Interview mit Dr. Nadine Salzmann, Leiterin der Forschungseinheit «Alpine Umwelt und Naturgefahren» am SLF

Herzliche Gratulation zu deiner neuen Funktion als Leiterin der Forschungseinheit «Alpine Umwelt und Naturgefahren». Was interessiert dich an der neuen Aufgabe?

Nadine Salzmann: Die neue Forschungseinheit und das Forschungszentrum CERC treffen den Nerv der Zeit. Meiner Ansicht nach ist es genau da, wo man heute ansetzen muss, um Lösungen zu finden für die drängenden Fragen zur Klimaänderung im Gebirge. Für mich persönlich und von der Sache her ist es der richtige Zeitpunkt für diesen Aufbruch.

Mir kommt entgegen, dass die neue Einheit sehr interdisziplinär angelegt ist.  Ich hatte in meiner Forschung immer das ganze Kryosphären-Atmosphären-System im Blick, habe mich aber auch mit den Auswirkungen der Klimaänderung auf Ökosysteme und die Menschen auseinandergesetzt, sowie mich mit Anpassungsstrategien beschäftigt, vor allem betreffend Risiken und Gefahren im Gebirge aber auch bezüglich der Wassernutzung «downstream».

Kannst du uns deine Interessen noch etwas genauer erläutern?

Von Haus aus bin ich Geographin, mit Schwerpunkt Kryosphäre und Atmosphäre/Klima. Ich habe mich also viel mit Permafrost und Gletschern befasst. Dadurch bin ich dann unter anderem auch beim Schnee gelandet. Mir war schon immer wichtig einen starken Link zur Klimaforschungs-Community zu haben. In meiner eigenen Arbeit habe ich viel modelliert, aber auch selber viel Feldarbeit gemacht. Zudem war ich immer wieder in angewandten Projekten involviert, z. B. in Projekten zu Klimaanpassungsmassnahmen im Himalaya und in den Anden, die ich oft mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA des Bundes durchgeführt habe. Daher kenne ich einen Grossteil der Methoden, die in der neuen FE vertreten sind. Ich sehe mich selber als Generalistin, die aber doch genügend tiefes Fachwissen hat, um Links zwischen den verschiedenen Gebieten herzustellen.

Hattest du in deiner bisherigen Arbeit schon Berührungspunkte mit dem SLF?

Bisher hatte ich nicht so viele Berührungspunkte, am meisten mit den Themen Permafrost und Schnee. So habe ich mit Marcia Phillips an einem Sinergia-Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) über Permafrost im Alpenraum geforscht. Mit Michael Lehning habe ich ebenfalls schon zusammengearbeitet. Dann aber auch mit Massimiliano Zappa von der WSL in Birmensdorf in einem Klimaanpassungsprojekt der DEZA in Peru. Ausserdem war ich während meiner Doktorarbeit im Mentoringprogramm «FrauSchafftWissen» engagiert, wo ich die Gelegenheit hatte, mit verschiedenen WSL-Frauen zusammenzuarbeiten.

Was wirst du von deiner bisherigen Forschung ans SLF mitbringen?

Ich möchte sicher die Schneemessungen mit Cosmic-Ray-Sensoren weiterführen. Dann bringe ich natürlich mein Netzwerk ein z. B. zur Radar-Fernerkundung oder zu Klimarisiken und -anpassung. Ein weiteres Thema, das ich mitbringen möchte, ist die Forschung zu Extremereignissen und zu sogenannten «Compound Extreme Events», also verketteten Ereignissen wie zum Beispiel den Auswirkungen von mehrjähriger Trockenheit kombiniert mit Hitzewellen und Sturm auf die Funktion des Schutzwaldes. In diesem Bereich haben wir ein Projekt mit dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) und dem SNF am Laufen.

Ich denke, dass es noch viel Potenzial gibt für Zusammenarbeit in den Gebieten Permafrost und Schneehydrologie mit Links zu Wetter- und Klimaextremen. Hier kommt mir entgegen, dass ich seit meiner Doktorarbeit stark mit Klimamodellierinnen und -modellierern zusammengearbeitet habe. Es ist mir ein wichtiges Anliegen die Klimakomponente ins Prozessverständnis zu integrieren. Wir sollten also nicht nur Einzelereignisse betrachten, sondern vor allem versuchen die Prozesse und deren Dynamik kurz und langfristig besser zu verstehen.

Welche Vision hast du für die neue FE?

Ich wünsche mir, dass wir einen offene, agile und «lässige» FE sind, die auch von aussen so wahrgenommen wird. Die FE arbeitet schon sehr gut zusammen. Mir ist wichtig, dass wir innerhalb des CERC und zusammen mit dem CERC eine starke Einheit aufbauen. Darüber hinaus will ich auch die Zusammenarbeit mit der gesamten WSL, mit den Institutionen im ETH-Bereich, sowie Universitäten und anderen Forschungsinstituten pflegen. Wichtig wird dabei sicher auch die Zusammenarbeit mit Alpole im Wallis, aber auch ähnlichen Institution im Ausland, zum Beispiel in Innsbruck, oder in Norwegen, den USA und Asien.

Mir ist also einerseits der internationale Austausch wichtig, anderseits lege ich aber auch Wert auf die lokale und regionale Verankerung in Davos und im Kanton Graubünden. Eine meiner Stärken ist, dass ich wenig Berührungsängste habe. Wir sollten ein Haus sein, das offen ist für die Zusammenarbeit und den Austausch mit Behörden und der Bevölkerung.

Im Weiteren soll meine FE auch Fragen angehen, die gerade (noch) als zu gross und komplex erscheinen, oder gar noch nicht auf dem Tisch liegen. Wir müssen versuchen, immer einen Schritt vorauszudenken. Mir ist bewusst, dass es dafür Zeit und Musse braucht, erwarte von meinen Mitarbeitenden aber auch die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Aus meiner Sicht sind die interdisziplinären Fragen die interessantesten Forschungsthemen. Und Interdisziplinarität ist der Schlüssel, um die aktuellen Probleme zu lösen. 

Wie stellst du dir die Zusammenarbeit mit internen und externen Partnern vor?

Ich möchte, dass wir eine integrierende FE sind. Mein Eindruck ist, dass der Austausch innerhalb des SLF schon gut läuft. Durch die Gruppe von Peter Bebi sind wir auch gut mit den «grünen» FEs an der WSL vernetzt. Die Forschenden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der WSL möchte ich gerne besser kennen lernen und sie für unsere Projekte an Bord holen. Das CERC als Ganzes forciert ja die Zusammenarbeit ebenfalls. Ich stelle mir vor, dass Davos zu einem Ort des Austauschs wird. Wir könnten zum Beispiel eine Seminarreihe aufbauen oder themenspezifische «Think Tanks», um diesen Austausch zu fördern.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Was bedeutet es für dich, in Zukunft in Davos zu leben und zu arbeiten?

Ich finde es grossartig. Ich freue mich extrem über diese Chance. Ich liebe die Berge. Sie geben mir extrem viel und ich bin möglichst oft dort. Obwohl ich bisher mit Luzern und Boulder (Colorado) immer an schönen Orten gewohnt habe, ist es eine geniale Chance für mich, nun direkt in den Bergen leben und arbeiten zu können.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir einen guten Start am SLF.

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