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Glarus Nord: regional koordinierte Planung im Praxistest

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Mit der Fusion von acht Gemeinden zur Grossgemeinde «Glarus Nord» wurde eine Ortsplan­revision nötig. Gemeindepräsident Martin Laupper und WSL-Landschaftsforscherin Silvia Tobias über Chancen und Herausforderungen der Planung.

 

«Kulturell ist die Gemeindestrukturreform eine Herausforderung, insbesondere bei der Findung einer neuen Identität.»

Herr Laupper, Glarus Nord war Fallstudienregion des WSL-Forschungsprogramms «Raumansprüche von Mensch und Natur». Charakterisieren Sie uns Ihre Gemeinde!

ML: Glarus Nord liegt am Eingang des Glarnerlands. Dadurch ist die Gemeinde infrastrukturmässig privilegiert – zum Beispiel durch die Nähe zur Autobahn. Deshalb fungieren wir auch als Wirtschaftsmotor des Kantons; es sollen hier Arbeitsplätze entstehen. Allerdings wollen wir dafür nicht alles zu­betonieren. Denn auch wir wollen vom wundervollen Naherholungsraum profitieren, den unser Umfeld bietet. So versuchen wir die Balance zu finden zwischen dem Anspruch, Motor für ganz Glarus zu sein und dem Anspruch, hier zu wohnen, zu leben, Naherholung zu geniessen.

ST: Glarus Nord liegt im Einflussbereich des Grossraums Zürich und steht deshalb unter starkem Siedlungsdruck. Hier kann man im Grünen wohnen und gleichwohl zur Arbeit nach Zürich pendeln. Solche «periurbanen» Regionen haben wir für unser Forschungsprogramm gesucht.

Glarus Nord ist 2011 aus acht Gemeinden fusioniert worden …

ST: … was es für uns sehr inte­ressant macht: Nach der Fusion brauchte es eine Ortsplanrevision. Und diese läuft auf regionaler Ebene ab, weil die Gemeinde so gross ist und aus mehreren Dörfern besteht. Damit kann Glarus Nord ein Vorbild sein für regional koordinierte Planung.

ML: Das Forschungsprogramm der WSL hat uns den Horizont erweitert, viele Anregungen gegeben und gezeigt, was alles möglich ist. Kulturell ist die Gemeindestrukturreform nämlich eine Herausforderung, insbesondere bei der Findung einer neuen Identität. Diesem «weichen» Faktor stehen die harten Fakten gegenüber: Es hat sich eine enorme Dynamik entwickelt. Grosse Infrastrukturprojekte, die jahrzehntelang blockiert waren, laufen plötzlich. Zum Beispiel die Umfahrungsstrasse für die Dörfer: Sie wird nicht nur die Lebens­qualität dort massiv verbessern, sondern kommt auch der Entwicklung des restlichen Kantons zugute, weil nicht mehr alles im Stau stecken bleibt. Oder der Flugplatz in Mollis: Wir haben das Gelände vom Militär übernommen. Einen Teil planen wir aus der Landwirtschaftszone in eine Arbeitsplatzzone umzuzonen. An anderen Orten nehmen wir zum Ausgleich Land aus der Industriezone heraus. Das geht nur, wenn Sie regional arbeiten können – wo können Sie auszonen, wenn Sie in einer kleinen Gemeinde sind? Und jetzt entsteht da ein Helikopter-Kompetenzzentrum, mit einem Potenzial von etwa fünfhundert Arbeitsplätzen. Davon profitiert auch unser Gewerbe, auch die Restaurants und Läden. Wir rechnen längerfristig mit weiteren bis zu tausend Arbeitsplätzen in der Region, die vom Helikopter- Kompetenzzentrum angezogen werden könnten. Das stärkt unsere Region. Und das macht sie für die Allgemeinheit attraktiver.

ST: Unsere Umfrage hat gezeigt, dass die Einwohner ein lebendiges Dorfleben wünschen. Das äussert sich auch darin, dass man abends etwas trinken gehen kann. Davon allein kann aber kein Restaurant
leben. Wenn nun am Mittag Leute von diesen neuen Arbeitsplätzen kommen, dann kann die Rechnung eher aufgehen. Neue Arbeitsplätze bedeuten nicht unbedingt, dass die Leute, die schon hier wohnen, diese einnehmen. Neue Arbeitsplätze bringen in erster Linie neue Zupendler. Aber sie tragen sehr wohl zur Entwicklung bei.

Die Raumplanung fördert also die von der Region gewünschte wirtschaftliche Entwicklung. Aber wenn nur schon ein Teil der neuen Stelleninhaber hier wohnen will, steigt die Zersiedelung. Das widerspricht der gewünschten räumlichen Entwicklung.

