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Ost-West-Zusammenarbeit

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Partnerschaftliche Urwald­forschung nützt beiden Seiten

In der Ukraine und in Bulgarien gibt es noch grossflächige Urwälder. Für Forschende der WSL sind sie wichtige Studienobjekte, um Entwicklungen in Schweizer Waldreservaten und Schutzwäldern besser zu verstehen.

 

Nirgendwo in Europa gibt es ausgedehntere Buchen-Urwälder als in den ukrainischen Karpaten. In der Schweiz hingegen, wo die Buche die häufigste Laubbaumart ist, werden alle Buchenwälder seit Jahrhunderten bewirtschaftet, selbst die heutigen Buchenwald-Reservate wurden vorher lange genutzt. Mit der Forderung nach grossen Waldreservaten im Mittelland ist auch das Interesse an Buchen-Urwäldern stark gestiegen. Darum reisten Brigitte Commarmot und Anton Bürgi von der WSL im April 1999 erstmals ins Karpaten-Biosphärenreservat in der Westukraine. Die beiden Forstwissenschafter wollten abklären, ob sich dort ein Projekt durchführen liesse, in dem sie die natürliche Entwicklung dieser Urwälder mit derjenigen von Waldreservaten und naturnah bewirtschafteter Buchenwälder in der Schweiz vergleichen konnten.

Das geplante Projekt liess sich realisieren und aus der ersten Reise wurden mehr als zwanzig. Immer tiefer sind Brigitte Commarmot und weitere Forschende der WSL und aus der Ukraine seither in die Geheimnisse des rund 100 km2 grossen, fast nur aus Buchen bestehenden Urwaldes Uholka-Shyrokyi Luh eingetaucht. Sie fanden dort bis zu 500 Jahre alte Bäume und rund zehnmal so viel stehendes und liegendes Totholz pro Hektare wie im Durchschnitt in den Wäldern des Schweizer Mittellandes und Juras. Jeder dritte lebende Baum wies Höhlen, Risse oder andere Verletzungen auf, die Kleinstlebensräume für Insekten, Fledermäuse, Vögel und andere Tiere bieten, wie etwa den Blau-Schnegel, der auffälligsten Schnecke in diesen Wäldern. Zusammen mit ihren ukrainischen Partnern fingen die Forschenden der WSL im Urwald dreimal mehr seltene, auf Alt- und Totholz angewiesene Käferarten als in alten Buchenwäldern der Schweiz. In hoher Dichte fanden sie auch seltene Flechtenarten, die von alten Bäumen profitieren.

Urwälder als Referenz für Waldreservate

Welchen Nutzen zieht die Schweiz aus dieser Kooperation? «Der Buchen-Urwald in der Ukraine ist für uns ein riesiges Forschungslabor», sagt Commarmot, die die Zusammenarbeit seitens der WSL über viele Jahre koordinierte. «Wälder, die vom Menschen weitgehend unbeeinflusst sind, sind eine wichtige Referenz. Diese nutzen wir, um zu beurteilen, wie naturnah Schweizer Waldreservate wie der Sihlwald bei Zürich sind, und um zu untersuchen, wie sich die Bewirtschaftung auf die Biodiversität auswirkt.» Und der Nutzen für die Ukraine? Die Zusammenarbeit brachte den Partnern der WSL Zugang zur internationalen Forschungsgemeinschaft. «In den 17 Jahren Zusammenarbeit haben wir in der Westukraine viele motivierte und begabte junge Forschende angetroffen», sagt Brigitte Commarmot. Sechs davon gelang es, Stipendien der Eidgenossenschaft für längere Studienaufenthalte an der WSL und an Schweizer Hochschulen zu bekommen. Einige haben Dissertationen abgeschlossen oder stehen kurz davor. Für die ukrainischen Forschenden ist darüber hinaus wichtig, dass sie bei der WSL neben fachlicher Unterstützung Zugang zu modern ausgerüsteten Labors erhalten, zum Beispiel für genetische Untersuchungen.

