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Möbel statt Brennholz

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Die WSL führt im Tessiner Wald einen Grossversuch durch. Ziel ist, eine Bewirtschaftungsmethode zu finden, die Kastanienholz wirtschaftlich wieder interessant macht.

 

Er war 45, als er die Experimente in den Tessiner Kastanienwäldern plante. Trotzdem wird er wohl nicht mehr erleben, was dieser Grossversuch bewirken wird, jedenfalls nicht als WSL-Mitarbeiter. Andreas Zingg steht kurz vor der Pensionierung. Fast sein ganzes Berufsleben widmete er der Ertragskunde, die untersucht, wie sich der Wald und damit Volumen und Wert von Holz bei unterschiedlichen Bewirtschaftungsformen entwickeln. Und das, obwohl er eigentlich gar nie beabsichtigte, an der WSL zu arbeiten: «Im Studium wollte ich zwei Sachen mit Sicherheit nicht», erzählt der ETH-Forstingenieur heute schmunzelnd, «Bestandesaufnahmen machen und in einer Versuchsanstalt arbeiten.»

Dennoch hat er seine Zeit an der WSL nie bereut, auch wenn es als Waldforscher einen langen Atem braucht. «Bäume und Wälder wachsen, bezogen auf ein Menschenleben, extrem langsam. Ein Problem, das wir heute untersuchen, könnte später überhaupt niemanden mehr interessieren, dann, wenn endlich konkrete Ergebnisse vorliegen», sagt Zingg. Mit diesem Risiko muss er leben. Umso wichtiger ist es, die Forschung so aufzugleisen, dass die Ergebnisse auch für andere Fragestellungen verwendet werden können. So wie im Tessin.

Mehr verdienen an Kastanienholz

Seit die Römer die Edelkastanie ins Tessin gebracht haben, hat diese Baumart für unseren südlichsten Kanton eine immense Bedeutung: Überall dort, wo ursprünglich Linden- oder Eichenmischwälder stockten, wachsen heute Kastanien­wälder, und die Kastanie ist auf der Alpensüdseite die wichtigste Laubholzart. Die Tessiner nutzten ihre «castagni» während Jahrhunderten auf vielfältige Weise: In den Selven produzierten sie Früchte, ihr lange Zeit wichtigstes Nahrungsmittel. In den Niederwäldern – Wälder die man alle 12 bis 20 Jahre komplett abholzt – schlugen sie Brennholz oder verarbeiteten die Stämme zu Reb- oder Zaunpfählen. Heute sind diese Zeiten vorbei: Da die Niederwälder zu wenig Gewinn abwerfen, nutzen die Waldbesitzer sie seit mehr als 50 Jahren praktisch nicht mehr, und die Kastanien wachsen ungehindert in die Höhe.

Zingg und seine Kollegen haben sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern. Zingg: «Mit unserem Grossexperiment wollen wir Kastanienholz als Produkt wieder attraktiver machen. Wir testen, mit welcher Methode sich Kastanien-Niederwälder bewirtschaften lassen, damit sich das Holz in Zukunft nicht nur zum Heizen, sondern auch für Möbel oder Parkettböden verwenden lässt.» Im Vergleich zu einem Kubikmeter Brennholz, der heute rund CHF 50 kostet, lässt sich mit Wertholz das Vielfache verdienen. Werden die Niederwälder für ihre Besitzer wieder interessanter, steigen auch die Chancen, diese prägenden Landschaftselemente im Tessin zu erhalten.

Eine frühere Studie der WSL ermutigte Zingg zu den Tessiner Versuchen. Kastanienholz lässt sich von der Qualität her gut mit Eichenholz vergleichen. Im Gegensatz zur Eiche leidet die Kastanie aber unter der Ringschäle, einem Holzfehler, bei dem sich das Holz durch Spannungen oder Verletzungen entlang eines Jahrrings lösen kann. Entsprechend fällt oder klafft ein Brett komplett auseinander, das die Ringschäle anschneidet. Doch nicht immer. Zingg: «Ein früherer Doktorand und jetziger Mitarbeiter der WSL, Patrick Fonti, hat herausgefunden, dass die Ringschäle eher ausbleibt, wenn der Baum an einem Standort mit guter Wasser- und Nährstoffversorgung wächst, regelmässige Jahrringe bilden kann und höchstens 40 bis 60 Jahre alt wird.» In der Folge richtete Zingg in den 1990er-Jahren drei Versuchsflächen ein, zusammen mit Marco Conedera und Mitarbeitern der WSL-Aussenstation in Cadenazzo sowie Forschenden aus dem italienischen Arezzo. Alle drei Versuchsflächen befinden sich im Kastaniengürtel. Sie unterscheiden sich vor allem bezüglich Höhenlage, Exposition, Hangneigung und vorangehender Bewirtschaftung. Eine dieser Flächen liegt in Bedano, einem Dorf im Bezirk Lugano.

