05.05.2026 | Stephanie Kusma | WSL News
Wie könnte sich das Leben in der Schweiz sozial, wirtschaftlich und politisch bis zum Ende des Jahrhunderts entwickeln? Das haben Forschende der Eidg. Forschungsanstalt für Wald Schnee und Landschaft WSL im Rahmen des Programms NCCS-Impacts untersucht. Herausgekommen sind fünf Szenarien – deren Einfluss auf den Ausstoss von Treibhausgasen sich in der Modellierung deutlich unterscheidet, wie eine neue Publikation aufzeigt.
- Szenarien für die Schweiz: WSL-Forschende haben fünf «Shared Socioeconomic Pathways» für die Schweiz entwickelt, die SSP-CH.
- Mögliche Zukunft ausloten: Die SSP-CH zeigen mögliche Pfade auf, wie sich die Gesellschaft sozial, wirtschaftlich und politisch entwickeln könnte, ohne diesen Entwicklungen Wahrscheinlichkeiten zuzuschreiben.
- Modellierte Emissionen: Eine neue Publikation unter dem Dach des National Centre for Climate Services NCCS stellt auf Basis der SSP-CH und verschiedener Klimapolitiken modellierte Treibhausgasemissionen für die Schweiz bis zum Jahr 2100 vor.
Die Schweiz, 1952: Das Frauenwahlrecht lag in weiter Ferne. Filme sah man im Kino, elektronisches Massenmedium war das Radio. Ein reguläres Fernsehprogramm der SRG existierte nicht, Autobahnen auch nicht. An der ETH Zürich baute Eduard Stiefel mit der ERMETH, der elektronischen Rechenmaschine der ETH, an einem der ersten Computer Europas. Der Siegeszug des Rock’n’Rolls zeichnete sich ab. Es wohnten weniger als fünf Millionen Menschen in der Schweiz.
Von Wertewandel bis Mobilität ¶
Heute präsentiert die Schweizer Gesellschaft ein anderes Bild. Und wie wird es in 74 Jahren, zum Ende des Jahrhunderts, aussehen? «Das lässt sich nicht exakt voraussagen», sagt die WSL-Geographin Lena Gubler. «Dafür sind die Entwicklungen zu unvorhersehbar. Das System ist zu komplex, zu viele Faktoren greifen ineinander.» Eine Vorstellung möglicher gesellschaftlicher Entwicklungspfade zu haben, ist aber wichtig. Denn wie sich das soziale, wirtschaftliche und politische, also das soziökonomische Leben entwickelt, beeinflusst unter anderem den Ressourcenverbrauch, den Klimawandel und Infrastrukturbedarf. Um hier in die Zukunft zu denken, sind wissenschaftlich erarbeitete Szenarien hilfreich, die mögliche Entwicklungen aufzeigen und einander gegenüberstellen.
Der Weltklimarat IPCC verwendet globale sozioökonomische Szenarien (Shared Socioeconomic Pathways, SSP) bereits seit längerem für Klimamodellierungen. Gubler und ihr WSL-Kollege Pascal Tschumi haben nun im Rahmen des NCCS-Impacts-Programms des National Centre for Climate Services NCCS fünf sozioökonomische Szenarien für die Schweiz entwickelt, die SSP-CH (Shared Socioeconomic Pathways-CH). Auf deren Basis und in Verbindung mit verschiedenen Klimapolitiken modellierten Projektpartner (INFRAS und PROGNOS) dann mögliche zukünftige Treibhausgasemissionen (siehe Box 2). Eine neue Publikation unter dem Dach des NCCS stellt diese nun vor.
Fünf Zukünfte ¶
Die Szenarien stellen fünf mögliche Entwicklungspfade vor. Drei davon ähneln den globalen SSPs des Weltklimarats: Bei einem sind Wirtschaft und Gesellschaft hoch technologisiert und basieren auf erneuerbaren Energien; bei einem anderen sind Staat und Wirtschaft schwach, und die Gesellschaft zerfällt. Ein weiteres malt das Bild einer tief geteilten Gesellschaft, in der eine kleine Elite der verarmten Mehrheit der Bevölkerung gegenübersteht.
