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Holz und mehr: Waldnutzung im Wandel

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Ein Wald für alles

Mit der Produktion und dem Verkauf von Holz schreibt heute kaum ein Forstbetrieb mehr schwarze Zahlen. Und trotzdem soll der Wald seine vielfältigen Aufgaben für die Allgemeinheit erbringen. Diese sind jedoch nicht gratis zu haben.

Schaut ein Waldeigentümer auf seinen Wald, dann muss sein Blick gleichzeitig mindestens fünfzig bis hundert Jahre voraus schweifen. Er sieht heute vielleicht viele gleichaltrige Fichten, die in der nächsten Trockenperiode absterben könnten. Soll er die Bäume jetzt ernten, damit er noch einen akzeptablen Holzpreis erzielt, und dann klimaresistentere Douglasien oder – noch besser – eine Eichenart pflanzen? Ist sein Wald naturnah, hat vielleicht eine Vogelschützerin einen seltenen Weissrückenspecht beobachtet, dem ein Naturwaldreservat langfristig eine Heimat böte. Soll der Waldbesitzer künftig auf die Holznutzung verzichten und stattdessen Subventionen beantragen?

Massnahmen, die Forstbetriebe heute beschliessen, beeinflussen nicht nur die Entwicklung des Waldes und dessen Leistungen für die Gesellschaft für viele Jahrzehnte, sondern auch das eigene wirtschaftliche Überleben. Dabei steckt die Branche derzeit in Schwierigkeiten, über die Hälfte der Schweizer Forstbetriebe arbeitet defizitär (Interview).

Seit ihrer Gründungszeit leistete die WSL-Forschung der Forstwirtschaft Schützenhilfe, indem sie Planungswerkzeuge für die ökologische und kosteneffiziente Nutzung der Wälder entwickelte. Dazu gehören Modelle, welche die Organisation, Planung und Durchführung von Forstmassnahmen optimieren: Holzzuwachs berechnen, Kosten und Erträge für verschiedene Holzerntearbeiten abschätzen oder aufwändige Arbeiten wie den Einsatz von temporären Holztransportseilbahnen effizient planen. «Diese Modelle haben wir so entworfen, dass sie gut, einfach, benutzerfreundlich und transparent sind», erklärt Janine Schweier, Leiterin der WSL-Forschungsgruppe Nachhaltige Forstwirtschaft.

Die Herausforderungen der Försterinnen und Waldbesitzer gehen heute jedoch weit über technische Fragen hinaus. Deshalb richtet die WSL ihre Forschung künftig vermehrt auf die überbetriebliche Ebene aus. Der Wald ist längst nicht mehr nur ein Holzlieferant. Er soll Siedlungen und Infrastrukturen vor Naturgefahren schützen, vielfältige Tier- und Pflanzenarten beherbergen und Menschen sollen dort ungehindert ihre Freizeit verbringen können. Daneben gilt als selbstverständlich, dass Wälder Trinkwasser filtern und CO2 aus der Atmosphäre entfernen.

 

All diese Zielfunktionen sind in der Waldpolitik 2020 festgelegt, nach der sich die Forstwirtschaft richten muss und deren Umsetzung die WSL von Forschungsseite her unterstützt. Es ist ein Balanceakt. «Je vielfältiger die nachgefragten Güter und Leistungen des Waldes sind, desto herausfordernder wird die Planung und Entscheidungsfindung der Forstbetriebe», sagt die Forstwissenschafterin Schweier. Die Zauberformel heisst «Multifunktionale Waldplanung». Für den Forstbetrieb Wagenrain bei Bremgarten (AG) haben WSL-Forschende beispielhaft für die Biodiversitätsförderung berechnet, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Simulationen von vier Bewirtschaftungsszenarien über fünfzig Jahre zeigten, dass separate, zwischen den Nutzflächen angelegte Naturschutzgebiete für den Biodiversitätsschutz am besten funktionieren – und gleichzeitig andere Funktionen, etwa die Attraktivität für Waldbesuchende, miterfüllen.

Noch weiter gefasst ist ein neues Projekt der WSL-Gruppe Ressourcenanalyse, das für ganze Regionen vorhersagen soll, wie sich die Holznutzung auf Waldleistungen auswirkt. Das Modell errechnet mit Daten des schweizweiten Landesforstinventars (LFI) und Klimadaten, wie dick Bäume auf den LFI-Stichprobenflächen im Lauf der Zeit werden. Damit lassen sich die Auswirkungen erhöhter oder verringerter Holznutzung auf die Waldentwicklung simulieren. Die Berechnungen zeigen die Entwicklung der Bäume und Bestände und erlauben damit, diverse Waldleistungen abzuschätzen wie Holzmenge, Kohlenstoff im Boden als CO2-Senke oder Totholz, das ein wichtiger Lebensraum für viele Tiere ist. «Das Modell kann bei Entscheidungen helfen, die Bewirtschaftung auf eines oder mehrere dieser Ziele auszurichten», erklärt die Biologin Esther Thürig, die die Forschungsgruppe leitet.

