Navigation mit Access Keys

Einheimische Waldföhren keimen besser als süd- und osteuropäische

Hauptinhalt

 

Der Klimawandel setzt den Nadelwäldern in den tiefen, südexponierten Lagen des Churer Rheintals und des Domleschgs zu. Bei gut zwei Grad höheren Jahresmitteltemperaturen und gleich viel Niederschlag wie vor 50 Jahren benötigen Waldföhren auf trockenen Standorten heute teilweise mehr Wasser, als sie zur Verfügung haben, und sterben ab. Soll der Wald seine Funktionen weiterhin erfüllen, müssen junge Bäume die absterbenden ersetzen. Eine Kernfrage ist, an welchen Standorten die Bodenfeuchtigkeit für die Keimung der Föhrensamen und das Aufwachsen der zarten Sämlinge noch ausreicht.

Die WSL führte von 2009 bis 2014 gemeinsam mit dem Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden ein Experiment durch, in dem sie testete, wie Föhren und Fichten aus dem Rhein- und Rhonetal sowie aus kontinentalen Gebieten Osteuropas und dem Mittelmeerraum keimen und sich weiter entwickeln. «Mit einem Keimungsversuch wollten wir herausfinden, ob Samen aus trockenen Gebieten besser an das zukünftige Klima des Rheintals angepasst sind als inländische», sagt Barbara Moser von der Forschungsgruppe Störungsökologie. Auf südexponierten Waldstandorten mit unterschiedlichen Bodeneigenschaften unterhalb 1000 m Meereshöhe säte ihr Team Samen und veränderte zugleich die Bodenfeuchtigkeit mithilfe von kleinen Dächern, die den Regen unterschiedlich stark fernhielten.

Witterung im Frühjahr mass­gebend

Für die erfolgreiche Keimung der Samen und das Aufwachsen der Sämlinge war vor allem die Witterung im Frühjahr entscheidend. 2013 war diese feucht, und es überlebten nicht nur deutlich mehr junge Bäumchen als im trockenen Frühjahr 2011, sie wiesen zwei Vegetationszeiten später auch fünfmal so viel Biomasse auf. Trockene Sommer verringerten das Wachstum und den Anteil der in einem feuchten Frühjahr gekeimten jungen Bäume nur geringfügig. Die einheimischen Bäume schnitten bei genügend Regen im Frühjahr besser ab als die ausländischen, im trockenen 2011 hingegen wuchsen alle Sämlinge langsam und produzierten weniger Biomasse.

Barbara Moser zieht aus dem Experiment zwei Schlüsse: Gibt es in den Wäldern des Churer Rheintals weiterhin gelegentlich feuchte Frühjahre und Störungen, die Licht in den Wald bringen, dürfte sich die einheimische Waldföhre auch auf sonnenverwöhnten Standorten regelmässig verjüngen und damit den Fortbestand dieser Wälder ermöglichen. Nur auf Böden, die wenig Wasser speichern, könnte die Föhrenverjüngung gefährdet sein. Föhren aus heute schon trockenen Regionen Ost- oder Südeuropas dürften bei gleichbleibenden Frühjahrsniederschlägen kaum eine Alternative zu den einheimischen sein. Sollte es jedoch bis Ende des 21. Jahrhunderts so warm werden, dass praktisch jedes Frühjahr trocken ist, empfiehlt Moser, alternative Baumarten zu testen. (Reinhard Lässig, Diagonal 1/16)