Zwei Szenarien weichen von den globalen SSPs ab: Eines zeichnet eine Schweiz, die lange Zeit auf fossile Energien gesetzt hat und gegen Ende des Jahrhunderts mit den Auswirkungen schwankender und hoher Energiepreise sowie den Kosten einer stark degradierten Umwelt kämpft. Ein letztes Szenario schliesslich beschreibt eine Gesellschaft, der Zusammenhalt und Wohlbefinden wichtiger sind als wirtschaftlicher Erfolg und finanzieller Wohlstand.
«Keines unserer Szenarien ist wahrscheinlicher als ein anderes», betont Gubler. «Es geht darum Varianten auszuloten, wie denkbare Zukünfte aussehen könnten, basierend auf Wenn-Dann-Überlegungen, und nicht darum, etwas zur Wahrscheinlichkeit auszusagen, mit der sie oder einzelne ihrer Aspekte eintreten.»
Informierte Entscheidungen treffen ¶
Die Szenarien eignen sich als Diskussionsgrundlage, um die Auswirkungen langfristiger Entscheidungen besser abschätzen zu können. «Um diese beschreibenden Zukunftsbilder in Treibhausgasemissionen zu übersetzen, haben die Projektpartner eigens Modelle entwickelt», berichtet Gubler. «Die SSP-CH lassen sich aber auch für andere zukunftsgerichtete Arbeiten nutzen.»
Denn sie erlauben, mögliche gesellschaftliche Änderungen wie ein gewandeltes Konsumverhalten oder neue Sozialstrukturen, in weiteren Szenarien zu berücksichtigen: Zum Beispiel Szenarien der Schweizer Wirtschaft, des Verkehrs, des Zustands der Biodiversität oder in Risikoanalysen. «Dies trägt wesentlich zu einer ganzheitlichen Betrachtung möglicher Entwicklungen bei», so die Forscherin.
Auf einer eigenen Website stellen die Forschenden alle im Projekt erarbeiteten Daten, die SSP-CH, Pakete klimapolitischer Instrumente (SPA) und die Modellierungen von Treibhausgasemissionen vor.
Breit abgestützte Grundlage
Um die SSP-CH-Szenarien zu entwickeln, führte das WSL-Team Gespräche mit knapp 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 20 Forschungseinrichtungen und Universitäten in der Deutsch- und Westschweiz. Es ging dabei um eine Vielzahl sozioökonomischer Bereiche – von der inneren Sicherheit über Mobilität und Raumentwicklung bis zum Erziehungswesen. Aus den Interviews mit den Expertinnen und Experten berechneten die Forschenden dann mithilfe eines spezialisierten Computerprogramms in sich konsistente Szenarien, die sie schliesslich in Workshops in der Deutsch- und Westschweiz mit der interessierten Öffentlichkeit diskutierten und ausbauten.
Im Rahmen des SSP-CH-Projekts formulierten die Projektpartner und -partnerinnen der Beratungsfirma INFRAS Pakete klimapolitischer Instrumente (SPA, Shared Policy Assumptions), die von einer stark lenkenden bis zu einer minimalen Klimapolitik reichen. Auf Basis der Szenarien und Klimapolitiken modellierte ein INFRAS-Team zusammen mit der Beratungsfirma PROGNOS, wie sich der Treibhausgasausstoss und die Landnutzung in der Schweiz bis 2100 entwickeln könnten.
NCCS: das Netzwerk für Klimadienstleistungen
Als nationales Koordinations- und Innovationsorgan und Wissensdrehscheibe unterstützt das NCCS klimakompatible Entscheidungsfindungen, um Risiken zu minimieren, Chancen zu maximieren und Kosten zu optimieren. Im NCCS-Programm «Entscheidungsgrundlagen zum Umgang mit dem Klimawandel in der Schweiz: Informationen zu sektorenübergreifenden Themen» («NCCS-Impacts») wurden von 2022 bis 2026 in mehreren sektorübergreifenden Projekten praxisnahe Klimadienstleistungen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft erarbeitet. Diese sollen Akteuren aus Politik, Verwaltung, Privatwirtschaft und Forschung als Entscheidungsgrundlage für Massnahmen zur Vermeidung von Treibhausgas-Ausstoss und zur Anpassung an den Klimawandel dienen. Das Programm «NCCS-Impacts» wird von allen Mitgliedern des NCCS gemeinsam getragen. Mit einer Gesamtschau stehen ab Herbst 2026 sämtliche Ergebnisse gebündelt zur Verfügung. www.nccs.ch
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