Wälder unter Klimastress – Warum Bäume trotz Frühstart weniger wachsen

07.01.2026 | Fabio Valsangiacomo | WSL News

Der Klimawandel lässt Bäume im Frühling früher austreiben. Trotzdem nimmt das Wachstum einiger Baumarten ab. Eine TreeNet-Studie unter der Leitung der Eidg. Forschungsanstalt WSL zeigt: Zunehmende Hitze und Trockenheit bremsen das Wachstum der häufigsten Baumarten in der Schweiz. Das hat Konsequenzen für die Kohlenstoffspeicherung und Waldwirtschaft.

  • Durch die Klimaerwärmung beginnt das Stammwachstum heute um mehrere Tage früher als noch vor zehn Jahren.
  • Trotz des früheren Saisonstarts verzeichnen die häufigsten Schweizer Baumarten einen abnehmenden Wachstumstrend, weil Hitze und Trockenheit die Zahl der effektiven Wachstumstage verringern. Fichten, Weisstannen und Buchen sind besonders betroffen.
  • Ein geringeres Wachstum bedeutet weniger Kohlenstoffspeicherung und neue Herausforderungen für die Waldnutzung.

Korrektur vom 7.1.2026: Im zweitletzten Abschnitt wurde der Halbsatz «Wälder verlangsamen die Klimaerwärmung, […]» gestrichen.

Es wird wärmer. Während unsere Umwelt unter den Folgen des Klimawandels leidet, gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Unsere Wälder nehmen Kohlendioxid (CO₂) aus der Luft auf und speichern es im Holz. Der Temperaturanstieg könnte theoretisch dazu führen, dass unsere Wälder mehr CO₂ binden. «Es wurde angenommen, dass sich mit einer längeren warmen Jahreszeit negative Folgen des Klimawandels teilweise kompensieren lassen», sagt Arun K. Bose, Ökologe an der WSL. «Das ist leider nicht der Fall.»

Bose hat in seiner Studie das Wachstum von fünf der häufigsten Baumarten an 48 Standorten in der Schweiz ausgewertet. «Über die letzten elf Jahre hat sich die Vegetationsperiode um mehrere Tage nach vorne verschoben. Das ist der Zeitraum des Jahres, in dem Bäume Fotosynthese betreiben können», erklärt Bose. Der frühere Saisonstart führe aber nicht automatisch zu mehr Wachstum – im Gegenteil. Zwischen 2012 und 2022 ging das jährliche Stammwachstum bei vielen Beständen zurück. Vermehrte Hitzewellen und Trockenphasen setzen Bäume unter Stress und hemmen ihr Wachstum. Der Rückgang ist bei Weisstannen, Buchen und Fichten besonders ausgeprägt, während Eichen und Föhren weitgehend gleich gut wuchsen. Fest steht aber: Keine der untersuchten Baumarten profitierte vom wärmeren Klima.

Folgen für die Kohlenstoffspeicherung und Waldwirtschaft

Bäume wachsen, wenn genügend Wasser verfügbar ist. Ist es zu heiss und zu trocken, wird mehr Wasser verdunstet, als über die Wurzeln aufgenommen werden kann – der Baum gerät unter Stress und das Wachstum stoppt. Pro Jahr bleiben somit je nach Baumart und Witterung nur 40 bis 110 Wachstumstage übrig. «Am Schluss entscheiden einzelne Tage und Stunden, wieviel ein Baum wächst», erläutert Bose, «fallen einige durch vermehrte Hitze- und Trockenperioden weg, fehlt ein grosser Teil des jährlichen Stammzuwachses.» Ein früherer Start nützt somit wenig, wenn Hitze und Trockenheit die kritischen Wachstumsphasen verkürzen.

Das hat Folgen für die Leistungen, die Wälder erbringen. Bäume nehmen CO2 auf und speichern es im Holz. Einfach gesagt: Je grösser der Stammdurchmesser, desto mehr Kohlenstoff ist in einem Baum gebunden. Wenn die effektive Wachstumszeit der wichtigsten Arten abnimmt, sinkt somit auch die Aufnahmekapazität. 

Auch die Waldwirtschaft ist betroffen. Werden die Sommerhalbjahre wärmer und trockener, können Forstbetriebe tendenziell weniger Holz ernten. Zudem muss die Bewirtschaftung den klimatischen Veränderungen angepasst werden. «Wie Bäume auf den Klimawandel reagieren, hängt sowohl vom Standort als auch der Art ab. Deshalb ist es wichtig, Management-Strategien lokal und artenspezifisch zu beurteilen», betont Bose.

Wie gemessen wurde 

Die Studie untersuchte insgesamt 228 Bäume an 48 Schweizer WaldstandortenDie Daten stammen aus hochaufgelösten Messungen des internationalen Beobachtungs- und Forschungsnetzwerks TreeNet. Dieses verwendet Punktdendrometer, am Stamm befestigte Messinstrumente, die kleinste Änderungen des Stammdurchmessers von Bäumen erfassen. Damit lässt sich erkennen, wann tatsächlich neues Holz gebildet wird oder ob sich der Stamm nur wasserbedingt ausdehnt oder zusammenzieht. Die Daten erlauben, den Wasserhaushalt und das Stammwachstum in stündlicher Auflösung zu analysieren und Klimaeffekte in Echtzeit zu dokumentieren. Siehe auch das Video «Das Ding – Punktdendrometer»

TreeNet ist ein Umwelt-Monitoring-Netzwerk zur Messung von Baumwachstum und Trockenheit. Es ist eingebettet in ein internationales Netz aus Umweltmonitoring-Systemen (LWF, ICOS, eLTER, ICPForests) und wird von Institutionen wie der Eidg. Forschungsanstalt WSL, ETH Zürich, Uni Basel, Uni Bern, Uni Zürich, IAP Witterswil und dem BAFU getragen.

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