Sanasilva-Bulletin 2026

Der Zustand des Schweizer Waldes

Stefan Hunziker, Christian Hug, Michael Plüss, Volodymyr Trotsiuk, Flurin Sutter, Marcus Schaub, Arthur Gessler

23. September 2026

Die Sanasilva-Inventur 2026 zeigt nur geringfügige Veränderungen bei den Nadelbäumen, jedoch eine deutliche Verschlechterung des Kronenzustands bei den Laubbäumen. Ihre mittlere Gesamtverlichtung stieg auf 29.7 %, und die Zunahme bei den erneut erfassten Bäumen betrug im Vergleich zum Vorjahr 6.3 Prozentpunkte, die zweitstärkste seit Beginn der Beobachtungen. Die Folgen des extrem heissen und trockenen Sommers 2026 zeigen sich durch die aussergewöhnlich frühe Verbraunung bereits in den aktuellen Aufnahmen.

Methodik der Sanasilva-Inventur
Die Sanasilva-Inventur erhebt jährlich den Zustand des Schweizer Waldes seit 1985. Aufgenommen wird an jedem Schnittpunkt eines 16×16 km weiten Koordinatennetzes, auf dem Wald steht. So entsteht ein für den Schweizer Wald repräsentatives Stichprobennetz. Die Inventur ist Teil des europäischen Waldbeobachtungsprogramms ICP Forests, dessen ausgedehntes Netz auf demselben Raster beruht.
Aufgenommen wird jedes Jahr nach derselben Methodik und durch erfahrene Feldteams. Interne Kurse und europäische Schulungen im Rahmen von ICP Forests sichern Qualität und Kontinuität der Messungen. Nur so bleiben die Beobachtungen über Jahrzehnte vergleichbar.
Im Zentrum steht der Kronenzustand, einer der wichtigsten Indikatoren für die Vitalität eines Baumes. Dieser wird anhand der Kronenverlichtung beschrieben und in 5 %-Schritten erfasst: 0 % steht für eine vollständig belaubte Baumkrone, 100 % für einen abgestorbenen Baum ohne lebendes Blatt- oder Nadelmaterial. Ergänzend werden für jeden einzelnen Baum weitere Merkmale erfasst, darunter seine soziale Stellung im Bestand, der Stammdurchmesser, abgestorbene Kronenteile, Schädlingsbefall und die Samenbildung. So lässt sich die Entwicklung jedes untersuchten Baumes über die Jahre nachvollziehen und ein umfassendes Bild des Waldzustands gewinnen.

Aktuelle Lage

2026 stieg die mittlere Gesamtverlichtung aller Baumarten von 23.6 % im Vorjahr auf 25.1 %. Die Gesamtverlichtung ist der geschätzte Anteil an Blättern oder Nadeln, der einer Krone im Vergleich zu einem komplett gesunden Baum fehlt. Der Anstieg geht fast ausschliesslich auf die Laubbäume zurück: Ihre Verlichtung nahm von 24.8 im 2025 auf 29.7 % zu (Abb. 1). Damit erreicht sie wieder die Werte der Jahre 2022 und 2023, die auf den Hitze- und Trockensommer 2022 folgten. Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung in der jährlichen Veränderung der Verlichtung. Sie berücksichtigt nur Bäume, die sowohl im laufenden Jahr als auch im Vorjahr erfasst wurden, und ist daher unabhängig davon, ob Bäume aus dem Stichprobennetz ausgeschieden (Mortalität, Fällung) oder neu hinzugekommen sind (Einwuchs). Bei den Laubbäumen betrug diese Zunahme 6.3 Prozentpunkte, der zweitstärkste Anstieg seit Beginn der Erhebung der Gesamtverlichtung 1990 (Abb. 5). Die Verschlechterung folgt unmittelbar auf eine Erholung in den Jahren 2024 und 2025. Bei den Nadelbäumen hat sich der Kronenzustand dagegen wie schon in den Vorjahren kaum verändert.

