Saaten mit Keimhilfen

Seit 1985 sind Saatverfahren mit Keimhilfen für die Gebirgswaldverjüngung in der praktischen Erprobung. Dieses System kann eine Ergänzung zur Naturverjüngung und eine Alternative zu herkömmlichen Methoden wie Pflanzungen mit Nacktwurzlern oder Topfpflanzen sein. Bei Bestockungsversuchen mit Direktsaaten ohne Keimhilfen war der Erfolg in der Vergangenheit bescheiden. Der Verbrauch an wertvollem Hochlagensaatgut war zu gross. Dagegen zeigten Saatversuche mit Keimhilfen deutlich bessere Resultate (siehe Wald und Holz (1990) Nr. 4: 24-29).

Kleine, kegelförmige Treibhäuschen aus zersetzbarem Kunstoff verbessern die Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse für den Keimungsvorgang. Samen und Keimlinge werden geschützt vor Frost, Hagel, sowie vor Frass durch Vögel, Mäuse, Schnecken und Insekten. Nach zwei bis drei Vegetationsperioden zersetzen sich die Keimhilfen unter dem Einfluss von UV-Strahlung ohne Rückstände. Schnelles Handeln bringt enorme Vorteile Ein grosser Vorteil von Direktsaaten sind Einsparungen durch den Wegfall aller Nachzucht-, Transport- und Pflanzarbeiten. Dadurch wird es möglich, schon im Frühjahr zum Beispiel nach einer Holzernte mit der Waldverjüngung zu beginnen. Der Vorteil von noch vegetationsarmen Saatplätzen sollte unbedingt ausgenützt werden. Bis die Vegetation die Bodenoberfläche abschirmt, können mehrere Jahre vergehen, und die Sämlinge können mit wenig Pflegeaufwand aus der Krautschicht entwachsen.

Wo können Saaten eine Alternative zu Pflanzungen sein?

  • In Bestandeslücken mit wenig Schlagflora, da wo genügend Licht und Wärme den Boden erreicht. An extrem, heissen Südhängen sind Mulden und überschattende Standorte vorzuziehen.
  • Nach Waldbrand fehlt die Vegetation, je nach Brandintensität stellenweise Streu- und Humusschicht. Die Bodenverhältnisse (Mineralerde) für Direktsaaten sind auch ohne aufwendige Bodenbearbeitung hervorragend. Bei genügend Feuchtigkeit im Frühjahr bringen Saaten mit Lärche und Föhre sehr gute Ergebnisse.
  • Nach Windwurf finden wir auf Kahl- und Streuflächen ideale Kleinstandorte für Saaten vor.

Vorteile einer Direktsaat

  • Grosse Einsparungen durch den Wegfall aller Nachzucht-, Transport- und Pflanzarbeiten.
  • Ausbildung eines an die lokalen Nährstoff- und Wasserverhältmnisse angepassten Wurzelwerkes.
  • Ein an die Gelände- und Bodenverhältnisse nach Form und Lage angepasstes Wurzelsystem, welches den mechanischen Beanspruchungen gerecht wird.
  • Klimatisch angepasste Sämlinge für die entsprechenden Kleinstandorte.
  • Kontinuierliches Wachstum ohne Wurzelschnitt, Wurzeldeformationen und Verpflanzungsschock.
  • Anwendung auf flachgründigen Böden möglich.
  • Geringer Arbeitsaufwand bei der Anlage.

Gefahren für die Kegel

  • Ausspülung bei starken Regenfällen.
  • Schneegleiten an Südhängen mit mehr als 30° Neigung.
  • Wildtritt entlang von Wildwechseln und Grabtätigkeit durch Mäuse.
  • Kuppen mit extrem starkem Wind (Föhntäler).
  • Frosthebung während den Wintermonaten.
  • Überdeckung durch Erde, Steine oder Astmaterial.
 

Mit Hilfe einer Pendelhaue/Wiedehopfhaue wird der Boden leicht geschürft. Dieser Arbeitsvorgang entfernt Steine, Äste und kleine Wurzeln, lockert das Erdmaterial auf und beseitigt störende Vegetation. Die Keimhilfen können so leichter in den Boden gedrückt werden.

