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Energiegenossenschaften in der Schweiz: Ergebnisse einer Befragung

Autoren
Rivas, J.; Schmid, B.; Seidl, I.
Erscheinungsjahr
2018
Reihe
WSL Berichte 71
Umfang
108 Seiten
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Zitat:

Rivas, J.; Schmid, B.; Seidl, I., 2018: Energiegenossenschaften in der Schweiz: Ergebnisse einer Befragung. WSL Berichte, 71. 108 p.

 

Zusammenfassung

2017 hat die Schweizer Bevölkerung in einer Volksabstimmung ein totalrevidiertes Energiegesetz angenommen (58 % Ja-Stimmenanteil) und damit  der Umsetzung des ersten Massnahmenpakets der Energiestrategie 2050 den Weg bereitet (Inkrafttreten des Gesetzes 01.01.2018). Diese Strategie umfasst unter anderm Massnahmen, die die Energieeffizienz steigern und erneuerbare Energien fördern sollen (Bundesamt für Energie (BFE), 2017). Der Ausbau erneuerbarer Energie wird die Strom- und Wärmeproduktion wahrscheinlich stärker dezentralisieren. Dies birgt auch Möglichkeiten für dezentralere Organisations- und Eigentumsstrukturen wie dies Energiegenossenschaften erlauben. Diese ermöglichen eine direkte Beteiligung von Privatpersonen an der Energieproduktion und -versorgung − dies auch in kleinen und peripheren Orten − und sie sammeln breit gestreutes Kapital für klein- bis mittelgrosse Anlagen. Als stark lokal orientierte Organisationen können  Energiegenossenschaften eine wichtige Rolle in der lokalen Energiepolitik von Gemeinden spielen, wobei letztere im Rahmen des neuen Energiegesetzes neu explizit als Akteure erwähnt sind (EnG Art. 4). In verschiedenen europäischen Ländern ist die treibende Kraft von zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Energiegenossenschaften für die Energiewende unbestritten.

Bisher fehlten flächendeckende empirische Daten zu Schweizer Energiegenossenschaften. Im Rahmen des Projektes «Kollektive Finanzierung von Projekten zu erneuerbaren Energien in der Schweiz und in Deutschland» des Nationalen Forschungsprogrammes 71 «Steuerung des Energieverbrauchs» wurden 2016 erstmals Daten zu ebendiesen Genossenschaften in der Schweiz erhoben. Die Genossenschaften wurden zu ihrer Organisationsstruktur, ihren Tätigkeiten in der Strom- und Wärmeerzeugung, ihren Finanzen, den politischen Rahmenbedingungen und ihren Zukunftseinschätzungen befragt. Der vorliegende Bericht stellt die Resultate dieser Umfrage vor. In den Kapiteln 1 und 2 werden zunächst der energiepolitische Kontext, die Erhebungs- und Analysemethoden sowie die Repräsentativität der Umfrage aufgezeigt, in den Kapiteln 3 bis 11 die Resultate vorgestellt.

Von den 289 im Handelsregister identifizierten und angeschriebenen Energiegenossenschaften (Stand 2016) nahmen 136 an der Befragung teil. Etwa die Hälfte dieser Genossenschaften ist in den drei Kantonen Aargau, Bern und Zürich angesiedelt. Auf die Einwohnerzahl bezogen hat die Schweiz ähnlich viele Energiegenossenschaften wie Deutschland, allerdings sind letztere deutlich grösser als jene der Schweiz (Bilanzsumme, Energieproduktion usw.) (Meister et al. in Begutachtung).

Neugründungen von Schweizer Energiegenossenschaften können drei Wellen mit je unterschiedlichen Zielen zugeordnet werden: Eine erste Gründungswelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine zweite zwischen 1980 und 1999 und eine dritte ab dem Jahr 2000. Insbesondere Genossenschaften der zweiten und dritten Welle geht es wesentlich darum, erneuerbare und saubere Energie zu produzieren. Weitere wichtige Motive sind, eine Alternative zu Kernkraft zu bieten, die dezentrale Energieerzeugung zu fördern sowie die lokale Identität und Gemeinschaft zu stärken. Für die Rechtsform «Genossenschaft» spricht vor allem, so die antwortenden Genossenschaften, die Möglichkeit der demokratischen Mitbestimmung sowie Genossenschaftsmitglieder an der Energieproduktion beteiligen zu können. Die Mitglieder der Energiegenossenschaften setzen sich vor allem aus Privatpersonen, Landwirten und Gemeinden respektive GemeindevertreterInnen zusammen. Die grosse Mehrheit der Genossenschaften (80 von 134 dazu antwortenden Genossenschaften) ist in der Stromerzeugung tätig, während 25 Genossenschaften Wärme erzeugen (sechs produzieren sowohl Strom wie auch Wärme). Die unter den antwortenden Energiegenossenschaften verbreitetste Technologie zur Stromerzeugung ist Photovoltaik: 93 % haben entsprechende Anlagen und 66 % planen einen Ausbau in den nächsten fünf Jahren. Etwa zwei Drittel ihrer Photovoltaikanlagen stehen auf der Warteliste der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), das heisst sie erhalten (noch) keine KEV. Auch von der Einmalvergütung profitierte bisher nur eine Minderheit. Von den wärmeerzeugenden Genossenschaften setzen 75 % Heizsysteme mit verholzter Biomasse ein.

