Schwanengesang der Gletscher

Am 29. Juni werden die Schneereserven der Schweizer Gletscher aufgebraucht sein. Sie verlieren dann mit jedem Liter Schmelzwasser an Substanz  – es ist Gletscherschwundtag. 200 Quadratkilometer Eis, eine Fläche fast so gross wie der Kanton Zug, sind allein zwischen den Extremjahren 2003 und 2022 verschwunden. Das zeigt sich im Schmelzwasservolumen, wie Analysen der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zeigen: Obwohl der Eisschwund im Sommer 2022 stärker war als 2003, floss weniger Wasser aus den Gletschern ab.

  • Am 29. Juni ist Gletscherschwundtag, der Tag, ab dem die Gletscher mit jedem Liter Schmelzwasser an Eisvolumen verlieren.
  • Der bisherige Verlauf der Gletscherschmelze ist jener im Jahr 2022 dicht auf den Fersen – der schlimmsten bisher in der Schweiz gemessenen.
  • Der Verlust an Gletscherfläche macht sich bereits in der Menge des Wassers bemerkbar, das in Extremjahren von den Gletschern kommt.

Das Jahr hat für die Schweizer Gletscher nicht gut angefangen und geht noch schlechter weiter: Die Schneedecke auf ihnen war im April teils rekordtief oder bestenfalls, für einzelne Gletscher, durchschnittlich. Im März blies es Saharastaub in die Schweiz, und zurzeit schmort die Schweiz unter einer Hitzewelle. Die Folge: Das Eis schmilzt extrem und bereits am 29. Juni ist Gletscherschwundtag (Glacier Loss Day), der Tag, von dem an alles Schmelzen an die Substanz geht. Was noch an Schnee auf dem Gletscher liegt, und ihn «füttern» könnte, ist durch das Schmelzen in den tiefer liegenden Bereichen bereits ausgeglichen und jeder heisse Tag führt unmittelbar zu einer Abnahme des Eisvolumens.

Im Jahr 2022 lag dieser Tag noch ein paar Tage früher, am 26. Juni. Auch damals hatte es im Winter wenig geschneit, und mit drei Hitzewellen war das Jahr in der Schweiz (bislang) das wärmste seit Messbeginn 1864. Die Sommertemperaturen waren nur im Hitzesommer 2003 höher. Die Gletscher schmolzen 2022 stärker als jemals zuvor – übers ganze Jahr hinweg verloren sie rund sechs Prozent ihrer Masse. In der aktuellen Hitzewelle scheint es, als wäre ihm dieses Jahr dicht auf den Fersen (siehe Grafik).