ML: Finanzpolitisch gesehen brauchen wir Bevölkerungswachstum, denn das gibt mehr Steuereinnahmen, mit denen sich die Infrastruktur verbessern lässt. Wir streben ein Prozent Bevölkerungszunahme pro Jahr an. Es geht darum, wie verantwortungsbewusst man das raumplanerisch macht. Wir zonen zum Beispiel alle Dorfkerne auf, so dass man dort künftig drei Stockwerke höher ausbauen darf. Wir versuchen, mit Regeln und Rahmenbedingungen die Entwicklung nach innen attraktiv zu machen. Dafür muss die Siedlung nach aussen begrenzt bleiben.

Sie versuchen, den Fünfer und das Weggli zu bekommen, wirtschaftliche Entwicklung ohne Zersiedelung?

ML: Ja. Ich weiss nicht, ob es wirklich gelingt, aber nach unseren Überlegungen ist es machbar.

ST: Regional betrachtet kann man den Fünfer und das Weggli haben: die regionalen Zentren in Richtung Kleinstadt entwickeln und dafür in den kleinen Dörfern bewusst das Ländliche pflegen. Eher urban ausgerichtete Haushalte, die zum Beispiel mehr Wert auf einen guten ÖV-Anschluss oder Autobahnnähe legen, leben dann in regionalen Zentren wie Niederurnen oder Näfels. Andere bevorzugen ein kleines Dorf, Filzbach zum Beispiel, wo das Häuschen im Grünen möglich ist, aber der Bus dafür nur selten fährt. Auf der Wunschliste steht natürlich immer «Fünfer plus Weggli», aber die Leute wissen, dass das nicht möglich ist. Sie entscheiden, was ihnen wichtiger ist, und ziehen an einen entsprechenden Ort.

ML: Unsere Gemeinde bietet beide Möglichkeiten!

Wie setzen Sie das in der Praxis um? Glarus Nord hat ja in einem parti­zipativen Prozess «Leitsätze zur räumlichen Entwicklung» definiert. Jetzt steht die eigentümerverbind­liche Nutzungsplanung an.

ML: Wir sind mit grossen Widerständen konfrontiert, weil wir 43 Hektaren Bauland, das Privaten gehört, zurückzonen müssen. Das neue Raumplanungsgesetz sagt, dass die Baulandreserven nur auf
15 Jahre ausgerichtet sein dürfen. Grundsätzlich deckt sich das mit der Entwicklung, die wir wollen, aber wir hätten gern mehr Übergangsmechanismen. So müssen wir mit Rückzonungen Vermögenswerte zerstören, die wir nicht entschädigen können, zum grössten Teil auch nicht müssen. Das provoziert natürlich Widerstand. Dazu kommt Widerstand von der Landwirtschaft wegen der Gewässerräume und
vom Baugewerbe wegen der neuen Bauregeln. Alle haben ihre Partikulärinteressen.

ST: Der Ansatz von Glarus Nord mit einer Zukunftswerkstatt, an der die Bevölkerung mitreden konnte, ist sehr gut. Die Leitsätze sind eine gemeinsame Zielsetzung, für die sich die Mehrheit ausgesprochen hat. Dass jetzt alle Ausnahmen für sich persönlich möchten, ist wohl einfach menschlich. Aber wenn man sich auf Leitsätze berufen kann, auf die man sich einmal geeinigt hat, dann wird es schwieriger zu rechtfertigen, warum gerade ich eine Ausnahme sein sollte. Ich bin daher zuversichtlich, dass die Nutzungsplanung umgesetzt werden kann. Und dann wäre sie ein gutes Vorbild für andere Schweizer Gemeinden.

ML: Wir werden bis zur letzten Sekunde kämpfen. Vielleicht müssen wir gewisse Kompromisse eingehen, um nicht das Ganze zu gefährden. Aber ich möchte unterstreichen, was Frau Tobias gesagt hat: Wir haben ja nicht einfach im stillen Kämmerlein etwas ausgeheckt, sondern wir sind mit den Leuten hin­gesessen und haben diese Leitsätze definiert. Und die setzen wir nun um. Wenn uns die Bevölkerung dabei im Regen stehen lassen würde, wäre das schon frustrierend. Im Moment sehen viele nur die Nachteile. Dabei können wir mit der Energie der neu gegründeten Gemeinde und mit der regional
koordinierten Entwicklung eine riesige Chance nutzen!

ST: Leider spricht man meist viel über Nachteile. Die Vorteile werden einfach als selbstverständlich konsumiert.

ML: Ja, genau, die nimmt man einfach an, als wenn sie sich von alleine ergeben hätten. Man realisiert den Zusammenhang nicht. Erst wenn man wirklich im Prozess mitmacht, merkt man, was man alles bewegen kann mit räumlicher Entwicklung. Das ist die beste Erfahrung, die ich persönlich gemacht habe. (Birgit Ottmer, Diagonal 2/17)

 

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