Verbiss der Baumverjüngung durch Schalenwild

Unter Verbiss versteht man das Abfressen von Knospen, Trieben und Blättern von Sträuchern und Bäumen durch wildlebende Huftiere zur Nahrungsaufnahme. Unsere wildlebenden Huftierarten - Reh (Capreolus capreolus L.), Rothirsch (Cervus elaphus L.), Sikahirsch (Cervus nippon), Gämse (Rupicapra rupicapra L.), und Steinbock (Capra ibex) beeinflussen über den Verbiss die Verjüngung und Entwicklung dieser Pflanzen. 

Der Verbiss von Endtrieben (auch Terminaltrieb- oder Leittriebverbiss genannt) bewirkt bei den Bäumen einen Höhenzuwachsverlust und bei jungen Bäumchen (Keimlinge, Sämlinge) eine erhöhte Mortalität (Totverbiss). Reh, Hirsche und Gämse wählen bei ihrer Nahrungsaufnahme selektiv einzelne Baumarten aus. Nicht alle Baumarten reagieren auf den Verbiss gleich schnell und effizient, z.B. indem sie Seitentriebe aufstellen, die dann die Funktion des ehemaligen Höhentriebs übernehmen.

Wildlebende Huftiere beeinflussen deshalb das Wachstum der verschiedenen Bäume je nach Baumart unterschiedlich. Dies kann die relative Häufigkeit einzelner Baumarten in einem Waldgebiet stark verändern. Bei hohem Wilddruck können einzelne, standortsgerechte Baumarten sogar ausfallen. Wiederholter Verbiss beeinflusst die Zusammensetzung und Struktur zukünftiger Wälder.

  • In der kollinen Stufe wird besonders die Eiche durch das Rehwild bevorzugt verbissen, aber auch andere Laubbäume wie Ulmen und Eschen.
  • In der montanen Stufe werden Weisstannen, die verschiedenen Ahornsorten, Fichte und Buche durch Rehe, Hirsche und Gämsen gerne verbissen.
  • In der unteren subalpinen Stufe sind es Bergahorn, Vogelbeere und Arve welche oft durch Gämsen und Hirsche, an der oberen Waldgrenze auch zum Teil durch Steinböcke verbissen und geschlagen werden.

 
Aber auch seltenere Baumarten wie Eiben und Ulmen werden häufig als Keimlinge- bis, Sämlinge durch das Rehwild verbissen. Gepflanzte exotische Baumarten (Douglasie, Roteiche, Felsengebirgstanne) sind besonders beliebt, ohne Wildschutzmassnahmen ist ein Aufkommen unmöglich. Dies haben Versuche der WSL mit Exotenaufforstungen an der Waldgrenze aus den Jahren 1985 deutlich aufgezeigt.

 

Starker Verbiss der wildlebenden Huftiere kann langfristig sein:

  • die Artenzusammensetzung eines Waldes verändern, indem einzelne Baumarten bevorzugt gefressen werden (Entmischung) und selten verbissene oder tolerant reagierende Baumarten zur Dominanz gelangen. 
  • das Aufwachsen der Verjüngung verlangsamen, was nicht zu tolerieren ist in Schutzwäldern und Aufforstungen, besonders im steilen Gelände.
  • die Stammzahl und die Holzqualität vermindern (z. B. Mehrstämmigkeit, Pilzbefall) und damit die Schutzwirkung des Bergwaldes verschlechtern.

 

Speziell im Gebirgswald wachsen die Bäumchen langsam und damit ist die Zeitspanne bis Reh, Rothirsch und Gämse die Endtriebe nicht mehr erreichen sehr viel länger als an schnellwüchsigen Standorten. Bei Weisstannen aus Gebirgslagen geht es zudem 2 Jahre bis die Bäumchen einen neuen richtigen Endtrieb bilden. Laut der Vollzugshilfe zur Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt im Schweizer Wald gehört die Entmischung der Baumartenvielfalt verursacht durch Wildverbiss zu den Hauptproblemen im Gebirgswald.

Aber nicht jeder Verbiss hat einen gleichbedeutenden Einfluss auf die einzelnen Baumindividuen und auf die Baumverjüngung. Werden bei üppiger Baumverjüngung nur die Endknospen einiger Bäumchen abgebissen (leichter Endtriebverbiss), hat dies an schnellwüchsigen Standorten oft keine Langzeitfolgen.

Schälen durch Hirsche im Winter

Nebst Verbiss können die wildlebenden Huftiere Bäume auch Schälen, Fegen und Schlagen und das bis über das Stangenholzalter hinaus. Unter Schälen versteht man das Abschälen / Abziehen von Rindenstücken mit den Zähnen. Schälen tritt oft geklumpt auf und findet vor allem durch den Rothirsch an dünnborkigen Bäumen statt. Fegen nennt sich das Entfernen des Bastes von Geweihen durch Reiben an Gehölzen. Schlagen ist ähnlich zum Fegen, findet jedoch über das ganze Jahr hindurch statt und dient zur Markierung des Territoriums.

Fegen durch Rehbock und Sommerschäle durch Hirsche

Vom Fegen, Schlagen und Reiben von Rothirsch und Rehbock sind meist markante, einzelnstehende Bäume (Markierbäume oder Malbäume) betroffen.  Beliebt sind besonders gepflanzte Bäume oder Gehölzarten mit ätherischen Ölen (wie Douglasie, Lärche, Föhren, Wacholder, Kirsche und Exoten). Schälen und Fegen können zu Pilzinfektion und Mortalität der Bäume führen.

Filme zum Thema Wald und Wild: Fegen, Schlagen, Schälen und Verbiss.

 

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Weiterführende Literatur