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Wilde Gebiete: Wo die Natur ihren freien Lauf haben darf

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Es gibt sie, die Gebiete in der Schweiz, wo die Natur das Sagen hat und die menschliche Nutzung kaum eine Rolle spielt. Die unberührtesten und wildesten Orte befinden sich im Bereich der höchsten Gipfel und Gletscher, etwa im Aletschgebiet oder im Südwallis. Definiert man Wildnis etwas weniger streng, so gehören auch abgelegene Alpentäler – vor allem in Graubünden und im Tessin – zu den wilden Regionen. Diese Flächen sind erstaunlich gross: Sie machen 10 bis 15 Prozent der Schweizer Landesfläche aus. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die WSL-Forschende im Auftrag der Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness durchgeführt haben. Es ist die erste systematische Kartierung von Wildnis in der Schweiz, initiiert und finanziert von der Bristol-Stiftung.

 

Als Wildnis gelten Naturräume ohne nennenswerte Infrastruktur, Bewirtschaftung oder andere menschliche Einflüsse. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind auf solche Gebiete angewiesen, weil sie in der Kulturlandschaft keinen geeigneten Lebensraum finden. Der scheue Luchs braucht grosse, unberührte Waldgebiete; viele Käferarten brüten ausschliesslich in grossen, toten Bäumen, die im Wirtschaftswald kaum vorkommen (siehe Seite 22). Um solche wilden Räume in der Schweiz zu identifizieren, verwendeten die Forschenden für die Kartierung vier Kriterien: Natürlichkeit der Landbedeckung, Ausmass des menschlichen Einflusses, Abgeschiedenheit sowie eine raue Topographie – also Felswände oder Berggipfel.

Bevölkerung teils kritisch eingestellt

Auf der so erstellten Karte tauchen vielerorts vom Menschen ungenutzte Naturräume auf. Aber sie zu erhalten oder gar zu vergrössern ist nicht ohne die Unterstützung der Bevölkerung denkbar. Im sozialwissenschaftlichen Teil der Studie befragten die Forschenden Einheimische sowie Fachleute aus Kantonen mit hohem Wildnispotenzial zu ihrer Meinung zur freien Naturentwicklung. Das Ergebnis ist frappant: Dort, wo das Potenzial für unberührte Natur am grössten ist, beurteilt es die Bevölkerung kritisch, der Natur freien Lauf zu lassen. Die Menschen dort gaben an, eine hohe Bindung an ihre Heimat und an die Natur zu haben. Sie befürchten, dass sich «ihre» Landschaft stark verändert, aber auch Nachteile durch Nutzungseinschränkungen, einen Anstieg von Naturgefahren oder den Verlust von Traditionen wie dem Wildheuen.

Potenzial von Wildnis in der Schweiz

Gerade weil sie sowohl die geografische als auch die gesellschaftliche Dimension berücksichtigt, zeigt die Studie erstmals auf, wo Wildnis in der Schweiz die grössten Chancen hat – nämlich vor allem im Hochgebirge. Die Gebiete mit dem höchsten Wildnispotenzial decken sich in weiten Teilen, aber lange nicht immer mit heutigen Schutzgebieten. Umgekehrt liegen Schutzgebiete nicht immer dort, wo es am wildesten ist. Zum Beispiel schneidet der Zürcher Wildnispark Sihlwald bei den in der Studie verwendeten Kriterien für Wildnis nicht besonders gut ab – dennoch ist er eine von der Bevölkerung und der Stadt gewollte und geschätzte kleine Wildnis in der Agglomeration Zürich. Für Mountain Wilderness zeigt die Studie die Notwendigkeit für eine stärkere Sensibilisierung und den Einbezug der Bevölkerung. «Nur eine gesteigerte Akzeptanz von Wildnis öffnet die Türen für deren Schutz», ist das Fazit der Organisation. (Beate Kittl, Diagonal 1/19)