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Kulturlandschutz: Die Schweiz braucht bessere Bodendaten

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Die Angst, dass der Schweiz in Krisenzeiten die Nahrungsmittel aus­gehen könnten, bescherte dem Schweizer Ackerland seinen derzeit wichtigsten Schutzschild gegen Bagger und Baukräne. Der Sachplan Fruchtfolgeflächen (SP FFF) aus dem Jahr 1992 schreibt den Schutz von insgesamt 438 460 Hektaren ackerfähigen Landes zwecks «Ernährungssicherung im Krisenfall» vor. Das entspricht etwa einem Zehntel der Landesfläche.

 

Der Sachplan ist bundesweit verbindlich. Die Fläche von Kulturland, die erhalten bleiben muss, wird unter den Kantonen aufgeteilt. «Das ist ein gutes Konzept», urteilt Silvia Tobias von der WSL-Forschungsgruppe Landnutzungssysteme. Sie ist Mitautorin des WSL-Berichts «Instrumente zum Schutz des Kulturlandes: Ein Vergleich der Schweiz mit ausgewählten europäischen Ländern».

Dank dieser Regelung steht die Schweiz heute beim Erhalt der fruchtbarsten Böden international nicht schlecht da. Auch die meisten anderen untersuchten Länder haben erkannt, dass der Verlust von Kulturland dringend gebremst werden muss. Sie gehen dabei laut dem Bericht unterschiedlich vor. Während die Schweiz auf die Nahrungsmittelproduktion fokussiert, setzt man anderswo auf den Erhalt von Grünzonen mit diversen Funktionen wie Landwirtschaft, Naturschutz oder Erholung, insbesondere rings um die Städte. Beispiele sind die britischen «Green Belts».

Böden leisten viele Dienste

In Stadtnähe stehen die fruchtbaren Böden am stärksten unter Druck. «Das Wachstum der Städte findet auf den besten Böden statt», sagt Tobias. Das hat historische Gründe: Die Menschen liessen sich auf dem ertragsreichsten Land nieder. Nach und nach entstanden dort Dörfer, dann Städte, die nun immer weiter in die Landwirtschaftszonen hinein wuchern.

Kulturland ist indes weit mehr als Anbaufläche für Nahrungsmittel: Es filtert Trinkwasser, schützt vor Hochwasser und Bodenerosion, beherbergt seltene Arten und dient als Erholungsraum. Der Schweizer Sachplan stellt die Produktionsfunktion klar in den Vordergrund. In einigen deutschen Bundesländern werden hingegen bei der Raumplanung auch andere Leistungen des Bodens wie Natur- oder Gewässerschutz berücksichtigt. Dieses System lässt eine flexiblere Planung zu, erklärt Tobias: Man könne nicht nur zwischen Acker- oder Hausbau abwägen, sondern auch zwischen verschiedenen Leistungen der Böden.

Flächendeckende Boden­karten fehlen

Grundlage für diese Interessenabwägungen sind hochaufgelöste, flächendeckende Karten der Bodeneigenschaften. Ausgerechnet in der sonst so gut vermessenen Schweiz fehlt diese Kartierung. «Das Bewusstsein, wie wichtig Böden sind, ist in der Bevölkerung, aber auch bei den Ämtern unzureichend», meint Frank Hagedorn von der WSL-Forschungsgruppe Biogeochemie. Er hat das Teilprojekt «Boden und Umwelt» des Nationalen Forschungsprogramms NFP 68 «Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden» geleitet. Eine der Empfehlungen an den Bund ist es, Schweizer Böden landesweit zu kartieren und einheitlich zu analysieren.

Dem schliesst sich auch die Expertengruppe an, welche die derzeit laufende Überarbeitung des Sachplans Fruchtfolgeflächen begleitete und der auch Silvia Tobias angehörte. Sie empfiehlt weiter, auch andere Bodenfunktionen wie Naturschutz oder Erholung zu berücksichtigen und Fruchtfolgeflächen den gleichen Schutzstatus wie dem Wald einzuräumen: Wo Wald zerstört wird, muss er andernorts wieder aufgeforstet werden. «Das gleiche soll für das Kulturland gelten», sagt Tobias. (Beate Kittl, Diagonal 2/18)