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Einschleppung von Schadorganismen mit Saatgut: Die Gefahr ist grösser als angenommen

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Saat- und Pflanzgut von Bäumen wird heute europa- und weltweit gehandelt. Zum einen importiert man Saatgut, wenn es im Ausland billiger zu kaufen ist. Zum anderen besteht ein reger Handel mit Saatgut von exotischen Zierpflanzen, die Park- und Grünanlagen bereichern. Spätestens an der Schweizer Grenze stellt sich die Frage: Ist dieses Saat- und Pflanzgut frei von Schadorganismen wie Insekten und Pilzen? Denn mit dem importierten Saatgut können gebietsfremde Organismen in ein Land eingeschleppt werden, die sich in ihrer neuen Umgebung unter Umständen unkontrolliert vermehren und ausbreiten könnten.
Für die Einfuhr von Holz und lebenden Pflanzen benötigt man zwingend offizielle Dokumente, die die Gesundheit des Pflanzenmaterials bestätigen. Nicht so für den Handel mit Saatgut. Weil dieses als weniger gefährlich eingestuft wird, ist für die Samen der meisten Baumarten der Handel nicht geregelt.

 

Vor der Ausfuhr Testpflanzungen anlegen Doch das Risiko könnte grösser sein als gedacht. Biologin Iva Frani´c untersuchte in ihrer Doktorarbeit an der WSL und am «Centre for Agriculture and Bioscience International» (CABI) in Delémont Saatgut aus Nordamerika, Europa und Asien auf Insekten und Pilze. Dabei stellte sich heraus, dass die Saatgutproben einiger Baum­arten aus China und Nordamerika von weit mehr Pilzen befallen sind als bisher angenommen. Darunter waren auch Pilzarten, die bereits heute als Schädlinge bekannt sind. Simone Prospero, der die Doktorarbeit von Frani´c an der WSL betreut, meint dazu: «Die hohe Infektionsrate des Saatguts einiger Baumarten ist beunruhigend.»

Noch ist nicht von allen gefundenen Insekten- und Pilzarten klar, ob sie gefährlich sind und wie gross ihr Schadenspotenzial ist. Um dies herauszufinden, werden die Forschenden der WSL und des CABI Delémont im Pflanzenschutzlabor in Birmensdorf Infektionsversuche mit Pflanzenmaterial sowie genetische Analysen durchführen.
Eine weitere Methode, um potenzielle Schädlinge zu identifizieren, sind sogenannte Wächterpflanzungen, die bereits im Ursprungsland des Saatgutes angelegt werden. Dabei pflanzt man Saatgut von häufig exportierten Baumarten an und untersucht die Pflanzen danach auf Schadorganismen. Eine Risikoanalyse, ob sich diese Organismen in einem der importierenden Länder invasiv verhalten könnten, entscheidet schliesslich über die Ausfuhr des Samen- und Pflanzenmaterials. Eine dieser Pflanzungen steht seit 2018 im Forstgarten der WSL in Birmensdorf. Hier werden fünf in Mitteleuropa heimische Baumarten, die regelmässig nach Asien exportiert werden, auf Pilze und Insekten untersucht.

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Tests von Saatgut gefordert

Aus den bisherigen Ergebnissen schliessen die Forschenden, dass es notwendig ist, die pflanzenschutzrechtlichen Massnahmen im Handel mit Baumsaatgut zu überdenken. «Das Risiko der ungewollten Einschleppung von Schadorganismen lässt sich nur minimieren, wenn Saatgut-Stichproben im Herkunftsland auf Pilz- und Insektenbefall getestet werden und die Probe dann ein entsprechendes Zertifikat erhält», erklärt Prospero. Denn je genauer und frühzeitiger man invasive Schadorganismen identifiziert, umso eher lässt sich deren Einschleppung in bisher befallsfreie Länder verhindern.
«Die neuen Pflanzengesundheitsverordnungen der EU und der Schweiz sind ein Schritt in die richtige Richtung», ist Prospero überzeugt. Darin werden die Importbestimmungen von Pflanzenmaterial aus Drittländern wie zum Beispiel China strenger reguliert. Denn wenn Schad­erreger erst einmal über Kontinente verschleppt werden, können die daraus entstehenden finanziellen und ökologischen Folgen immens sein.
(Lisa Bose, Diagonal 2/19)

 

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