Die Zunahme bei den Laubbäumen geht vor allem darauf zurück, dass viele bisher kaum verlichtete Kronen in höhere Verlichtungsbereiche gerückt sind (Abb. 2, oben). Der Anteil der Laubbäume in der tiefsten Verlichtungsklasse fiel von etwa 30 auf rund 12 %. In der Erholungsphase der beiden Vorjahre hatte der Anteil dieser sehr vitalen Bäume noch deutlich zugenommen.

Noch ausgeprägter als bei der Verlichtung fällt der Befund bei der Mortalität aus. 2026 starben 5.0 % der Laubbäume und 1.9 % aller Bäume, in beiden Fällen mehr als in jedem anderen Jahr der Messreihe. Der untere Teil von Abb. 2 zeigt, dass überwiegend Laubbäume betroffen waren, deren Krone bereits im Vorjahr deutlich geschädigt waren und deren längerfristige Überlebenswahrscheinlichkeit deshalb äusserst gering war (Hunziker et al., 2025). Betroffen waren allerdings auch einzelne Bäume mit mässiger Verlichtung. Der Anteil der Bäume in der höchsten Verlichtungsklasse von 80 bis 95 %, in der die meisten Bäume abstarben, nahm dennoch nicht ab, weil Bäume aus tieferen Klassen nachrückten.

Für die Einordnung dieser Zahlen ist der Zeitpunkt der Aufnahme wesentlich. Die Sanasilva-Inventur wird bewusst zu einem Zeitpunkt durchgeführt, an dem die Bäume noch möglichst voll belaubt sind. So lässt sich die Entwicklung der Vitalität zuverlässig interpretieren und kontinuierlich verfolgen. Im Verlauf des Sommers ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Abnahme der Belaubung normal, etwa infolge von Sturmereignissen oder Insektenfrass. Direkte Auswirkungen sommerlicher Trockenheit zeigen sich in der Regel noch nicht in der aktuellen Inventur, sondern erst im Folgejahr in Form einer verminderten Laubneubildung.

Im Jahr 2026 folgte auf den drittwärmsten Frühling der heisseste Sommer seit Messbeginn im Jahr 1864 (MeteoSchweiz 2026). Zusammen mit der aussergewöhnlichen Trockenheit hinterliess dies bereits ungewöhnlich früh deutliche Spuren im Wald. Die Verbraunung der Kronen und der Blattfall setzten in einzelnen Regionen so früh ein, dass sie in den Aufnahmezeitraum fielen; dasselbe war bereits 2022 der Fall. Besonders deutlich zeigt sich dies im verdichteten 8×8 km-Netz für Jura und Mittelland (Abb. 3), wo eine Fläche mit einer extremen Zunahme der Kronenverlichtung hervorsticht (dunkelrot eingefärbt).

Bei dieser Fläche handelt es sich um einen Lindenbestand in der Nähe von Twann am Jurasüdfuss. Die Region war eine der ersten, in der grossflächige Verbraunung und Blattfall beobachtet wurden. Abb. 4 zeigt die Situation am 2. Juli 2026: Die Kronen waren bereits weitgehend entlaubt, und der Boden war mit trockenem, teils noch grünem Laub bedeckt.

Neben diesem Extrembeispiel zeigt die Karte der Veränderungen von 2025-2026 auf nahezu allen Flächen eine Zunahme der Verlichtung, während dieselben Flächen im Jahr zuvor überwiegend eine Erholung aufwiesen (Abb. 3). Das stimmt gut mit der gesamtschweizerischen Auswertung auf dem 16×16 km-Netz überein. Neben der frühen Verbraunung dürften weitere Faktoren eine Rolle gespielt haben. So war die Samenbildung 2026 deutlich stärker als in den beiden Vorjahren: 37 % der Laubbäume trugen Samen, gegenüber 21 % im Jahr 2025 und 19 % im Jahr 2024; bei den Nadelbäumen fiel die Zunahme ähnlich aus. Eine starke Samenbildung geht mit einer lockereren Belaubung einher und erhöht die geschätzte Verlichtung. Dazu kommen die Bedingungen im letztjährigen Sommer, einem der wärmsten überhaupt, mit Hitzewellen im Juni und im August sowie regional über längere Zeit sehr wenig Niederschlag (MeteoSchweiz 2025). Solche Ereignisse führen, wenn sie ausgeprägt genug sind, oft zu einer erhöhten Kronenverlichtung im Folgejahr. Andere Ursachen, wie Insekten- oder Pilzbefall, dürften in diesem Jahr hingegen kaum einen nennenswerten Einfluss gehabt haben (Abb. 1).

