Auf der Suche nach versteckt lebenden Pilzen in Aserbaidschan – eine Reise voller Herausforderungen

23.01.2026 | Luis Ever Vega Cabrera | WSL News

Mit dem globalen Handel reisen nicht nur Produkte um die Welt, sondern manchmal auch ungebetene Gäste – etwa Pilze, die bei Bäumen Krankheiten verursachen können. Um potenzielle Gefahren für die Schweizer Wälder frühzeitig zu erkennen, sucht ein WSL-Team in Aserbaidschan nach solchen Organismen. Im WSL-Logbuch berichten Luis Ever Vega Cabrera und Carolina Cornejo über ihre Feldarbeit zwischen Europa und Asien und über die Einrichtung eines neuen Labors für Molekularbiologie vor Ort. Teil 1.

Am 1. April 2025 startete ich als Postdoc im Rahmen des Projekts TreeFunAZ an der WSL. In diesem Projekt untersuchen wir Pilze, die in den Blättern von Bäumen in Aserbaidschan leben, und prüfen, ob sie durch den zunehmenden internationalen Handel eine Gefahr für europäische Baumarten darstellen könnten. Meine erste Aufgabe ist es, mit Carolina Cornejo Mitte Mai eine Exkursion nach Aserbaidschan zu planen, bei der wir Blätter von vier Baumgattungen (Fagus, Quercus, Carpinus und Castanea) sammeln werden. Diese sind in Aserbaidschan weit verbreitet und haben enge Verwandte in Westeuropa. Wir wollen herausfinden, ob die in Aserbaidschan gefundenen Pilzarten Krankheiten an europäischen Bäumen verursachen können.

Wir sind unter Zeitdruck, denn das Labor unseres Kooperationspartners in Aserbaidschan ist praktisch ein leerer Raum mit ein paar Tischen. Es gibt noch keine Instrumente oder Labormaterialien, und es kann mehrere Wochen oder sogar Monate dauern, bis alles geliefert ist. Da wir ein funktionierendes Labor benötigen, um die gesammelten Blätter oberflächlich zu desinfizieren – wir suchen nach Pilzen, die «versteckt» in den Blättern leben, nicht auf den Blättern –, mussten wir improvisieren und nach Alternativen suchen. Wir beschlossen, das benötigte Material, das wir während der Feldarbeit und für die Desinfektion brauchen, in der Schweiz zu kaufen und als zusätzliches Gepäck mitzunehmen. Es zu versenden wäre extrem teuer gewesen, zudem bestand die Gefahr, dass der Zoll oder Einfuhrgebühren die Sendung verzögert hätten.

Am 7. Mai dachten wir, wir wären bereit. Wir fuhren zum Flughafen, gaben unsere zahlreichen übergewichtigen Koffer auf, passierten die Sicherheitskontrolle und stiegen mit einer Stunde Verspätung ins Flugzeug. Plötzlich hörten wir eine Durchsage: Es gab ein technisches Problem und wir mussten das Flugzeug verlassen. Kurz darauf kam eine zweite Durchsage: Der Flug war gestrichen worden. Inmitten der Verwirrung und des Chaos, mit vielen Menschen, die verzweifelt nach Informationen suchten, verbrachten wir den ganzen Tag am Flughafen und versuchten, eine alternative Möglichkeit zu finden, um nach Baku zu reisen. Letztendlich wurde unser Flug auf den nächsten Tag verschoben, und wir mussten unsere ursprüngliche Reiseroute in Aserbaidschan anpassen. Als wir in Baku ankamen, erwarteten uns noch viele weitere Überraschungen.

Wir suchen nach Bäumen in fast unzugänglichen Wäldern

Zwei Tage später war unser vierköpfiges Team bereit, sich von Baku aus auf den Weg nach Süden zu machen. Wir brachen mit unserem Fahrer Azer in die Region Talysh auf, die an der Grenze zum Iran liegt. Sein Name bedeutet «Feuer» oder «Flamme» und ist auch die Wurzel des Landesnamens Aserbaidschan, der etymologisch «Land des Feuers» bedeutet. Unser nicht mehr ganz neuer Van brachte uns zu den atemberaubenden Bergen des Hirkan-Nationalparks, wo das steile Gelände und die unbefestigten Strassen den Motor zwangen, unterwegs einige Pausen einzulegen. Die grösste Herausforderung stand uns jedoch noch bevor: die gesuchten Bäume zu finden.

