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Die Geschichte der Waldnutzung

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Holz war bis weit ins 20. Jahrhundert ein zentraler Bau-, Brenn- und Werkstoff. Im Wald wurden jedoch nicht nur Bäume gefällt. Der Wald war vielmehr auch Weideland, ein Ort, wo Tiere Futter und Menschen Nahrung fanden, wo Streue zusammengerecht wurde und man Wirk- und Werkstoffe gewann.

 

Im Laufe des 19. Jahrhunderts stieg jedoch die Bedeutung der Holzproduktion, und mancherorts verloren die übrigen traditionellen Waldnutzungen wesentlich an Bedeutung oder wurden gar aufgegeben. Die Freizeitgesellschaft des 20. Jahrhunderts entdeckte dann den Wald neu für Erholung und Sport, ebenso formulierten Naturschutzkreise zunehmend ihre Vorstellungen eines ökologisch wertvollen Waldes. Alte Waldnutzungsformen gerieten in Vergessenheit, obschon sie aus kulturhistorischer und ökologischer Sicht äusserst interessant sind.

In einem Projekt befragten wir in fünf Untersuchungsgebieten (Saanenland, Vorderes Vispertal, Fankhausgraben, Schächental und Prättigau) Zeitzeugen zu ihren Kenntnissen und Erfahrungen mit traditionellen Formen der Waldnutzung. Das Projekt finanzierte die Bristol-Stiftung. Mit einer ausgedehnten Literaturstudie wurde die Entwicklung der traditionellen Formen der Waldnutzung in der Schweiz im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgearbeitet. Die Studie zeigt eine grosse Vielfalt an Nutzungsformen, aber auch grosse regionale Unterschiede.

Matthias Bürgi (WSL) und Martin Stuber (Historisches Institut der Universität Bern) haben das Projekt gemeinsam geleitet. 

 

Historische Fotografien alter Waldnutzungen

 

Futter

Waldweide

Die Beweidung der Wälder war bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der ganzen Schweiz die Regel. Vielerorts beruhte der wirtschaftliche Wert der Wälder sogar mehr auf der Weide als auf der Holznutzung. Dies galt ganz besonders für die Schweinemast im Wald (Acherum), lange Zeit praktisch die ausschliessliche Fütterungsform der Schweine.

Noch länger hielt sich die Waldweide der Ziegen und Schafe. Im Mittelland trieben die Armen und Landlosen ihr Kleinvieh bis Ende 19. Jahrhundert in die Wälder. Im Alpengebiet und im Jura waren Schaf- und Ziegenweide im Wald sogar bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet.

Waldheu und Laub

Neben der Weide diente der Wald noch in zwei anderen Formen als Futterquelle. Einerseits nutzte man in lichten, lockeren Waldbeständen das Waldheu. Zum anderen wurden in der traditionellen Schneitelwirtschaft Äste und Blätter gewonnen und zur Verfütterung in die Ställe transportiert.

  

Unterlage

Laub- und Nadelstreue

Blätter und Nadeln wurden in grossem Umfang als Einstreumaterial für die Tiere in den Ställen gesammelt. Für das Berggebiet stellte Kasthofer 1828 in seinem Lehrbuch 'Der Lehrer im Walde' stellvertretend für die gesamte Bergbevölkerung die rhetorische Frage: "... wo sollen wir Streue hernehmen zum Lager für unser Vieh, zum Bauen unserer Matten und Weiden, wenn wir nicht die Baumblätter in den Wäldern zusammenrechen könnten? Wir Leute im Gebirge, wo der Winter so lange dauert, können ja fast kein Korn bauen, wir gewinnen also kein Stroh zur Stallstreue, sondern kaum genug für unser eignes Lager." Wie verbreitet die Streunutzung war, sehen wir darin, dass Kasthofer im Berner Oberland keinen einzigen zugänglichen Buchenwald kannte, "der nicht vor seinem obersten Anfange bis an sein unterstes Ende ganz rein von Buchenlaub gewischt worden wäre." Die Streunutzung war auch im 20. Jahrhundert noch anzutreffen. Erst die Eisenbahn erleichterte die Einfuhr von Stroh und ermöglichte weitgehend, auf das Sammeln von Waldstreu zu verzichten.

 

Bettlaub

Neben der Verwendung der Waldstreu als Einstreumaterial auf die Viehläger, gab es einen weiteren wichtigen Verwendungszweck: Vor allem ärmere Leute schliefen noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auf Bettlaub.

 

Wirkstoff

Asche

Mit Aschenlauge wurde die Wäsche gewaschen.

Gerberrinde

Die Rinde von Eichen und Fichten nutzte man für die Ledergerbung.

Harz

Harz war aufgrund seiner klebrigen, dichten Konsistenz, seiner Brennbarkeit und seinem intensiven Duft seit langer Zeit ein begehrtes Naturprodukt. Die wichtigsten Baumarten, von denen Harz gewonnen wurde, waren Föhren, Lärchen, Fichten und Arven. In einigen Gewerben diente Harz als wichtiger Rohstoff, so für Küfer beim Abdichten der Fässer, für Gerber als Teergalle für die Behandlung der Häute oder für Schuhmacher zum Vorbereiten des flachsigen Zwirns. Zuhause fanden harzige Kienspäne als Lichtspender Verwendung. Zudem brauchte man Harz zum Anfeuern, zum Versiegeln, vermischt mit Schweinefett als Schuhcreme, zur Behandlung von Wunden an Obstbäumen oder aufgrund seiner antiseptischen Wirkung auch in der Volksmedizin. Zahlreiche Salben, Pflaster und Umschläge basierten auf Harz. Aufgesprungene Hände und Klauenverletzungen des Viehs behandelte man mit Harzöl, das aus Föhrenwurzelstöcken gesotten wurde. Bei Haussschlachtungen erleichterte die Beigabe von Harz im Brühwasser das Enfernen der Borsten (Huusmetzgete bei Trub (BE), 1946).

  

Brennstoff

Tannzapfen

Tannzapfen wurden als Anfeuerhilfe gesammelt.

 

Werkstoff

Schindeln

In vielen Gegenden deckte man die Dächer traditionellerweise mit Holzschindeln.

Zäune

Zu den grossen Holzverbrauchern zählten auch die traditionellen Holzzäune, die oft in äusserst kunstfertiger Weise erstellt wurden.

Werkholz

Viele Geräte und Werkzeuge des täglichen Gebrauchs wurden aus Holz hergestellt, so neben vielem anderen Tragkörbe.

  

Wo nicht anders angegeben, wurden die Bilder freundlicherweise vom Archiv des Schweizerischen Institutes für Volkskunde (SGV), Basel zur Verfügung gestellt.

 

Das Projekt "Traditionelle Formen der Waldnutzung" wurde 2005 gestartet und gelangt am 27. Mai 2011 mit einer Buch- und Film-Vernissage auf dem Gelände des Freilichtmuseums Ballenberg  zum Abschluss. Die Finanzierung des Projektes erfolgte hauptsächlich durch die Bristol-Stiftung.

 

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