09.06.2026 | S. Blaser, R. Heinzelmann, V. Queloz (Waldschutz Schweiz) | WSL News
Bei der WSL-Fachstelle Waldschutz Schweiz sind in den letzten Wochen deutlich mehr Beratungsanfragen und Befallsmeldungen zum Eichenprozessionsspinner eingegangen als in den Vorjahren. Dabei waren einerseits gut besonnte Eichen im Siedlungsraum oder entlang von Waldrändern betroffen, erstmals wurde in der Ostschweiz aber auch ein sich über mehrere Hektaren ausdehnender Befall in einem Eichenwald festgestellt.
Während Massenvermehrungen können die Raupen des Eichenprozessionsspinners ihre Wirtsbäume völlig entlauben. Sie stellen zudem ein Gesundheitsrisiko dar, da die Brennhaare der Raupen bei Menschen und Tieren allergische Reaktionen auslösen können.
Der Eichenprozessionsspinner (EPS, Thaumetopoea processionea) ist eine einheimische Schmetterlingsart, welche in der Schweiz bis zur Jahrtausendwende hauptsächlich in der Genferseeregion, dem Wallis, sowie auf der Alpensüdseite aufgetreten ist. Seither werden vermehrt auch Befälle in nördlicheren Regionen der Schweiz registriert. Da es sich um eine wärmeliebende Insektenart handelt, liegt die Vermutung nahe, dass die zunehmende Häufigkeit und Befallsintensität durch die ansteigenden Temperaturen im Rahmen des Klimawandels mitverursacht werden.
Die behaarten Raupen mit dunklem Längsband (Abb. 1) schlüpfen ab Mitte April und fressen anschliessend an den Blättern verschiedener Eichenarten. Insgesamt durchlaufen die gesellig lebenden Raupen sechs Larvenstadien. Ab dem 5. Larvenstadium entstehen die typischen, dichtgesponnenen Gespinstnester (Abb. 2) an Stämmen und dickeren Ästen, in welchen sich die nachtaktiven Raupen tagsüber zurückziehen. Nachts wandern die Raupen von dort in mehrreihigen Prozessionen hinauf in die Baumkronen, wo sie Eichenblätter bis auf die Blattgerippe kahlfressen. Die Gespinstnester stellen ein typische Erkennungsmerkmal dar und können eine Länge von bis zu einem Meter erreichen. Die Verpuppung erfolgt je nach Temperatur zwischen Mitte und Ende Juni in den Gespinstnestern. Ab Mitte Juli findet der Flug und die Paarung der adulten Tiere statt, die Eier werden anschliessend in der oberen Kronenperipherie auf ein- bis zweijährigen Trieben in plattenartigen Paketen (Abb. 3) abgelegt.
Ab dem dritten Larvenstadium (etwa Ende Mai) bilden die Raupen des EPS tausende von winzigen Brennhaaren, welche das toxische Protein Thaumetopoein enthalten. Kommen die Brennhaare in Kontakt mit Menschen oder Tieren, so können allergische Reaktionen an der Haut, den Augen, oder den oberen Atemwegen ausgelöst werden. Typische Reaktionen sind Augen- und Hautrötungen, Juckreiz, Quaddeln und Reizungen an den Mund- und Nasenschleimhäuten. In seltenen Fällen kann durch einen Kontakt mit Brennhaaren auch ein allergischer Schock ausgelöst werden. Da die Toxizität der Brennhaare über mehrere Jahre erhalten bleibt, stellen auch alte Gespinstnester sowie Ansammlungen von Brennhaaren im Bodenbewuchs und Unterholz eine Gefahrenquelle für Bewirtschaftung und Erholungsaktivitäten im Wald dar.