So wird gesät

  • Zeitpunkt: Im Frühling möglichst gleich nach der Ausaperung.
  • Nicht bei Regenwetter sähen, da bei Nässe die Samen im Saatstock kleben bleiben.
  • Günstige Kleinstandorte bestimmen: Saaten anordnen um Baumstrünke, Geländeerhöhungen, liegende Stämme, Steine.
  • Mächtige Streu- und Rohhumusauflagen müssen entfernt werden.
  • Bei stark verkrauteten Saatplätzen ist die Vegetation zu schälen.
  • Kleine horizontale Standflächen mit Wiedehopfhaue oder Schuh schaffen.
  • Kegel unter leichter Drehbewegung mit dem Saatstock satt in den vorbereiteten Boden drücken (am besten in die humushaltige Mineralerde).
  • Auslösemechanismus betätigen, bis die gewünschte Anzahl keimfähiger Samen in den Kegel fällt.

Richtiges Verankern der Keimhilfen im Boden

Die Keimhilfen erfüllen ihre Funktion nur, wenn sie die Keimlinge/Sämlinge zwei Jahre schützten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie fachgerecht im Boden verankert werden. Je nach Bodenbeschaffenheit ist dies nicht einfach und erfordert eine gewisse Erfahrung. Steine, Wurzeln, Äste, oder Vegetation können ein ideales Setzen der Keimhilfen verhindern. In solchen Fällen lohnt es sich, eine neue Saatstelle zu suchen, bis der Kegel satt im Boden sitzt. Es muss Druck mit einer Drehbewegung auf den Saatstock ausgeübt werden, bis der untere Rand der Keimhilfen ca. 2 cm tief im Boden steckt. Mit dem Schuh oder der Hand können die Keimhilfen im lockeren Boden angedrückt werden. Im Frühjahr kurz nach der Schneeschmelze ist der Boden noch weich und feucht. Für das Stecken der Keimhilfen sind das ideale Verhältnisse.

Vergleich zwischen Saaten mit und ohne Keimhilfen

Bei einer Testreihe welche wir 1985 starteten, (2000 Keimhilfen und 2000 Nullproben) sind deutlich mehr Samen in den Keimhilfen gekeimt und angewachsen als in den Vergleichsproben ohne Keimhilfen. Gemittelt über die Baumarten Bergföhre, Fichte und Lärche waren im Herbst nach der Saat 79 Prozent der Keimhilfen mit mindestens einem Sämling besetzt, bei den Nullproben dagegen nur 31 Prozent. In den folgenden Jahren hatten die Normalsaaten grössere Ausfälle als die Saaten mit Keimhilfen.

Wachstum der Saaten

Föhre und Lärche

Der Zuwachs der Saaten ist auf vergleichbaren Standorten gleich gross wie im Pflanzgarten (ohne Düngung und Bewässerung). In tiefen Lagen (Balzers 600 m ü. M.) erreichen die schnell wüchsigen Baumarten (Lärche und Föhre) nach 4 bis 5 Jahren einen Meter Höhe. In der Waldbrandfläche Müstair (2000-2200 m. ü. M.) erreichten Lärche und Bergföhre erst nach 10-12 Jahren die Höhe von einem Meter. Im Gegensatz zu vergleichbar gepflanzten Nacktwurzlern, erlitten die aus den Saaten hervorgegangenen Pflanzen keinen Pflanzschock. Durch das kontinuierliche Wachstum ist der Höhenunterschied nach 10 Jahren im Vergleich zu gepflanzten Bäumen gering.

Fichte

Der Zuwachs von Fichtensaaten ist deutlich geringer als bei Föhren- und Lärchensaaten. Über eine Zeitspanne von 10 Jahren haben die Bäume in tiefen Lagen einen Meter Höhe erreicht. Auf subalpinen Standorten braucht die Fichten bis 20 Jahre, um die gleiche Höhe zu erreichen. Der Standort und die entsprechende Pflege der Saaten in den ersten Jahren, sind entscheidend für das Höhenwachstum.

