelt wird, und wie werden Ermessensspielraum, Rechenschaftspflicht und Verantwortung neu verteilt? 

3. Repräsentation vom Plänen und Umwelt

Planung erfolgt durch Darstellungen von Gebieten und Zukunftsszenarien: Karten, Pläne, Modelle, Dashboards, Indikatoren, Simulationen und Visualisierungen. Digitale Darstellungen können mehr Informationen bündeln und neue Formen der Analyse ermöglichen. Sie sind jedoch eher selektive Konstruktionen als neutrale Spiegelbilder. Ihre Kategorien, Standards, Beschlüsse und Nichtbeachtung beeinflussen, was als Argument gelten kann und was in eine Entscheidung einfließen darf. 

Leitfrage: Inwiefern machen digitale Darstellungen Orte und Zukunftsvisionen erfassbar und umsetzbar – und welche Menschen, Eigenschaften, Unsicherheiten oder Beziehungen lassen sich nach wie vor nur schwer darstellen? 

4. Integration verschiedener Umweltaspekte

Die Raumplanung verbindet zunehmend umwelt- und sozialpolitische Belange und die damit verbundenen Datensätze miteinander. Planungsunterstützungssysteme, Geoportale und Analysetools versprechen eine Integration von Landnutzung, Mobilität, Wohnungswesen, Klima, Biodiversität und anderen Bereichen. Doch Integration erfordert auch eine Übersetzung zwischen unterschiedlichen Wissenspraktiken, Standards, Maßstäben, Mandaten und institutionellen Zuständigkeiten. 

Leitfrage: Welche neuen Planungskapazitäten entstehen durch die Bereichsintegration, und welche Abhängigkeiten, Reibungspunkte oder neuen Formen von Autorität gehen damit einher? 

Untersuchung der digitalen Transformation: drei Forschungsansätze, Synthese und Überprüfung

Die vier Dimensionen werden anhand von drei sich ergänzenden Forschungsansätzen untersucht. Jeder Ansatz beleuchtet den Wandel aus einer anderen empirischen Perspektive: der alltäglichen Planungspraxis, den Organisationen, die Planungstechnologien entwickeln und fördern, sowie den Daten und Algorithmen, mit denen Planungsobjekte zusammengestellt und analysiert werden. Die Ergebnisse werden anschließend in der Synthese des Projekts zusammengeführt. 

Forschungsschwerpunkt 1 — Planungs- und Regulierungspraxis 

Durchgeführt von Christin Müller

Wie verändert die Digitalisierung die alltägliche Planungs- und Regulierungspraxis? 

Dieser Forschungsschwerpunkt befasst sich mit den im Einsatz befindlichen digitalen Werkzeugen. Anhand von Organisationsethnografie in Planungsbehörden und privaten Planungsbüros untersucht sie, wie Planerinnen in alltäglichen Situationen mit Technologien arbeiten: am Schreibtisch, in Besprechungen, mit Dateien und Plattformen sowie im Umgang mit Kolleginnen, Antragstellerinnen, Berater*innen und der Öffentlichkeit. Sie geht der Frage nach, wie digitale Werkzeuge Aufmerksamkeit und Handeln neu organisieren, etablierte soziale und räumliche Beziehungen verändern und Begegnungen, Ermessensspielräume, Repräsentation sowie die Integration verschiedener Fachbereiche neugestalten. 

Empirischer Schwerpunkt: Planungsämter und Planungsbüros in europäischen Städten; Beobachtung und Begleitung; Interviews; Dokumentenanalyse; detaillierte Darstellungen von Planungs- und Regulierungspraxis. 

Geplanter Beitrag: ein Rahmenkonzept zur Bewertung, wie die Digitalisierung die alltägliche Flächennutzungsplanung und -regulierung verändert. 

Forschungsschwerpunkt 2 — Akteure im Bereich Planungstechnologien 

Durchgeführt von Pouya Sepehr

Auf welchen Wegen tragen Technologieakteure aus der Privatwirtschaft zur Digitalisierung der Planung bei? 

