20.10.2026 | ETH Zürich | WSL News
Eine Studie unter der Leitung eines Forscherteams der ETH Zürich, der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL sowie der Vrije Universiteit Brussel zeigt, dass die Eismassen der Gletscher weltweit schneller schrumpfen könnten als bisher angenommen. Die in „Nature Communications“ veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass tägliche Wetterschwankungen und Extremereignisse auf einen erheblich stärkeren Gletscherschwund und Meeresspiegelanstieg deuten.
Die meisten globalen Gletschermodelle stützen sich auf monatliche Klimadaten, die kurzfristige Wetterschwankungen glätten. Gletscher reagieren jedoch unmittelbar auf einzelne Wetterereignisse wie Hitzewellen, Starkregen und plötzliche Temperaturschwankungen. Schon wenige aussergewöhnlich warme Tage tauen die schützende Schneedecke auf und legen das darunterliegende dunklere Gletschereis frei, das mehr Sonnenlicht absorbiert und dadurch schneller schmilzt. Ähnlich beeinflussen Starkniederschläge, je nachdem ob sie als Regen oder Schnee fallen, massgeblich Aufbau und Abfluss der Gletschermasse, insbesondere bei um den Gefrierpunkt schwankenden Temperaturen. Die Studie hat nun ergeben, dass Gletschermodelle, die die Tagesverläufe berücksichtigen, schnelle Übergänge zwischen schneebedeckten und freiliegenden Eisoberflächen sowie deren Einfluss auf das Abschmelzen der Gletscher besser abbilden können.
«Gletscher reagieren nicht auf Monatsdurchschnittswerte, sondern auf das Wetter jedes einzelnen Tages», erklärt Hauptautor Lander Van Tricht (ETH Zürich / WSL / Vrije Universiteit Brussel). «Schon eine nur wenige Tage andauernde Hitzewelle kann dazu führen, dass riesige Mengen Eis schmelzen. Mit den Mittelwerten eines ganzen Monats laufen wir Gefahr, die Auswirkungen dieser Extremereignisse zu unterschätzen.»
Um diese Prozesse genauer zu erfassen, erweiterte das Forscherteam die Auflösung des Global Glacier Evolution Model (GloGEM) um Tageswerte und wendete es auf mehr als 12 500 Gletscher bzw. 94 % des weltweiten Gletschereisvolumens an. Mit dem höher auflösenden Modell lässt sich der Massenverlust der Gletscher im Vergleich zum herkömmlichen Ansatz präziser verfolgen, insbesondere während der aussergewöhnlich starken Eisschmelze in den Jahren 2022 und 2026 in den europäischen Alpen, 2023 im Westen Nordamerikas, 2024 auf Spitzbergen und 2025 in Zentralasien.
Extreme Schmelzjahre prägen die Zukunft der Gletscher ¶
Die Studie zeigt, dass sich Auswirkungen täglicher Wetterschwankungen im Laufe der Zeit summieren. Hochrechnungen mit dem Tagesmodell prognostizieren im Allgemeinen einen schnelleren Gletscherschwund als das monatsbasierte Modell, insbesondere in Regionen, in denen die Schmelze stark von kurzfristigen Temperaturschwankungen beeinflusst wird. Entsprechend höher fällt voraussichtlich auch der Beitrag der Gletscherschmelze zum Anstieg des globalen Meeresspiegels aus. Für das 21. Jahrhundert prognostiziert das in der Studie verwendete Tagesmodell einen um 5 bis 10 % höheren Beitrag als das monatsbasierte Modell.
Über den Gletscherschwund und den Anstieg des Meeresspiegels hinaus zeigt die Studie bedeutende Veränderungen hinsichtlich des Zeitpunkts und der Intensität des Schmelzwasserabflusses auf, was sich wiederum auf die Wasserressourcen in den nachgelagerten Versorgungsgebieten auswirkt.
«Gletscher sind eine wichtige Süsswasserquelle für Millionen von Menschen», sagt Daniel Farinotti, Joint Professor an der ETH Zürich und der WSL, der die Studie mitbetreut hat. «Um künftige Veränderungen der Wasserverfügbarkeit vorhersagen zu können, müssen wir nicht nur wissen, wie viel Eis verschwinden wird, sondern auch, wann Schmelzwasser zur Verfügung steht. Unsere Studie zeigt, dass die Berücksichtigung der täglichen Wetterschwankungen in den Modellen unser Verständnis dieser Veränderungen erheblich verbessern kann.»
Kontakt ¶
Publikationen ¶
Copyright ¶
WSL und SLF stellen Bild- und Tonmaterial zur Verwendung im Rahmen von Pressebeiträgen im Zusammenhang mit dieser Medienmitteilung kostenfrei zur Verfügung. Eine Übernahme dieses Materials in Bild-, Ton- und/oder Videodatenbanken und ein Verkauf des Materials durch Dritte sind nicht gestattet.