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Landschaft unter Dauerbeobachtung

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Mit dem Monitoringprogramm LABES verfügt die Schweiz über ein innovatives Werkzeug, um die Landschaftsqualität in der Schweiz zu beurteilen und zu verbessern.

 

Wie steht es um die Qualität der Landschaft in der Schweiz? Finden Sie die Landschaft in Ihrer Wohngemeinde schön? Die beiden WSL-Forscher Felix Kienast und Marcel Hunziker nahmen sich vor rund neun Jahren vor, mit dem BAFU ein ambitioniertes Monitoringprogramm aufzubauen, das sowohl die physischen Veränderungen als auch die Wahrnehmung der Landschaft durch die Bevölkerung mit rund 30 Indikatoren erfasst. Mit der «Landschaftsbeobachtung Schweiz (LABES)» steht heute ein europaweit beispielhaftes Monitoringprogramm zur Verfügung.

Um die physischen Indikatoren zu erfassen, etwa die Waldfläche oder frei begehbare Gewässerabschnitte, nutzen die Forscher Daten der WSL, der swiss­topo, des Bundesamts für Statistik sowie landwirtschaftlicher Quellen. Diese Rohdaten verknüpfen sie und reichern sie mit zusätzlichen Daten wie von Satellitenbildern an. Damit kann Felix Kienast beispielsweise berechnen, welche Flächen nachts noch vollständig dunkel oder wie viele Bäche und Flüsse von Wanderwegen gesäumt sind.

Wie die Bevölkerung die Landschaft wahrnimmt und bewertet, ermitteln die WSL-Forscher mit repräsentativen Umfragen. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden beispielsweise gefragt, ob sie die Landschaft ihrer Wohngemeinde als vielfältig und authentisch wahrnehmen, ob die Landschaftselemente zusammenpassen und ob ihnen die Landschaft insgesamt gefällt. Marcel Hunziker erklärt: «Nicht nur die physische Landschaft verändert sich, auch unsere Wertmassstäbe wandeln sich. Daher ist es wichtig, auch die Wahrnehmung der Bevölkerung zu erfassen. Denn nur wenn wir beide Aspekte kennen, erfahren wir, ob der Wandel der Landschaft positiv oder negativ ist.» Hunziker und Kienast verknüpfen deshalb die natur- mit den sozialwissenschaftlichen Indikatoren und berechnen, wie die Bevölkerung in verschiedenen Gemeindetypen und Regionen die Landschaft wahrnimmt und beurteilt. «Auf dieses Instrument, das physische und wahrgenommene Landschaft beurteilt, kann das BAFU stolz sein. Es ermöglicht erstmals, die Monitoringanforderungen der Europäischen Landschaftskonvention vollständig zu erfüllen, ein Übereinkommen, das die Schweiz 2013 ratifiziert hat», fasst Felix Kienast den Wert von LABES zusammen.

Die Entwicklung der Landschaft und das Urteil der Bevölkerung

Die letzten Gebiete, in denen nachts kein Licht die Dunkelheit aufhellt, sind im Mittelland 1996 und im Jura 2008 verschwunden. Dies zeigt der Indikator «Lichtemissionen», der sich auf Satellitenbilder stützt. Vollständige Dunkelheit herrscht heute in der Schweiz nur noch auf 25 bis 30 Prozent der Flächen des Schweizer Alpenraums. Eine weitere Entwicklung: Die Siedlungsfläche nimmt insbesondere im Mittelland zu. Trotzdem: Im Durchschnitt bewertet die Bevölkerung die Qualität der Landschaft in der Schweiz als eher hoch. Generell finden die Menschen die Landschaft in ihrer Wohnumgebung schön und fühlen sich mit ihr verbunden.

Es gibt jedoch regionale Unterschiede. Am positivsten werden ländliche Gemeinden bewertet. Sie gelten als besonders vielfältig und authentisch. Auch die Nord- und Zentralalpen schneiden gut ab. Sie üben eine hohe Faszination auf die Bevölkerung aus. Interessant sind die Aussagen, die LABES über das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) machen kann. Je höher der Anteil eines BLN-Gebietes an einer Gemeinde ist, desto besser wird die Landschaftsqualität bewertet. Dies gilt insbesondere für die Indikatoren «Eigenart» und «Vergangenheitsbezug». Genau danach wurden diese BLN-Gebiete ausgewählt. Die Umfrage legt den Schluss nahe, dass die entsprechende Ausstrahlung dieser Gebiete sehr wohl wahrgenommen wird.

 

Am schlechtesten schneidet die Landschaft in den Agglomerationen ab. Die Forschenden gehen davon aus, dass die negative Beurteilung mit dem schnellen Siedlungswachstum zusammenhängt. Im Gegensatz zu ländlichen und «zentralen» Gemeinden stammen in den Agglomerationen weit über die Hälfte der Bauten aus der Zeit nach 1960. Dies dürfte beispielsweise dazu geführt haben, dass der Indikator «Vergangenheitsbezug» – wichtig für die Identifikation mit einer Landschaft – in den Agglomerationen tiefer bewertet wird als in den anderen Gemeinden. Auffällig ist, dass die suburbanen Gemeinden, die direkt am Stadtrand liegen, schlechter bewertet werden als die periurbanen Gemeinden, die im weiteren städtischen Umland liegenden. Zwar ist die Bausubstanz in beiden Gemeindetypen ähnlich, die periurbanen Räume sind jedoch weniger überbaut und verfügen über mehr Grünräume. Oft wirken diese Gemeinden ländlicher, da ihre Struktur an typische Dörfer erinnert. Dies führt dazu, dass sich die Menschen mit ihrem Wohnumfeld besser identifizieren können.

Auffällig ist, dass die Bevölkerung in der Südschweiz die Landschaft generell schlechter beurteilt; schlechter als es die Bewohnerinnen und Bewohner der sub- und periurbanen Gemeinden des Mittellands tun. Die tiefen Werte lassen sich anhand einiger physischer Indikatoren und der Wohnsituation erklären: Die Landschaft mit einem grossen Waldanteil ist vergleichsweise monoton, Wald und Siedlung gehen oft direkt ineinander über. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner dieser Region wohnen in sub- und periurbanen Gemeinden, die sich zusammen mit den Verkehrswegen auf die Tallagen konzentrieren und die landwirtschaftlichen Flächen unter Druck setzen. Hinzu kommt, dass die wenigen Agrarflächen meist industriell bewirtschaftet werden, etwa in der Magadinoebene. Erst in den Bergdörfern, über der Waldgrenze und am Ufer von Flüssen und Seen entfaltet sich der landschaftliche Reiz, der das Tessin zur Tourismusdestination gemacht hat.

Die Landschaftsbeobachtung zeigt, dass die Schweiz weiterhin an Landschaftsqualität einbüsst, dass aber punktuelle Verbesserungen erreicht wurden. Die Bevölkerung ist trotzdem im Allgemeinen zufrieden mit ihrer Umgebung. Künftige Erhebungen werden zeigen, ob und wie lange dies noch so bleiben wird. (Sara Niedermann, Diagonal 2/17)

 

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