Saaten brauchen Pflege und Schutz

Um die Saatplätze besser wieder zu finden, ist es ratsam, im Zentrum einen Holzpfahl zu schlagen. In den ersten Jahren nach der Saat sind Kontrollgänge im Frühjahr und Herbst nötig. Äste und liegen gebliebenes Holz können im steilen Gelände die Keimhilfen umkippen. An Hängen mit zu erwartender Schneebewegung (Schneegleiten) sind die Keimhilfen nur im Schutze von Stöcken, Wurzeln und Steinen sicher. Die Sämlinge werden gerne abgefressen, wenn sie aus den Keimhilfen wachsen. Darum ist nach 2-3 Jahren ein chemischer Wildschutz nötig. Besser ist natürlich ein Zaun, falls dies die örtlichen Gegebenheiten ermöglichen.

Mit der Vegetation können die Feuchtigkeit und Lichtverhältnisse reguliert werden. Je nach Standort der Saat muss entschieden werden, ob das Schneiden der Vegetation nötig ist. Bewährt hat sich das Abschneiden der Vegetation auf ca. 20 cm Höhe. Das verhindert auf sonnigen Standorten das Austrocknen des Bodens. Manchmal genügt das Ausreissen von einigen bedrängenden Gras- und Krautarten.

Hohe Arbeitsleistung

Genaue Angaben über die Arbeitsleistung sind wegen den sehr unterschiedlichen Verhältnissen auf potentiellen Saatplätzen schwer zu machen. Als Richtzeit darf man von 240 Keimhilfen pro Stunde (ohne Bodenbearbeitung) ausgehen. Bei 2400 Keimhilfen pro Hektare ist mit 10 Stunden reiner Saatarbeit zu rechnen.

Mit zunehmender Erfahrung mehr Erfolg

Wer schon mit Saaten gearbeitet hat, weiss, dass ein Gelingen von vielen Faktoren abhängt. Es gibt Jahre, in denen wir Erfolg haben. Bei einer Wiederholung im kommenden Jahr mit dem gleichen Saatgut können die Resultate bescheiden ausfallen. Die klimatischen Bedingungen im Verlaufe der ersten Vegetationsperiode sind entscheidend für das Gelingen einer Freilandsaat. Diesen jährlichen Schwankungen sind Keimlinge ohne Keimhilfen deutlich stärker ausgesetzt.

Nur Samen hoher Qualität verwenden

Das Gelingen von Freilandsaaten hängt im grossem Masse von der Qualität des Saatgutes ab. Unterschiede zwischen Provenienzen können und müssen berücksichtigt werden. Die Keimkraft des geernteten oder zugekauften Saatgutes sollte hoch sein. Die Dosierung am Saatstock ist so einzustellen, dass 3-4 keimfähige Samen in einen gesteckten Kegel fallen. Der Verbrauch an hochwertigem Saatgut ist damit gering. Wenn zu viele Samen in eine Keimhilfe fallen, konkurrenzieren sich die Keimlinge/Sämlinge gegenseitig, was zu Wachstumseinbussen und erhöhten Ausfällen führt.

Benötigte Menge von Saatgut pro ha

Baumart Keimkraft % Samenmenge
Fichte 90% 90 Gramm
Bergföhre 80% 70 Gramm
Lärche 40% 120 Gramm

Publikationen

  • Walter Schönenberger, Ueli Wasem (1990) "Mehr Keimlinge dank Plastikkegel", Baumsaaten mit Keimhilfen im Gebirgswald (Wald und Holz (1990) 4: 24- 29)
  • Michael Bauer (1993) "Das Saatverfahren CERKON - ein Hochlagenversuch mit Keimhilfen in Trin/Graubünden/Schweiz"
  • Silke Hartmann, Karl-Heinz Knollmüller (1999) "Saatversuche mit Fichte, Kiefer und Tanne in den Chiemgauer Alpen/Bayern/Deutschland"

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