Stürme und Borkenkäfer

Die sorgfältige, langfristige Planung wird jedoch immer öfter durch unvorhersehbare Ereignisse über den Haufen geworfen. Schon heute müssen Förster und Waldbesitzerinnen wegen Stürmen und Borkenkäferbefall etwa die Hälfte der jährlichen Holzmenge notfallmässig ernten. Eine Zäsur war das Jahr 2018 mit dem extrem trockenen Sommer, den Stürmen Burglind und Vaia und drei statt der üblichen zwei Borkenkäfer-Generationen. Die Forstbetriebe und Sägereien waren ausgelastet, der Preis für Fichtenholz sank um rund ein Drittel.

«Jahre wie 2018 dürften mit dem Klimawandel leider immer häufiger vorkommen», sagt Schweier. Gemeinsam mit ihrem Team will sie die Forstwirtschaft deshalb in zukünftigen Forschungsprojekten bei der Planung des Ungeplanten unterstützen: Wie lassen sich die immensen Holzmengen nach Stürmen bewältigen? Wie löst man das Problem, dass die Böden in wärmeren Wintern immer weniger lang gefroren sind und dann schlecht mit schweren Maschinen befahren werden können?

Hinzu kommen Absatzprobleme für Schweizer Holz. Früher ging man davon aus, dass durch die Holznutzung quasi automatisch alle anderen Waldfunktionen miterfüllt und mitfinanziert werden können; man sprach von der «Kielwasser-Theorie». Dieser Automatismus ist heute passé: Die Holzpreise sind tief, und die heimischen Holzanbieter müssen oft mit billigerem Importholz konkurrieren.

Försterinnen und Waldeigentümer fordern deshalb, für Nichtholz-Waldleistungen entschädigt zu werden – ähnlich den Ökobeiträgen in der Landwirtschaft. In Wäldern fördert der Bund derzeit nur die Schutzwaldpflege in den Bergen sowie bestimmte Massnahmen zum Erhalt der Biodiversität und zur Anpassung an den Klimawandel. «Die Bevölkerung nimmt bestimmte Waldleistungen für die Allgemeinheit wie sauberes Trinkwasser und Erholungsmöglichkeiten als ‹öffentliches Gut› wahr und erwartet, dass sie gratis sein sollen», erklärt Roland Olschewski, Leiter der WSL-Gruppe Umwelt- und Ressourcenökonomie. «Das erschwert die Vermarktung von Ökosystemleistungen.»

«Prämie» für Schutzwald

Der Forstökonom untersucht unter anderem die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für Waldleistungen. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Wirtschaft» befragte sein Team Haushalte in verschiedenen Bündner und Walliser Gemeinden, ob sie für eine zusätzliche Waldpflege, die den Schutz ihrer Häuser vor Naturgefahren wie Lawinen erhöht, bezahlen würden. Das Ergebnis: In diesem Fall war die Mehrheit der Haushalte sehr wohl bereit, eine extra «Versicherungsprämie» für den Schutzwald zu bezahlen. Untersuchungen anderer Wissenschafter haben auch gezeigt, dass die Bevölkerung insbesondere in urbanen Räumen durchaus willig wäre, für Waldbesuche zu bezahlen, und zwar zwischen 80 bis 200 Franken pro Jahr.

Vereinzelte Waldeigentümerinnen haben die Chance erkannt und verkaufen diverse, spezielle Waldleistungen auf freiwilliger Basis: Baum- oder Waldpatenschaften, private Naturwaldreservate, Klimawälder zur langfristigen Speicherung des Treibhausgases CO2. Einnahmequellen können auch Waldhäuser oder Waldkindergärten sein. In Friedwäldern können Verstorbene unter Bäumen ihre letzte Ruhestätte finden.

Solche Angebote können jedoch die Kosten und Risiken der Waldbewirtschaftung nicht kompensieren, vor allem bei privaten Waldeigentümern ohne Steuereinnahmen. In dieser Situation kann die WSL-Forschung helfen, etwa indem sie Vorschläge macht, wie der Wert der Waldleistungen in Franken ausgedrückt werden kann oder wie Zielkonflikte zwischen ihnen gelöst werden können. Um eine öffentliche Abgeltung für manche Ökosystemleistungen wird längerfristig kein Weg herumführen, ist Olschewski überzeugt. «Nur so können diese langfristig sichergestellt werden.»
(Beate Kittl, Diagonal 1/20)

 

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