Wisente: Rinde von Edelholz ist beliebt

Im solothurnischen Jura sollen Wisente schrittweise und eng wissenschaftlich begleitet wieder angesiedelt werden. Forschende der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL haben unter anderem untersucht, welchen Einfluss die Tiere auf die Baumverjüngung und die Waldbäume in ihrem Gehege hatten – mit überraschendem Ergebnis.

  • WSL-Forschende haben den Einfluss einer Wisentherde auf die Waldbäume in deren Gehege untersucht.
  • Seit die Wildrinder im Gehege leben, werden dort weniger Bäume von Wildtieren verbissen als vorher.
  • Die Wisente haben während der zweieinhalbjährigen Beobachtungszeit etwa zehn Prozent der Bäume im Wald geschält, aber nur wenige um mehr als die Hälfte deren Umfangs.

Wisente (Bison bonasus) gibt es in der Schweiz bis anhin nur in Gehegen. Eines davon steht auf der Sollmatt (SO). Die kleine Herde, die darin gehalten wird, möchte der Verein Wisent im Thal dort, im solothurnischen Jura, schrittweise auswildern. Zurzeit lebt sie in einem rund 100 Hektar grossen Gehege, das Wald und Wiesenflächen umfasst und Besuchenden offensteht. WSL-Forschende begleiten das Projekt mit wissenschaftlichen Untersuchungen – sowohl mit Umfragen, was die Akzeptanz der Bevölkerung für die Tiere angeht, als auch mit Studien zu möglichen Folgen der Wiederansiedelung für die Forstwirtschaft. 

Rinde und junge Triebe

WSL-Biologin Andrea Kupferschmid analysierte, von wie vielen Bäumen im Wald die Wisente entweder die Rinde oder junge Triebe fressen. Verbeissen nennen die Fachleute letzteres. Auf der Sollmatt waren es vor der Ankunft der Wisente Rehe und Gämsen, die an den Bäumen frassen. Beide Arten gehen noch immer im Gehege ein und aus, wie Wildkameras zeigen – der Zaun stellt für sie kein Hindernis dar. «Seit die Wisente im Gehege leben, sind aber trotzdem weniger Bäume verbissen als vorher», sagt Kupferschmid. Das kleinere Wild hat offenbar sein Fressverhalten geändert. «Warum, ist unklar», sagt Kupferschmid.

Allerdings: Während die Biologin insgesamt weniger verbissene Bäumchen zählte, war die Verbissstärke bei den betroffenen Bäumen grösser. Der Grund dürfte laut der Forscherin mechanisch sein: Wisente haben grössere Mäuler als Rehe und Gämsen und nehmen entsprechend grössere Bissen. Zudem ist der Anteil verbissener Buchen gestiegen, warum, ist unklar.

Weniger Verbiss

Der Verbiss ist seit der Ankunft der Wisente also nicht häufiger geworden, weshalb die Forscherin den Einfluss der Tiere auf die Baumverjüngung als wirtschaftlich tragbar einstuft: «Die Lage diesbezüglich hat sich ja nicht geändert.» Anders ist das bei einem anderen für Waldbesitzer problematischem Verhalten, dem Schälen. Gemeint ist, dass Tiere die Rinde von den Bäumen in langen Streifen abziehen und fressen.

«Die entstehenden Verletzungen können Einfallsherde für Infektionen sein», erklärt Kupferschmid. Die meistens Bäume überleben zwar die Schälung. Aber Infektionen entwerten das betroffene Holz, weil sie als Verfärbung darin sichtbar sind. Während der zweieinhalbjährigen Beobachtungsphase schälten die Wisente laut der Forscherin etwa zehn Prozent der Bäume im Wald. Das sind deutlich mehr als vor Ankunft der Wildrinder, da Reh und Gämse nicht schälen. Rothitsche, die ebenfalls Rinde fressen, sind im Gebiet selten.

ie meisten der im Gehege geschälten Bäume waren dünn, mit einem Durchmesser von unter 12 Zentimetern auf Brusthöhe eines Menschen. Buchen, Fichten und Tannen wurden, wenn überhaupt, nur sehr wenig geschält. Nur bei zehn Prozent der geschälten Waldbäume betraf die Schälwunde mehr als die Hälfte von deren Umfang.

Beliebtes Edelholz

«Es kann sein, dass die höhere Wisentdichte in der Sollmatt das Ausmass der Schälaktivität beeinflusste», sagt Kupferschmied. Denn im Gehege leben deutlich mehr Wisente pro Hektare als in natürlichen Populationen. Besonders gerne frassen die Wisente dort die Rinde dünnstämmiger Exemplare von Edellaubhölzern wie Bergahorn, Ulme, Esche oder Mehlbeere. Nadelbäume sowie ältere Bergahone mit bereits dickerer Rinde verschmähten sie weitgehend.

Problematisch könne das werden, wenn viel Wertholz im Wald stünde, so die Forscherin. Das sei in der Sollmatt nicht der Fall, dort ist das meiste Brennholz. «Allerdings sind einige der gern gefressenen Baumarten im solothurnischen Jura solche, die aufgrund ihrer besseren Anpassung an wärmere und trockenere Bedingungen unter zukünftigen Klimabedingungen besonders wichtig werden könnten», sagt Kupferschmied. «Deshalb sollte man den Einfluss der Tiere auf diese weiter beobachten.»

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