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Wie Ergebnisse des Forschungsprogramms «Wald und Klimawandel» in die Forstpraxis fliessen

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«Waldbrände oder der nächste Stark­niederschlag beschäftigen mich im Moment mehr als Klimamodelle». Roland David ist Leiter des Amts für Waldwirtschaft im Tessin und Gemeindepräsident von Faido, wo kurz vor Ostern 60 Hektaren Wald brannten. Er hat zurzeit wortwörtlich brennendere Fragen als wie sein Wald in 80 Jahren aussehen könnte. Aber genau darum geht es Ende Mai 2017 beim vierten «Waldtest», diesmal in Bellinzona. Genauer gesagt um die Frage, wie die Forstpraxis den Klimawandel bei der Waldbewirtschaftung berücksichtigen kann. Dazu «testen» die teilnehmenden Waldfachleute eine waldbauliche Entscheidungshilfe, die im Forschungsprogramm «Wald und Klimawandel» von BAFU und WSL erarbeitet wurde.

«Es ist richtig, dass Extremereignisse den Wald stark prägen», bestätigt Peter Brang, Co-Programmleiter von der WSL, die Bemerkung von Roland David. «Aber gerade nach einem Waldbrand ist es gut zu wissen, welche Baumarten an diesem Ort zukünftig wachsen können, wenn es wärmer wird». Die Ergebnisse des Forschungsprogramms zeigen nämlich, dass Bäume, die heute keimen, bereits im mittleren Alter in einem stark veränderten Klima leben werden. Der Klimawandel verläuft so schnell, dass es fraglich ist, ob der Wald ohne gezielte forstliche Eingriffe seine vielfältigen Leistungen weiterhin erbringen kann.

 

Die Baumarten steigen in die Höhe

In Gruppenarbeiten überlegen sich die Waldtest-Teilnehmenden an verschiedenen Standorten, welche Eingriffe zweckmässig sind, um heutige Waldbestände in solche zu überführen, die an das Klima von morgen angepasst sind. Sie nutzen dabei die neue waldbauliche Entscheidungshilfe. Diese baut auf den vorhandenen kantonalen Beschreibungen der Waldstandorte auf, die sich als Grundlage für die waldbauliche Planung bewährt haben.

Hier auf 1000 m ü. M., bei Monti di Ravecchia hoch über Bellinzona, stehen die «Waldtester» in einem typischen Tannen-Buchenwald. Gemäss den Modellierungen entwickelt sich dieser Waldstandort unter Einfluss des Klimawandels in Richtung eines Stechpalmen-Buchenwaldes, wie er heute mehrere hundert Meter tiefer vorkommt. Das wichtigste Ergebnis der Gruppenarbeit hier ist, dass Buchen weiterhin vorkommen werden. Zudem soll die Traubeneiche als trockenheitstolerante Baumart gefördert werden, damit der Wald Trockenheit besser übersteht, und es soll ein Mischwald angestrebt werden, der weniger anfällig auf den Befall durch Schädlinge ist. Allerdings erfordert dies hier oben der zahlreichen wilden Huftiere wegen teure Schutzmassnahmen gegen Wildverbiss.

Auf einem zweiten Waldtest-­Standort bei Sementina nahe des Tessiner Talbodens müssen gebietsfremde Baumarten in die Überlegungen einbezogen werden. Denn hier dürften zukünftig Wälder, wie sie heute am Mittelmeer bei Genua vorkommen, am besten gedeihen. «Bei jedem heutigen Eingriff soll geprüft werden, ob man etwas für die Anpassung des Waldes an den Klimawandel tun kann», fasst Peter Brang zusammen, «indem man zum Beispiel die Baum­artenvielfalt fördert». Und Rolf Manser, Chef der Abteilung Wald des BAFU und ebenfalls Teilnehmer am Tessiner Waldtest, ergänzt: «Die Erfahrungen aus den Waldtests helfen sehr, die Forschungsergebnisse in die waldbauliche Praxis und Ausbildung zu integrieren.» (Martin Moritzi, Diagonal 2/17)