Niemand von uns ist Botanikerin oder Botaniker, aber wir hatten viel über unsere Bäume gelesen und die morphologischen Merkmale recherchiert, die sie charakterisieren, damit wir sie mitten im Wald finden würden. Der grösste Teil des Waldes war zu Fuss oder mit dem Auto unzugänglich. Nachdem wir aber einige Stellen besucht und anfängliche Schwierigkeiten überwunden hatten, fanden wir mehrere vielversprechende Bäume. Blüten, sich entwickelnde Früchte sowie die Form der Blätter waren entscheidend dafür, dass wir sicher sein konnten, dass es sich um die gesuchten Baumarten handelte.

Während unserer zweiwöchigen Exkursion sammelten wir tagsüber in verschiedenen Regionen Proben und verbrachten die Abende in Hotels, wo wir improvisierte Labore einrichteten, um die Oberflächen von fast 400 Blättern zu desinfizieren. Wir erlebten vereinzelt Regen, Nebel und Gewitter und begegneten Schlamm, Wisenten und Schlangen. Aber wir genossen auch köstliches Essen, Tee und Brot sowie die atemberaubenden Landschaften der wunderschönen aserbaidschanischen Wälder.

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Die grösste Herausforderung stand noch bevor: die Suche nach den interessanten Bäumen. Luis Ever im Thalysh-Gebirge. Foto: WSL
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Carolina schneidet Blätter einer Orient-Buche mit einer Baumschere. Die gesund aussehenden Blätter fasst sie ausschliesslich mit Handschuhen an, um eine Verunreinigung der Proben mit menschlicher DNA zu vermeiden. Foto: WSL
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Die Wälder im Thalysh-Gebirge sind Nebelwälder. Während Luis Ever und Khadija sich auf die Beprobung einer kastanienblättrigen Eiche vorbereiten, werden sie vom Nebel eingehüllt. Foto: WSL
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Nach getaner Arbeit im Thalysh-Gebirge (von links): Feldassistent Tural, Doktorandin Khadija, Postdoktorand Luis Ever. Foto: WSL
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In einem Waldreservat des Grossen Kaukasus durchstreifen Wisentherden die Wälder. Diese Aufnahme entstand aus der Ferne, zwischen Aufnahmeort des Fotos und den Tieren fliesst ein Bach. Foto: WSL
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Tagsüber sammelten wir Blätter, die wir abends in den Hotelzimmern in improvisierten Labors desinfizierten. Dazu bestellten wir zusätzliche Tische, die wir mit Alufolie vor dem verwendeten Javelwasser (Natriumhypochlorid) schützten. Wir arbeiteten parallel an drei Stationen mit jeweils drei Desinfektionsstufen in Metallwannen. Foto: WSL
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Das Essen in Aserbaidschan war vielfältig, immer frisch zubereitet und sehr köstlich, wie dieser Sāç-Eintopf mit Gemüse, Kartoffeln, Lammfleisch und Reis. Foto: WSL
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In Aserbaidschan werden die Pausen mit frisch zubereitetem Tee verbracht, stets begleitet von Zitronenschnitzen und Fruchtkompott. Hier wurde uns ein Kompott aus sehr jungen Walnüssen serviert. Foto: WSL

P.S. Die Rückkehr in die Schweiz verlief nicht ohne Schwierigkeiten: Wir wurden kurzzeitig im Migrationsamt in Baku festgehalten, weil wir uns länger als 15 Tage ohne ordnungsgemässe Registration im Land aufgehalten hatten, obwohl wir zuvor keine entsprechenden Informationen erhalten hatten. Für diesen Verstoss mussten wir eine hohe Geldstrafe zahlen, ausserdem in Istanbul nach einer verspäteten Verbindung mit Vollgas zu unserem nächsten Flug rennen und in Zürich auf unser verspätetes Gepäck warten, das all unsere gesammelten Blätter enthielt – es wurde erst am nächsten Tag geliefert.

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