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Strom ohne Atom: Wie kriegen wir die Kurve?

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Welche Energiewende wollen wir?

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima ging alles plötzlich ganz schnell: Der Bundesrat erarbeitete die Energiestrategie 2050, die den Ausstieg aus der Atomenergie besiegelt, das Parlament segnete sie ab. Die fünf Schweizer Atomkraftwerke produzieren heute zusammen etwa 26 Terawattstunden (TWh) Strom pro Jahr, das sind rund 40 Prozent der schweizerischen Stromproduktion. Die Lücke will der Bundesrat mit Einsparungen und alternativen, vor allem nicht-fossilen Energiequellen füllen. Um die Ziele bis 2050 zu erreichen, müssten rund 110 Quadratkilometer Fotovoltaikanlagen – das sind zwei Drittel der Fläche Liechtensteins – gebaut werden, über 1000 neue Wind­räder und mindestens ein Dutzend Geothermieanlagen. Ein Generationenprojekt.

Wenig Forschung zu den Auswirkungen

Der Bund hat erkannt, dass es mehr Wissen braucht, damit die Energiewende gelingen kann. Entsprechend hat er zwischen 2013 und 2016 rund 250 Millionen Franken in die Energieforschung investiert. Sieben Kompetenzzentren, zwei Nationale Forschungsprogramme (NFP 70 und 71) sowie 24 Nationalfonds-Professuren erforschen seither neue Energie-Technologien, den Umbau der Stromnetze oder wirtschaftliche und juristische Fragen. An drei der Kompetenzzentren sowie an den NFP sind auch WSL-Forschende beteiligt.
Bei einem derart grossen Aufwand ist es sinnvoll, im Voraus einen Blick auf mögliche Risiken und Konflikte der Energiewende zu werfen und zu schauen, ob die Ressourcen an Holz, Wind, Sonne und Wasser genügen. Zu diesem Zweck haben WSL und Eawag 2014 das Forschungsprogramm «Energy Change Impact» (Energiewende-Folgenforschung) lanciert. Der ETH-Rat hat ihnen bis 2016 1,5 Millionen Franken aus dem Energieforschungsbudget zugesprochen.

Informierte Entscheidungen treffen

Ziel des Programms ist es, Bürgern, Staat und Unternehmen aufzuzeigen, in welchen Rahmenbedingungen der Umbau des Energiesystems stattfinden wird. Verschiedene WSL-Projekte erkunden etwa die Potenziale alternativer Energiequellen. Gibt es – mit Blick auf die Klimaerwärmung – genug Wasser für neue Wasserkraftwerke? Welche Holzreserven bieten die Wälder unter verschiedenen Bewirtschaftungsszenarien? Andere Projekte schauen die Konsequenzen der Technologien für die Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft an, positive wie negative. Während zum Beispiel regionale Wirtschaftsstandorte von der Energieholzproduktion profitieren, könnte die Artenvielfalt im Wald je nach Bewirtschaftung darunter leiden oder – wenn es klug angestellt wird – auch zunehmen.
«Die Entscheidung, welche Technologien man wie fördern will, sollte in Kenntnis ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft erfolgen», betont Christoph Hegg, stellvertretender Direktor der WSL. «Mit den Mitteln des Bundes werden nur wenige Projekte mit diesem Fokus unterstützt», bemängelt er. Das «Energy Change Impact»-Programm gibt einen Impuls in diese Richtung. Allerdings läuft die Zusatzfinanzierung 2017 aus, dann muss die WSL ihre Projekte vollständig aus dem eigenen Budget finanzieren oder andernorts Drittmittel akquirieren. Dabei würde es gerade die Impactforschung erlauben, präventiv zu handeln und so Risiken zu minimieren. Das «Energy Change Impact»-Programm bietet kleine Fenster in die Zukunft, die Politik und Gesellschaft den Blick auf verschiedene mögliche Wege zur Energiewende öffnen. Damit sie wohlinformiert in die Richtung wandern können, in die sie wollen. (Beate Kittl, Diagonal 2/16)