International auf starkes Interesse stossen die über viele Jahre gesammelten, einmaligen Datensätze zur Entwicklung des grössten Buchen-Urwaldes Europas. Dies dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die ukrainischen Urwälder zusammen mit den slowakischen seit 2007 das Label «UNESCO Weltnaturerbe» führen dürfen. «Das Label wirkt dem Nutzungsdruck in- und ausländischer Firmen entgegen und hilft, diese Wälder langfristig zu schützen», sagt Commarmot. Seit Anfag Mai 2017 ist sie pensioniert, ihre Arbeiten führt Peter Brang weiter.

 

Wind, Schnee und Licht in bulgarischen Schutzwäldern

Peter Bebi erforscht am SLF in Davos, wie dicht oder licht Wälder sein sollten, die vor Lawinen, Hangrutschen und Steinschlag schützen. Auch ihm fehlte bis vor wenigen Jahren die Referenz, an die sich die Schutzwaldbewirtschaftung anlehnen kann. Solche natürlich strukturierten Wälder findet man zum Beispiel in Bulgarien, wo es in den Gebirgsregionen noch grosse Waldreservate mit Urwäldern sowie seit Langem nicht bewirtschaftete Nadelwälder gibt. Sie ähneln typischen Schutzwäldern in den Alpen: Die Bäume stehen oft sehr dicht beieinander und sind dann auch besonders anfällig gegenüber Stürmen und Schneebruch. Die Anfrage seines heutigen Projektpartners Momchil Panayotov von der Universität für Forstwirtschaft in Sofia kam Bebi darum sehr gelegen. Panayotov wollte während eines Postdoc-Aufenthaltes derartige Wälder der Schweiz unter die Lupe nehmen und mit Wäldern in seiner Heimat vergleichen.

Nach zehn Jahren haben die beiden mehrere Projekte in den bulgarischen Gebirgswäldern abgeschlossen und ihre Ergebnisse veröffentlicht. Diese helfen Bebi, abzuschätzen, wie Windwurf, Borkenkäferbefall oder andere Naturereignisse die Schutzwirkung des Waldes vor Naturgefahren beeinträchtigen. Der Einfluss zu dicht stehender Bäume auf die Stabilität des Waldes und die natürliche Ansamung junger Bäume stehen dabei im Zentrum. Bebi hofft, dass die Erkenntnisse aus den bulgarischen Urwäldern dazu beitragen, die Empfehlungen für das Schutzwaldmanagement zu verbessern. Momchil Panayotov schätzt an der Zusammenarbeit vor allem den gegenseitigen Erfahrungsaustausch und dass sein Team heute Teil eines internationalen Netzwerks von Gebirgswaldforschenden ist.

Mit bescheidenen Mitteln viel erreichen

Die Zusammenarbeit von Wissenschaftern aus Ost und West war für beide Seiten zunächst zwar ein ungewisser Schritt in eine neue Forschungskultur. Doch heute bewerten alle Beteiligten die Kooperation als äusserst positiv. Die natürlich entwickelten Referenzflächen in Bulgarien ermöglichen, die langfristige Wald­entwicklung besser zu verstehen und darzustellen. «Wir müssen wissen, an welchem Extremwert eines Waldzustands wir uns orientieren, damit wir den Schutz vor Naturgefahren möglichst gut sicherstellen können», sagt Peter Bebi und spricht Brigitte Commarmot damit aus dem Herzen. «Hinzu kommt etwas ganz Triviales», resümiert die Forstwissenschafterin: «Wir haben bei unseren osteuropäischen Partnern gelernt, wie wir unter oft erschwerten Rahmenbedingungen und mit bescheidenen Mitteln erstaunlich viel erreichen können.» (Reinhard Lässig, Diagonal 1/17)

 

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