Artenvielfalt in Europa verschwindet zwar nicht, verändert sich lokal aber stark

13.7.2020  | Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung/Beate Kittl | News WSL

Der weltweite Artenschwund ist hinreichend dokumentiert. Doch die lokalen Biodiversitätstrends in Europa unterscheiden sich teilweise erheblich von globalen Mustern, zeigt ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt WSL auf. Insbesondere die Zusammensetzung von Artengemeinschaften hat sich lokal stark verändert. Die Studie, die heute im Fachjournal „Nature Communications“ erscheint, hat Auswirkungen auf die Erstellung von wirksamen Schutzkonzepten.

Global scheint der Trend klar: Seit Jahren nimmt weltweit die Artenvielfalt in nahezu allen Tier- und Pflanzengruppen besorgniserregend ab. «Lokal ist dies etwas komplexer – hier spielen Faktoren vor Ort, wie beispielsweise der Verlust seltener Arten sowie die Ansiedlung neuer Arten, eine grosse Rolle für das Gesamtergebnis», erklärt Peter Haase vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. «Ökosystemfunktionen – und die damit verbundenen Vorteile für uns Menschen – hängen immer mit der jeweiligen lokal vorhandenen Vielfalt und Häufigkeit von Arten zusammen und lassen sich schwer einfach ‚nach oben’ skalieren. Es ist daher unerlässlich, dass wir die unterschiedlichen Biodiversitäts-Trends in den einzelnen Ökosystemen kennen, um diese nachhaltig schützen zu können.»

Das Team von über 60 Wissenschaftler*innen aus 21 europäischen Ländern, darunter die WSL für die Schweiz, hat 161 Langzeitserien von 115 Standorten ausgewertet und in Verbindung zueinander gesetzt. Diese untersuchen über 6200 im Meer, an Land oder in Fliessgewässern lebenden Arten aus neun biogeographischen Regionen, darunter Insekten, Vögel und Blütenpflanzen. Die Mehrzahl der untersuchten Standorte gehört zum globalen Netzwerk „Long-Term Ecological Research (LTER)“, einem internationalen Zusammenschluss zur langfristigen, interdisziplinären Umweltbeobachtung.

Die WSL trägt mit ihrer Langfristigen Waldökosystemforschung (LWF) zu dieser Studie bei, ihre Untersuchungsflächen sind Teil des LTER-Netzwerkes. Zwischen 1994 und 2011 wurde auf 15 LWF-Flächen die Bodenvegetation aufgenommen. «Die langfristigen Messreihen von über 30 Parametern ermöglichen langfristige Veränderungen der Umwelt, wie sie in dieser Studie aufgezeigt werden, auf regionaler bis zu globaler Ebene zu untersuchen», sagt Marcus Schaub, Leiter der WSL-Forschungsgruppe Ökophysiologie und Schweizer Koordinator des LTER-Netzwerks.

Wachsende Vielfalt in Nordeuropa

Die Auswertung der Forschenden zeigt, dass sich in weiten Teilen Mittel- und Südeuropas weder Artenvielfalt noch Anzahl der Arten und Individuen verändert haben, während in Nordeuropa ein Anstieg in Vielfalt und Artenzahlen zu beobachten ist. Letzteres ist u.a. auf die steigenden Temperaturen im Zuge des Klimawandels zurückzuführen. Zudem ist in weiten Teilen Europas ein Austausch der bisherigen Flora und Fauna durch neue, häufig an wärmere Gebiete angepasste Arten zu beobachten.

Die Autor*innen geben in ihrer Studie zu bedenken, dass die meisten Messreihen frühestens in den 1980er Jahren starteten und zu diesem Zeitpunkt bereits ein hoher Artenverlust zu verzeichnen war. «Je nach Grosslebensraum und taxonomischer Gruppe können sich die Trends zudem deutlich unterscheiden», erläutert die Erstautorin Francesca Pilotto von der Universität Umeå. «Während in marinen Gebieten beispielsweise in den untersuchten Zeiträumen die Vielfalt anstieg, ist dies für die Fliessgewässer nicht zu beobachten. Die Diversität von am Gewässergrund lebenden Algen nahm im Schnitt ab, während Vögel und aquatische Wirbellose überraschenderweise einen Anstieg aufweisen. Wir sehen also, dass die Trends nicht immer Arten- oder Ökosystem-übergreifend gleich sind.»

Das Team fordert auf Grundlage ihrer Ergebnisse einen Ausbau der Langzeitmessreihen sowie eine Vereinheitlichung der europäischen Messmethoden in den verschiedenen Lebensräumen. «Nur so kann es uns gelingen, für die einzelnen Regionen und ihre Tier- und Pflanzenarten sinnvolle Schutzmassnahmen zu entwickeln», schliesst Haase.

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