Grossflächiger Befall ¶
Da es beim EPS um eine wärmeliebende Schmetterlingsart handelt, waren in der Schweiz bisher hauptsächlich gut besonnte Eichen im Siedlungsgebiet oder entlang von Waldrändern von Befällen betroffen. Oft handelte es sich um lokale Befälle von einzelnen oder wenigen Wirtsbäumen. Anfang Juni 2026 wurde im Kanton Schaffhausen erstmals einen mehrere Hektar umfassenden, flächigen Befall in einem eichendominierten Laubwald festgestellt. Betroffen waren hauptsächlich Traubeneichen in den Altersklassen Stangenholz bis Altholz. An den befallenen Eichen konnten mit Hilfe des Feldstechers oft mehrere Gespinstnester in Handtellergrösse beobachtet werden. Allerdings konnten bis zum Publikationszeitpunkt noch keine auffälligen Frassschäden festgestellt werden. Steigt die Populationsgrösse aber im nächsten Jahr weiter an, so könnte es in Folge zu deutlichen Frassschäden an den Eichen kommen.
Während Massenvermehrungen des EPS können die Eichen komplett kahlgefressen werden. Die betroffenen Bäume reagieren mit einem zweiten Laubaustrieb im selben Jahr auf diesen Kahlfrass, dieser Blattaustrieb erfolgt aber auf Koster der Reservestoffe. Kommt es zu mehrjährigen Befällen mit Kahlfrassereignissen, so können Eichen erheblich geschwächt werden. Durch diese Schwächung kann sich ihre Anfälligkeit gegenüber sekundären Schadorganismen und letztlich auch das Mortalitätsrisiko allerdings erhöhen.
Tritt der EPS im Siedlungsraum auf, so wird empfohlen die Raupen durch spezialisierte Baumpflegeunternehmungen oder öffentliche Dienste mit entsprechender Schutzausrüstung (Schutzanzug, Schutzbrille, Atemschutz) entfernen zu lassen, damit das Gesundheitsrisiko möglichst minimiert werden kann. Bei Befall im Wald kann eine Risikominimierung meist durch die Absperrung von Bäumen, Wegen, sowie gezielter Sensibilisierung der Bevölkerung erreicht werden.
Sowohl im Wald als auch im Siedlungsraum ist die frühzeitige Entdeckung von EPS-Befällen entscheidend, um die Exposition der Bevölkerung sowie Forst- und Unterhaltdiensten gegenüber Brennhaaren möglichst zu minimieren. Insbesondere für das Auftreten des EPS bekannte Bestände sollten ab dem Blattaustrieb der Eichen daher regelmässig visuell auf die Präsenz von Raupen und Gespinstnester kontrolliert werden.
Die grosse Anzahl an Befallsmeldungen und Beratungsanfragen deutet darauf hin, dass 2026 ein aussergewöhnlich starkes EPS-Befallsjahr darstellt. Es wird deshalb empfohlen, dass Waldspielplätze, Grillplätze, Vitaparcours, sowie weitere, stark frequentierte Plätze und Wege in Eichenbeständen sorgfältig auf die Präsenz des EPS untersucht werden. Ebenfalls sollten Mitarbeitende von Forst- und Unterhaltsdiensten, sowie Personal von Schulen, Kindergarten und Kindertagesstätten (Kitas) über das aktuell erhöhte Gesundheitsrisiko informiert werden.
Was tun bei Befallsverdacht?
Im Wald kann das Auftreten des EPS den kantonalen Waldschutzbeauftragten oder den zuständigen lokalen Forstdiensten gemeldet werden. Im Siedlungsraum erfolgen die Befallsmeldungen an die öffentlichen Dienste.
Was tun bei allergischen Symptomen
Bei Kontakt mit Brennhaaren des EPS können Hautreizungen, Augenbeschwerden und Atemwegsprobleme auftreten. aha! Allergiezentrum Schweiz empfiehlt, bei Symptomen ärztlichen Rat einzuholen. Bei Fragen hilft die aha!infoline kostenlos und persönlich weiter. aha.ch/infoline +41 31 359 90 50
Auch Hunde und andere Tiere können betroffen sein. Bei Verdacht auf Kontakt Maul, Augen und Fell vorsichtig mit viel Wasser aus- bzw. abspülen – nicht reiben. Bei Symptomen umgehend eine Tierarztpraxis kontaktieren.
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