Gut die Hälfte der antwortenden Genossenschaften beschäftigt bezahlte Mitarbeitende (meist Teilzeit)und etwa drei Viertel sind mittel bis stark von ehrenamtlicher Arbeit abhängig. Die Hälfte der antwortenden Genossenschaften finanziert sich mit Fremdkapital, das zu beschaffen zwar insgesamt als nicht sehr schwierig, aber als gleichwohl schwieriger eingeschätzt wird als das Beschaffen von Eigenkapital. 37 % der Genossenschaften möchten in Zukunft ihren Fremdkapitalanteil reduzieren, wohingegen 27 % wenig oder starkes Wachstum dieses Anteils anstreben. Bei den rund 50 % der Genossenschaften mit Fremdkapitalfinanzierung sind Privatpersonen die häufigsten Kreditgeberinnen. Bei der Zeichnung von Eigenkapital scheinen Renditeüberlegungen oftmals nicht im Vordergrund zu stehen, denn die Mehrheit der antwortenden Genossenschaften (64 %) schüttet keine Dividende aus und sieht dies auch für die Zukunft nicht vor.

Die antwortenden Genossenschaften sind lokal stark verankert. Dies liegt einerseits am Standort ihrer Anlagen, die sich zum grössten Teil innerhalb der Gemeinde des Genossenschaftssitzes befinden. Andererseits sind die Genossenschaften stark mit lokalen Akteuren vernetzt, vor allem mit den Gemeinden. Gemäss den Antworten der vorliegenden Befragung kooperieren die Genossenschaften am häufigsten mit Gemeinden im Hinblick auf politische Interessensvertretung. Ausserdem stellen die Gemeinden Dächer für PV-Anlagen zur Verfügung und sind Mitglieder in den Genossenschaften.

Die Befragung zeigt auch, dass sich die Genossenschaften eine stärkere Zusammenarbeit mit den EVU (Energieversorgungsunternehmen) wünschen, besonders beim Umsetzen gemeinsamer Projekte und Tätigen von Investitionen. Ein weiterer häufig genannter Wunsch ist die kostendeckende Abnahme der erzeugten Energie durch EVU. Neben dem oft engen Kontakt mit diesen beiden Akteuren, Gemeinden und EVU, erhalten Genossenschaften rege Unterstützung von BürgerInnen und Unternehmen in verschiedenen Bereichen (finanziell, personell, Infrastruktur usw.). Die am häufigsten genannten limitierenden Faktoren für die Entwicklung der Genossenschaften sind eine unzureichende staatliche Förderpolitik sowie fehlende Absatzmöglichkeiten der Energie und der Herkunftsnachweise zu kostendeckenden Preisen. Auch für die Zukunft bewerten die antwortenden Genossenschaften diese Faktoren am häufigsten als limitierend. Entsprechend erwarten sie kaum Verbesserungen ihrer jetzigen Situation.

Das Wachstumspotenzial der eigenen Genossenschaft wird als klein (60 % der antwortenden Genossenschaften) bzw. mittel (27 %) eingeschätzt. Trotzdem streben viele Genossenschaften ein moderates Wachstum in verschiedenen Bereichen an, wie der Kapazität der Energieerzeugung, der Kundenzahl oder dem Geschäftsumsatz. Eine klare Mehrheit strebt kein räumliches Wachstum an – das heisst sie plant nicht, die Produktionsstandorte auf andere Gemeinden, Kantone oder Länder auszuweiten.

Insgesamt zeigt die Befragung, dass die Schweiz auf eine lange Tradition aktiver und über weite Teile des Landes präsenter Energiegenossenschaften blicken kann. Der Vergleich mit Nachbarländern muss nicht gescheut werden, auch wenn die Schweizer Energiegenossenschaften eher klein sind. Die Genossenschaften greifen neue Entwicklungen des Energiesystems auf und tragen dazu bei, KonsumentInnen mit erneuerbarer Energie zu versorgen und aktuelle gesellschaftliche Werte in den Energiebereich zu bringen. Allerdings sind die Schweizer Energiegenossenschaften klein und kaum in der öffentlichen politischen Diskussion präsent. Dies steht im Kontrast zu ihren oft engen Kooperationen mit Gemeinden, EVUs und lokaler Bevölkerung. Sie sind ökonomisch solide aufgestellt, allerdings begrenzt zuversichtlich, wenn es um eine weitere Ausdehnung und Wachstum geht; die Förderbedingungen sind wenig vorteilhaft und zum Zeitpunkt der Befragung war die Vorhersehbarkeit relevanter energiepolitischer Massnahmen begrenzt.

 

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