Die beobachtete Verschlechterung bei den Laubbäumen geht also zumindest teilweise auf die unmittelbaren Auswirkungen des Sommers 2026 zurück. Wie stark die Trockenheit die Vitalität der Bäume tatsächlich beeinträchtigt, wird sich erst mit der Inventur 2027 besser beurteilen lassen. Die Folgen können sich zudem über mehrere Jahre hinziehen, etwa weil geschwächte Bäume anfälliger für Sekundärschäden wie den Befall durch Insekten werden. Neben möglichen direkten Folgen wie dem Absterben von Kronenteilen durch Embolien im Wassertransportsystem belastet der grossflächige frühe Laubfall die Bäume zusätzlich: Die Zeit für die Photosynthese verkürzt sich, und die Bäume verlieren wichtige Reservestoffe, die sie im Herbst normalerweise aus den Blättern zurückholen. Letzteres ist insbesonde für die Buche problematisch (Gessler et al. 2026).

Langfristige Entwicklung

Über die ganze Beobachtungsdauer haben sowohl die Gesamtverlichtung als auch die Verlichtung unbekannter Ursache signifikant zugenommen (Abb. 5). Der lineare Trend der Gesamtverlichtung steigt über alle Baumarten von 1990 bis 2026 um 4.0 Prozentpunkte. Bei den Laubbäumen verläuft er mit 7.9 Prozentpunkten doppelt so steil, bei den Nadelbäumen mit 2.3 Prozentpunkten deutlich flacher. Das geschah trotz der natürlichen und der forstlichen Anpassungen der Bestandesstruktur.

Die zeitliche Entwicklung verläuft dabei in starken Schwankungen. Die stärksten jährlichen Zunahmen folgen meist auf ein Extremereignis: 2000 nach dem Sturm Lothar vom Dezember 1999, der vor allem die Nadelbäume schädigte, sowie 2004 nach dem Hitzesommer 2003 und 2019 nach dem Hitzesommer 2018, die beide vor allem die Laubbäume betrafen. Ab etwa 2009 folgte eine mehrjährige Periode, in der sich der Kronenzustand Jahr für Jahr verschlechterte. Sie führte zu einem deutlichen Anstieg der mittleren Kronenverlichtung, und seither schwankt diese auf dem erhöhten Niveau.

Einige Entwicklungen zeigen sich ausschliesslich bei den Laubbäumen. Ihre Mortalität hat signifikant zugenommen, und der Anteil stark geschädigter Bäume mit 65 bis 95 % Verlichtung ist seit den frühen 2010er-Jahren markant gestiegen. Dazu kommt ein erhöhter Anteil abgestorbener Kronenteile, der in den letzten Jahren und besonders seit 2022 auffällt.

Beim Vergleich von Nadel- und Laubbäumen ist zu beachten, dass die beiden Gruppen räumlich sehr unterschiedlich verteilt sind. Die Nadelbäume der Inventur stehen im Mittel auf rund 1300 m ü. M., die Laubbäume auf rund 700 m. Die gemittelte jährliche Veränderung der Gesamtverlichtung hängt deutlich von der Höhenlage ab und fällt in tiefen Lagen wesentlich stärker aus als in hohen: Unterhalb von 1500 m ist die Zunahme im langjährigen Durchschnitt rund viermal so hoch wie oberhalb davon. Tiefe Lagen sind stärker von der zunehmenden Hitze und Trockenheit betroffen, was sich entsprechend auf die dort wachsenden Baumarten auswirkt.

Literatur

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