09.06.2026 | Beate Kittl | WSL News
Windräder liefern klimafreundlichen Strom, können aber Zugvögel gefährden. Eine von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL geleitete Studie zeigt nun, dass sich mit Hilfe von Wetterradar-Daten das Risiko für Kollisionen mit nur geringen Einbussen bei der Stromproduktion mindern liesse: Durch gezielte Abschaltungen, wenn besonders viele Vögel unterwegs sind.
- Forschende der WSL nutzten Wetterradare, um Vogelzüge in Echtzeit zu erfassen und Risiken für Kollisionen mit Windrädern abzuschätzen.
- Gezielte Abschaltungen während viele Vögel unterwegs sind, könnten viele Zusammenstösse verhindern.
- Dabei ginge nur wenig Stromproduktion verloren.
Wie viele Vögel kollidieren mit Windrädern? Auf dem Festland der USA sind es jährlich geschätzt 140'000 bis 330'000, für Europa fehlen jedoch Schätzungen, insbesondere für Zugvögel während ihrer nächtlichen Wanderungen. Es gibt bereits Massnahmen, etwa Turbinen während starker Zugbewegungen abzuschalten – in einer einzigen Herbstnacht können in Europa schätzungsweise 188 Millionen Vögel gleichzeitig unterwegs sein. Am Gotthardpass – einem Zugkorridor, den jährlich 1,7 Millionen Zugvögel nutzen – schalten sich die Turbinen ab, wenn ein lokaler Vogelradar viele Vögel registriert. Dadurch lassen sich potenzielle Kollisionen reduzieren. Doch in Europa sollen in den nächsten Jahren rund 25'000 neue Windturbinen gebaut werden, um die Emissionsziele zu erreichen. Auch wenn die Zahl der jährlich getöteten Vögel unbekannt ist, wird die Gefährdung von Zugvögeln weiter zunehmen, und die gehen weltweit bereits stark zurück. Das erfordert automatisierte und skalierbare Überwachungsmethoden, die auf deutlich grossräumiger funktionieren.
Vögel statt Wetter beobachten ¶
Um diese Herausforderungen anzugehen, nutzt das Team um Biodiversitätsforscherin Silke Bauer von der WSL Daten von Wetterradaren, die über den Kontinent verteilt sind und normalerweise Niederschlags- und Wolkenintensität in der Atmosphäre messen. Diese Radarsysteme erfassen jedoch auch die Bewegungen von Vogelschwärmen - und decken dabei wesentlich grössere Flächen ab als spezialisierte Vogelradare. Zudem liegen Wetterradar-Daten in hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung vor, mit Messungen etwa alle 15 Minuten.
In der aktuellen, in Nature Sustainability veröffentlichten Studie, wertete das Forschungsteam Wetterradar-Daten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande und Luxemburg aus. Dort befinden sich rund 42'000 Windturbinen, die im Untersuchungsjahr 2018 circa 718 Petajoule Energie erzeugten – das entspricht etwa der Jahresproduktion von 18 Kernkraftwerken. Mithilfe der Daten von 37 Wetterradaren und aufwendigen statistischen Analysen schätzten die Forschenden die Anzahl Vögel ab, die 2018 potenziell mit den Rotorblättern hätten kollidieren können. Im Durchschnitt galten fast 800 Vögel pro Turbine als gefährdet.
Nur geringe Einbussen bei der Stromproduktion ¶
Anschliessend modellierten die Forschenden verschiedene Abschaltszenarien durch, mit denen entweder 50 oder 90 Prozent der potenziellen Kollisionen vermieden werden sollten. In einem Szenario wurden die Turbinen im Zeitraum des stärksten Vogelzugs abgeschaltet. Im zweiten Szenario stoppten die Anlagen immer dann, wenn die Vogeldichte in der Umgebung einen bestimmten Schwellenwert überschritt. Im dritten Fall schalteten die Turbinen ab, wenn die Zahl potenzieller Kollisionen pro erzeugbare Kilowattstunde Strom einen definierten Grenzwert überschritt.
Die beiden ersten Szenarien sind für Betreiber weniger attraktiv, denn sie reduzieren die Stromproduktion je nach Zielsetzung beim Vogelschutz um zwei bis 20 Prozent. Im dritten Szenario jedoch verlören die Betreiber lediglich 1,2 respektive 7,6 Prozent Strom – erstaunlich wenig angesichts der recht groben Annahmen der Studie. «Überraschend effiziente Kompromisse sind möglich, bei denen nur wenig Energieproduktion verloren geht», stellt Bauer fest. Sie möchte nun die Berechnungen auf ganz Europa und auf längere Zeiträume ausweiten.
Der halbjährliche Vogelzug ist ein wichtiger Teil der biologischen Vielfalt. Da der Grossteil der Migration in einem relativ engen Zeitfenster stattfinden und die Spitzen dieser Bewegungen auf relativ kurze Phasen konzentriert sind, könnten zeitlich begrenzte und somit kostengünstige Beschränkung der Windkraftproduktion ausreichen. Zu erreichen ist dies laut der Forschenden am ehesten über länderübergreifende Regelungen und Koordination – sowohl zum Schutz der Zugvögel als auch um die Klimaziele zu erreichen.
«Viele Menschen lehnen Windturbinen ab, weil sie glauben, dass diese eine enorme Menge an Vögeln töten», sagt Bauer. «Ich möchte nachhaltige Energieproduktion und Vogelschutz vereinbaren und aufzeigen, dass es Strategien gibt, um die Zahl gefährdeter Vögel zu reduzieren.»
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