Versuchslabor fast so gross wie drei Fussballfelder

Noch heute zeugen grosse, schöne Früchte der Sorte Torcion négro – der besten Kastaniensorte des Tessins – davon, dass das Versuchsgelände früher als Selve diente. Der reine Kastanienbestand wird aber seit über 50 Jahren als Niederwald genutzt. In diesem rund zwei Hektaren grossen Waldstück wenden die beiden Forscher, wie auch in den zwei anderen Versuchsflächen, drei verschiedene waldbauliche Optionen an, jeweils in dreifacher Wiederholung. Zingg: «1998 liessen wir den gesamten Bestand abholzen. Die Stöcke der abgeholzten Bäume treiben wieder neu aus, eine Fähigkeit, die bei der Kastanie besonders ausgeprägt ist. Auf einem Teil der Fläche, der Kontrolle, wachsen die Bäume seither ungehindert.»

Bei der zweiten Bewirtschaftungsform wählten die Forscher nach acht Jahren Z-Bäume aus – Bäume, die schön gerade wuchsen und eine regelmässige Krone bildeten. Diese befreiten sie von den schärfsten Konkurrenten und entasteten sie ein Jahr später bis auf eine Höhe von 6 Meter, um beste Wuchsbedingungen für eine schöne Kronenform und eine hohe Qualität des unteren Stammstücks zu schaffen. Diese Behandlung wiederholten sie seither ein weiteres Mal. Bei der dritten Behandlungsvariante liessen sie nach acht Jahren die Hälfte aller dominanten Stockausschläge stehen, die andere Hälfte schlugen sie heraus. Auch diese Behandlung wurde seither einmal wiederholt. Seit 1998 vermessen Mitarbeitende der Aussenstation Cadenazzo ausserdem jährlich jeden Baum auf den zwei Hektaren gemäss einem Protokoll, das bei allen ertragskundlichen Versuchsflächen angewendet wird. Position, Baumart, Durchmesser, Höhe oder «soziale Stellung» gehören beispielsweise zu den Messgrössen. Sollte sich am Ende des Experiments herausstellen, dass sich im Tessin niemand mehr für Kastanienholz interessiert, lässt sich diese Datenmenge für andere Fragestellungen verwenden, zum Beispiel, wie sich Kastanienwälder mit dem Klimawandel entwickeln.

Der Grossversuch ist auf insgesamt rund 30 Jahre angelegt. Dann sollte die ganze Fläche, entsprechend der Niederwaldbewirtschaftung, wieder vollständig abgeholzt werden. Doch bereits heute, nach 17 Jahren, zeigen sich erste Tendenzen. Conedera: «Die Variante mit den Z-Bäumen scheint sich bei uns am besten zu entwickeln.» In der Tat weisen diese Kastanienbäume einen stattlichen Durchmesser von rund 30 Zentimeter auf und überragen die Kronen der anderen Bäume deutlich. Diese Entwicklung steht im Gegensatz zur Praxis in Italien. Conedera: «Unsere Z-Bäume wachsen zum Teil aus Samen. Deshalb sind sie auch so schön aufrecht. Im trockeneren, mediterranen Klima Italiens können die Samen nur in Ausnahmejahren keimen, dort ist es Erfolg versprechender, auf Stockausschläge zu setzen und die Hälfte der Stämme herauszuschlagen.»

Trotz diesen ersten Tendenzen scheint im Tessin noch kaum jemand auf die neue Art der Niederwaldbewirtschaftung setzen zu wollen; bisher liess sich erst ein Förster davon überzeugen. Für Zingg keine Überraschung: «Förster sind grundsätzlich eher konservativ», und er ergänzt augenzwinkernd: «Ihre Sozialpsychologie wäre wohl ein ganzes Thema für sich.»

Holz – Alternative zum Erdöl

So wie im Tessin betreut die WSL heute 131 Ertragskunde-Versuchsflächen im Schweizer Wald, insgesamt rund 130 Hektaren. Einzelne bestehen bereits seit 1886, den Gründungszeiten der Versuchsanstalt. Entsprechend wertvoll sind die langjährigen Datenreihen. Im Gegensatz zu den Versuchsanlagen im Tessin sind die meisten dieser Versuche Fallstudien. Zingg: «In der Ertragskunde wurde bisher kaum mit Experimenten gearbeitet, die eine statistisch repräsentative Aussage zulassen». In Zukunft möchte die WSL vermehrt auf solche Studien wie in den Tessiner Kastanienwäldern setzen.» Genauso wie auf das Arbeiten mit Computermodellen, mit denen der künftige Wert von Holz für verschiedene Standortbedingungen und Bewirtschaftungsmethoden hochgerechnet werden kann. Für Zingg ist klar: «Der nachwachsende Rohstoff Holz wird bei knapper werdendem Erdöl immer mehr zum Thema. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig Verfahren zu testen und zu entwickeln, die für unsere Wälder nachhaltig sind.» Aus dieser Überzeugung schöpfte Zingg die Motivation für seine langjährige Arbeit. Trotzdem freut er sich, nun bald in den Ruhestand zu treten und die Kastanienwälder nur noch in ihrer Schönheit zu geniessen. (Christine Huovinen, Diagonal 1/16)