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Der Claridenfirn (GL) war im September 2025 komplett schneefrei. (Foto: M. Huss)
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Glaziologen auf dem Grossen Aletschgletscher (VS). Dieses Jahr blieb im oberen Teil des Gletschers noch Schnee aus dem Winter erhalten. Die im Schatten liegende Zunge ist jedoch wiederum massiv geschmolzen. (Foto: R. Moser)
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Das Gletschertor am Vadret da Morteratsch (GR) ist riesig, aber durch herabstürzende Eisblöcke instabil. (Foto: L. Hösli)
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Nachbohren eines Pegels zur Bestimmung der Massenbilanz auf dem Glatscher da Medel (GR). (Foto: L. Hösli)
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Setzen eines Pegels zur Bestimmung der Massenbilanz auf dem oberen Teil des Glatscher da Medel (GR). (Foto: L. Hösli)
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Im südlichen Wallis, wie hier am Findelgletscher bei Zermatt, blieb der Winterschnee oberhalb rund 3300 m über Meer erhalten, wodurch die Gletscher in grossen Höhen doch noch etwas neues Eis bilden konnten. (Foto: M. Huss)
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Der Griesgletscher (VS) litt 2025 wiederum stark. Die Gletscherzunge fällt in sich zusammen. (Foto: M. Huss)
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Schon Ende Juni 2025 waren die Gletscherzungen vielerorts schneefrei, wie hier am Vadret da Morteratsch (GR), und die Eisschmelze setzte aussergewöhnlich früh ein. (Foto: M. Huss)
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An verschiedenen Stellen in den Alpen bildeten sich eindrückliche Eishöhlen unter dem Gletscher. (Foto: M. Huss)
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Eishöhlen bieten ein eindrückliches Farbenspiel, sind aber ein Ausdruck von Zerfallsprozessen im Innern der Gletscher und oft stark einsturzgefährdet. (Foto: M. Huss)
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Der ehemalige Gletscher bei der Diavolezza (GR) verschwand vor etwa 15 Jahren vollständig, ist nun aber der einzige Schweizer «Gletscher», der für den Skibetrieb ausschliesslich dank Snow-Farming und Abdeckung in einer unnatürlichen Form erhalten wird. (Foto: A. Linsbauer)
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Unzählige kleine Gletscher verschwinden. Am Lai Verd beim Lukmanierpass (GR) ist vom ehemals ansehnlichen Gletscher, der in den 1990er Jahren noch den See erreichte, nur noch ein winziger Rest übrig. (Foto: L. Hösli)
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Die zerrissene und aufgewölbte Zunge des Birchgletschers (VS) einige Monate vor der Fels-Eis-Lawine, die Blatten verschüttete. (Foto: L. Hösli)
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Der Messpegel auf dem Claridenfirn (GL) wird seit mittlerweile 111 Jahren an demselben Ort erhalten – die Messreihe ist so lang wie sonst nirgends weltweit. Aufgrund grosser Schneemengen war der Standort bis jetzt fast immer im Nährgebiet des Gletschers. Relevante Verluste fanden nur 2022, 2023 und 2025 statt. (Foto: M. Huss)
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Der See vor dem Rhonegletscher (VS) wächst durch den Rückgang rapide an. (Foto: M. Huss)
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Der Betrieb der künstlichen Eisgrotte am Rhonegletscher (VS) musste diesen Sommer aufgegeben werden: Der durch Tücher geschützte und schon lange nicht mehr mit dem Gletscher verbundene Eisblock wurde zu klein. (Foto: M. Huss)
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Nachbohren eines Pegels zur Bestimmung der Massenbilanz auf dem Vadret dal Murtèl. (Foto: M. Huss)
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Messinstallation zur Bestimmung der Schneemenge und der Schmelze in Echtzeit unter dem Piz Palü auf dem Vadret Pers (GR). (Foto: A. Linsbauer)
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Rückgang des Griesgletschers (VS) zwischen 1919 und 2025. (Foto: swisstopo / VAW-ETH Zürich)
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Verschwinden des Pizolgletschers (SG) zwischen 2006 und 2025. (Foto: M. Huss)
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Rückgang der Zunge des Rhonegletschers (VS) zwischen 2022 und 2025. (Foto: enlaps / VAW-ETH Zürich)
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Verschwinden des Vadret da Triazza (GR) zwischen 1936 und 2025. (Foto: swisstopo / VAW-ETH Zürich)
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Landschaftsveränderungen zwischen 1927 und 2025 im Lötschental nach dem Abbruch des Birchgletschers (VS). (Foto: swisstopo / VAW-ETH Zürich)

Das starke Schmelzen hat auch etwas Gutes: Das Wasser der Gletscher hilft, sinkende Wasserstände und steigende Wassertemperaturen abzufedern, zumindest, solange es noch genügend Gletscherfläche gibt. In Extremjahren – also dann, wenn es am nötigsten ist – könnte sich der Gletscherschwund allerdings bereits bemerkbar machen. Wie Forschende der Eidg. Forschungsanstalt WSL zeigen, trug das Schmelzwasser der Gletscher zwischen Juni und August 2022 in den meisten untersuchten Einzugsgebieten weniger zum Abfluss bei als in den drei Sommermonaten 2003 – und das, obwohl die Gletscher 2022 viel stärker schmolzen.

«Der Rückgang der Eisfläche macht sich schon eindeutig bemerkbar», sagt Matthias Huss, Glaziologe an der WSL und der ETH Zürich. Noch ist die Reduktion des Schmelzwassers im Vergleich von 2003 und 2022 aber ein Einzelfall: «Die Schmelzraten, die seit 2022 jedes Jahr extrem hoch waren und auch im mehrjährigen Mittel seit 2003 deutlich steigen, verbergen diesen Effekt zurzeit noch.» Deshalb beobachten die Forschenden zurzeit noch keinen Rückgang des Schmelzwassers. Das werde aber nur noch eine beschränkte Zeit anhalten, warnt Huss – bis die Eismassen so klein geworden sind, dass selbst extreme Schmelzraten den Verlust an Masse nicht mehr auffangen können.

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