Seit erstem Juni leitet Pascal Haegeli die Forschungseinheit Lawinen und Prävention am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Beim Spaziergang um den Davoser See erzählt er, wie sich die Lawinenwarnung unter seiner Ägide entwickeln soll und warum er erstmals in der Geschichte des Instituts Sozialwissenschaften ans SLF holen will.
- Menschen im Fokus: Forschung will besser verstehen, wie Lawinenwarnungen wirken.
- Lawinenwarnung verbessern: Natur- und Sozialwissenschaften sollen zusammenarbeiten, für verständlichere Informationen und mehr Sicherheit.
- Klimawandel verändert Lawinen: Die Gefahr bleibt – nur die Lawinen verändern sich.
Herr Haegeli, seit 1. Juni leiten Sie die Forschungseinheit Lawinen und Prävention am SLF. Lohnt es sich denn angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen schneearmen Winter noch, viel Geld in die Lawinenforschung zu stecken?
Selbstverständlich. Wir werden in den kommenden Jahrzehnten immer noch genug Schnee für Lawinen haben. Die Lawinen werden ihren Charakter verändern, und darauf müssen wir uns richtig vorbereiten. Es wird neue, andere Extremsituationen geben als die, die man historisch kennt. Darauf müssen sich die Menschen in den Alpen einstellen. Eine generelle Erwärmung heisst nicht einfach weniger Lawinen. Das ist ein bisschen komplizierter.
Was wird der Kern Ihrer Forschung in den kommenden Jahren sein?
Jetzt geht es erstmal darum, meine Forschungseinheit und die Lawinencommunity in der Schweiz richtig kennenzulernen. Da ich ja aus dem Ausland komme, habe ich da viel zu lernen. Vielleicht kann man das als persönliche Forschung bezeichnen. Gemeinsam können wir dann Visionen entwickeln, wohin es in den nächsten Jahren gehen soll.
Sie haben zuvor 28 Jahre lang in Kanada gelebt und geforscht. Unterscheidet sich das wissenschaftliche Umfeld?
Meine Situation ist hier ganz anders. In Kanada war ich an einer Universität und weit und breit der einzige Lawinenforscher. Deshalb konnten wir uns mehr oder weniger nur innerhalb meiner Gruppe über Forschung austauschen. Zudem waren die engsten Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis sechs bis zehn Autostunden entfernt, was den täglichen Austausch etwas schwieriger macht. Das ist am SLF schon ganz anders. Mit so vielen Lawinenforschenden unter einem Dach zu sein und Praktiker in nächster Nähe zu haben, ist schon toll.
Bereits während Ihrer Doktorarbeit in Vancouver haben Sie Ihr eigenes Beratungsunternehmen Avisualanche gegründet. Existiert das noch?
Nein. Seit ich meine Professur an der Simon Fraser University im Jahr 2015 erhalten habe, habe ich die Arbeit unter Avisualanche Consulting nicht mehr weiterverfolgt. Ich bin da ursprünglich auch eher reingerutscht. Im Winter 2003 – ich war im letzten Winter meiner Doktorarbeit – gab es in Kanada zwei grosse Lawinenunfälle mit jeweils sieben Toten. Als Reaktion gab es dann diverse Projekte, um die Lawinenwarnung, die Ausbildung und das Risikomanagement zu modernisieren. Ich hatte dann die Möglichkeit, eines dieser Projekte zu leiten, und das war damals der Grund für meinen Schritt in die Selbstständigkeit. Das war auch die Zeit als ich mich das erste Mal mit Sozialwissenschaften enger auseinandergesetzt habe, um besser zu verstehen, wie man das Lawinenrisiko besser kommuniziert. Als ich meine Professur erhielt, habe ich diese Arbeit dann an die Universität übertragen.
Werden Sie weiter an der Risikokommunikation arbeiten?
Ganz klar, das Thema werde ich auch am SLF weiterverfolgen. Es ist wichtig zu verstehen, wie unsere Kunden – Hobbysportler, aber auch Lawinendienste – unsere Produkte lesen, verstehen und anwenden. Nur so können wir sicherstellen, dass wir die richtigen Informationen vermitteln und unsere Botschaft auch richtig ankommt.
Das klingt nicht sehr nach Naturwissenschaft. Heisst das, Sie holen erstmals in der Geschichte des SLF die Sozialwissenschaften nach Davos?
Ich glaube, es wäre eine gute Idee. Risikokommunikation ist ein wichtiger Aspekt für die ganze Präventionskette, die mit den Prozessen in der Schneedecke beginnt und der Anwendung der Lawinenwarnung endet.
Forschende aus den Naturwissenschaften stehen den Sozialwissenschaften oft skeptisch gegenüber.
Dass die Sozialwissenschaften von den Naturwissenschaften gerne etwas belächelt werden, ist mir klar. Aber meiner Meinung nach stehen die Sozialwissenschaften in keiner Weise den Naturwissenschaften nach. Die Effektivität unserer Produkte systematisch zu erforschen und Resultate zu liefern, die uns helfen unsere Produkte zu verbessern, ist keine einfache Aufgabe.
Und wie wollen Sie beide überzeugen, zusammenzuarbeiten?
Es ist mir klar, dass das mit der langen naturwissenschaftlichen Geschichte am SLF vielleicht nicht ganz einfach sein könnte. Aber ich komme von einem Institut, wo angewandte Natur- und Sozialwissenschafterinnen und -wissenschafter sehr eng zusammenarbeiten, um die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen wie den Klimawandel und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen zu lösen. Da informieren die Naturwissenschaften die Sozialwissenschaften und umgekehrt. Und um das Lawinenproblem zu lösen, braucht es eben beide Perspektiven. Es bestreitet wohl niemand, dass bei Lawinenunfällen der Faktor Mensch eine grosse Rolle spielt.
Das ist die Kernaufgabe des Lawinenwarndiensts am SLF, für den Sie verantwortlich sind. Schon Ideen, wie der noch besser werden kann?
Das Team arbeitet bereits intensiv an neuen Modellen, um genauere, höher aufgelöste, regionale Vorhersagen zu produzieren. Wir müssen auch sehen, wie wir die neuesten Resultate aus der Forschung zu Lawinenbildung und Lawinendynamik in unsere Produkte einbeziehen können. Und dann – das geht wieder in die Sozialwissenschaften rein – geht es auch darum, wie man diese Erkenntnisse am besten für die Endanwenderinnen und -anwender aufbereitet. Und da geht es nicht nur darum, wie das Lawinenbulletin von Hobbysportlern benützt wird, sondern auch um unsere Dienstleistungen für Lawinendienste, Ingenieurbüros, und so weiter.
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