Die digitale Planung wird nicht nur innerhalb öffentlicher Planungsbehörden geprägt, sondern auch von Softwareunternehmen, Beratungsfirmen, Anbietern, Entwicklern, Analysten und Vermittlern. Dieser Forschungsschwerpunkt untersucht die Produkte, Dienstleistungen, Geschäftsstrategien und öffentlich-privaten Beziehungen, über die bestimmte Formen der digitalen Planung verbreitet werden. Er untersucht, wie globale Plattformen und Beratungsdienstleistungen an lokale Kontexte angepasst werden, wie Standards und Abhängigkeiten entstehen und wie oft unsichtbare technische Akteure an der Neugestaltung von Planungswissen und -macht beteiligt sind. 

Empirischer Schwerpunkt: eingehende Fallstudien zu großen Softwareanbietern und internationalen Planungsberatungsunternehmen; Interviews mit Akteuren, die an der Entwicklung, Anpassung, dem Verkauf, der Installation und der Wartung von Planungstechnologien beteiligt sind; Analyse von Unternehmens- und technischen Dokumenten sowie Fachveranstaltungen.  

Geplanter Beitrag: eine Darstellung der Wege, über die die Förderer von Planungstechnologien die Planungspraxis prägen, einschließlich Fragen der Standardisierung, der technologischen Bindung, des kontextbezogenen Wissens, der Planungsvorstellungen und der Verflechtung von öffentlichem und privatem Sektor. 

Forschungsschwerpunkt 3 — Daten und Algorithmen 

Durchgeführt von Didem Türk Grigoletto 

Wie beeinflussen digitale Daten und Algorithmen das, was die Planung erkennen, vergleichen und entscheiden kann, und welche Wirkungswege haben sie in der Planungspraxis? 

Daten und Algorithmen existieren nicht einfach schon vor ihrer Nutzung. Sie entstehen durch Klassifizierungen, Standards, institutionelle Entscheidungen, Softwaresysteme und die Geschichte ihrer Verwaltung. Auf der Grundlage kritischer Datenforschung untersucht dieser Forschungsschwerpunkt Geoportale und digitale Planungsdaten als soziotechnische Arrangements. Sie verfolgt, wie Flächennutzungspläne digitalisiert, standardisiert, mit Umwelt- und Sozialdaten verknüpft und für Analysen, Simulationen, Bewertungen sowie den öffentlichen Zugang bereitgestellt werden.  

Empirischer Schwerpunkt: vergleichende Fallstudien zu fortschrittlichen europäischen Geoportalen, darunter das Schweizer Kataster der öffentlich-rechtlichen Beschränkungen des Grundeigentums und das dänische Plandata.dk; Analyse von Datentypen, Metadaten, Algorithmen, Interoperabilität, Zugangsregelungen und Systementwicklung; Interviews mit Planern, GIS-Spezialisten, Datenbankbetreuern und Entwicklern. 

Geplanter Beitrag: eine Reihe von Werkzeugen für Forscher und Praktiker zur Bewertung der Auswirkungen digitaler Daten und Algorithmen auf die Planungspraxis. 

Synthese und Überprüfung 

Durchgeführt von Xunran Tan

DISCLOSE führt die Ergebnisse der drei Forschungsstränge im Rahmen einer iterativen Synthese zusammen, die sich auf die vier Dimensionen konzentriert. Interviews, Beobachtungen, Dokumente und Fallanalysen bilden die empirische Grundlage für die Entwicklung eines theoretischen Modells, das aufzeigt, wie Technologien und Daten die Praxis der Raumplanung verändern. Das Modell beschreibt die Zusammenhänge zwischen Technologien, Daten, Akteuren, Organisationen, Planungsprozessen und Ergebnissen und bleibt zugleich offen für eine evidenzbasierte Überarbeitung der ursprünglichen Konzepte. 

Das Modell wird anschließend durch eingehende Fallstudien sowie im Dialog mit Forschern und Praktikern evaluiert. Dabei wird geprüft, ob es empirisch adäquat, verständlich, ausreichend allgemein gültig und praktisch nützlich ist, um digitale Werkzeuge, Planungswerte und kontextsensitive Digitalisierungsstrategien zu reflektieren. 

Veröffentlichungen